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Die Galerie im Landesmuseum

Der goldene Flügelaltar der Welfen

Von Johanna Di Blasi

Setzkasten der Herrscher: Die „Goldene Tafel“ zählt zu den kostbarsten Schätzen der Landesgalerie Hannover.
Die Goldene Tafel, ein prunkvoller Flügelaltar in der Landesgalerie Hannover

Demonstration der Macht. Die Goldene Tafel ist nicht etwa ein gedeckter Tisch, sondern ein prunkvoller Flügelaltar und Ausdruck des Reichtums der Welfenherrscher. Bis heute zieht sie als eines der bedeutendsten Kunstwerke Nordddeutschlands das Interesse in der Landesgalerie auf sich.

© Ralf Decker

Sie war Mittel einer atemberaubenden Macht- und Reichtumsdemonstration der Welfenherrscher und magischer Anziehungspunkt für den mittelalterlichen Pilgertourismus. Die „Goldene Tafel“ zählt zu den bedeutendsten und spannendsten Kunstobjekten im norddeutschen Raum. Und es braucht nicht zu verwundern, dass sich auch raubeinige Räubergeschichten um das kostbare Objekt ranken.

Doch was genau ist die „Goldene Tafel“? Ihr Name lässt an einen besonderen Tisch denken, doch die „Güldentaffel“ ist keineswegs eine Festtafel, sondern – in der Landesgalerie in Hannover kann man sich davon überzeugen – ein monumentaler mittelalterlicher Flügelaltar. Der namengebende Teil des um 1419 geschaffenen früheren Hochaltars der Lüneburger Michaeliskirche ist allerdings längst verschollen. Es war eine romanische Reliefplatte aus Gold und Edelsteinen, ein sogenanntes Antependium. Eigentlich als Altarsockelverkleidung gedacht, wurde das geerbte Stück wohl wegen seiner Kostbarkeit zum Herzstück des gotischen Flügelaltars.

Der erstaunlich gut erhaltene doppelflügelige Altar, den Malereien und Figuren schmücken, gilt als herausragendes Beispiel für den „Schönen“ oder „Weichen Stil“ der Spätgotik. Einst bildeten die heute bewunderten Flügel die schützenden Hüllen für einen monumentalen Setzkasten, der mit Reliquien regelrecht munitioniert war. Rings um die verlorene Goldplatte waren Apostelzähne und Haarbüschel von Märtyrern gruppiert, eindrucksvolle Armreliquiare aus Lindenholz, exotische Behälter aus Straußeneiern und ein angebliches Schulterfragment von Johannes dem Täufer in einer Lederdose mit islamisch beschriftetem Gewebe. Mitunter finden sich Splitter unterschiedlicher Strahlkraft – von Aposteln, Märtyrern, vom Heiligen Kreuz – sogar im Multipack. Die Welfen besorgten, was gut und teuer war, und die Beglaubigungsurkunden („Authentiken“) gleich dazu, denn wo Reliquien sind, ist auch der Zweifel. So bestätigt die Äbtissin Hedwig von St. Maria im Kapitol zu Köln die Echtheit von Reliquien der 11 000 Jungfrauen der gemarterten Heiligen Ursula. Heute nimmt man an, dass sich der lebhafte Kölner Handel mit Jungfraureliquien nicht unwesentlich aus römischer Soldatengräbern speiste.

Neben Primärreliquien (Zähne, Haare, Knochen) gehören zum Schatz der „Goldenen Tafel“ auch Sekundärreliquien, sogenannte Berührungsreliquien. Wie allerdings ein grobschlächtiges Jagdmesser und ein filziger Pontifikalschuh in den heiligen Setzkasten gelangten, verwundert. War das ein Scherz aus Aufklärungstagen? Und was hatte eine Alraune in dem Altar zu suchen? Harry-Potter-Leser wissen, dass das auch Mandragora genannte Gewächs, dessen Wurzel an eine Menschengestalt erinnert, als Zauberpflanze gilt.

Im Laufe der Jahrhunderte scheinen die 22 Fächern der „Goldenen Tafel“ immer wieder umgeräumt worden zu sein. Zwei grobe Einschnitte gab es in der Barockzeit. Im Frühjahr 1698 verschaffte sich der berüchtigte Räuberhauptmann, Kirchendieb und Mordbrenner Nickel List mittels eines nachgemachten Schlüssels Zugang zur Kirche und brach Edelsteine und Gold aus der zentralen und namengebenden Mitteltafel und ruinierte diese. Ein Jahr später wurde Nickel gefasst und in Celle hingerichtet. Bereits 1644 hatte der Räuber Matthias Reinicke zugeschlagen, er wurde in Hamburg hingerichtet. Seine sakrale Bedeutung hatte der Altar zu dieser Zeit auf Grund der Reformation bereits eingebüßt. Teile wurden verkauft. Die Reste gelangten ins Kuriositätenkabinett der Lüneburger Ritterakademie und später nach Hannover. Ein verloren geglaubtes Figürchen einer namenlosen Heiligen tauchte vor drei Jahren im belgischen Kunsthandel auf und konnte angekauft werden.

Bis heute ist allerdings ein eher reservierter Umgang mit dem mittelalterlichen Objekt zu beobachten. Wohl gilt es als herausragendes Kulturgut, die erhaltenen Teile aber werden getrennt aufbewahrt. Die Kunst (die bemalten Altarflügel und Reliquienbehältnisse in Büstenform) findet sich im Landesmuseum, die Reliquien hingegen werden nicht ganz sauber unter „Kunsthandwerk“ verbucht und befinden sich im Museum August Kestner.

Schon lange ist man unglücklich über die Trennung. Wolfgang Schepers, der Direktor des Museum August Kestner, spricht gar von „einem ziemlichen Unsinn“. Da sein Haus für eine Gesamtpräsentation zu beengt sei, würde er die Reliquien im Tausch mit anderen Exponaten herausgeben, sagt Schepers. Allerdings nicht nach Lüneburg. Dort träumt man von einer neuerliche Präsentation in der Michaeliskirche. Ein mittelalterlicher Reliquienaltar als Touristenmagnet in einer protestantischen Kirche – die Vorstellung entlockt Schepers ein süffisantes Lächeln. Der neue Direktor des Landesmuseums, Jaap Brakke, hat sich gleich nach seiner Ankunft in Hannover mit Schepers wegen des „Top-Exponats“ beraten. Im Zuge einer großen Mittelalterschau, so stellt Brakke in Aussicht, könnten die verstreuten Teile des Altars im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover wieder zusammen geführt werden.

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