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Der goldene Flügelaltar der Welfen Kirsten Hinderer: "Ich bin überwältigt vom Erhaltungszustand"

Menschen im Museum Kirsten Hinderer: "Ich bin überwältigt vom Erhaltungszustand"

Ein kleiner Riss ... eine Jahrhunderte alte Schmutzschicht ... Hier ist Maßwerk herausgebrochen ... sehr schöne Alterskrakelee ... Hier fehlt ein ganzer Unterarm ... in den Falten liegt eine Übermalung ...“

Mit der Stirnlupe inspiziert Kirsten Hinderer, Restauratorin am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, Skulpturen und Fialen des fast 600 Jahre alten Flügelaltars, lugt bis in die kleinsten Ritzen und Schadstellen. Fast hat es den Anschein, die mit großer Sorgfalt vorgehende Frau habe nicht ein Kunstwerk, sondern einen sehr empfindlichen, überaus feingliedrigen Patienten vor sich: mit filigranen Knochen, durchsichtigem Teint und tiefgründigem Wesen.

Die „Goldene Tafel“, einst prunkvoller Blickfang in der Lüneburger Kloster- und Wallfahrtskirche St. Michaelis, hat einiges durchgemacht. Die Bemalung, bei der sattes Grün (bei Kleidern und Bäumen) und leuchtendes Zinnober (als Hintergrund) besonders hervorstechen, ist aber in tadellosem Zustand. Im geschmeidigen spätgotischen Stil dargestellte Klagegestalten unterm Kreuz sind so fein gekleidet wie für einen höfischen Ball oder ein ritterliches Turnier. Nur „begrenzte Fehlstellen“ und „einzelne Kratzer“ stellt die Diplomrestauratorin fest. Das klingt nicht besorgniserregend.

Problematischer – und restaurierungsbedürftig – ist hingegen der Innenteil mit den vergoldeten Figuren. Manche Köpfe sehen verkrustet und schwarz aus. Kerzenruß und Weihrauch sind dafür verantwortlich. Aus konservatorischer Sicht sind Kirchen keine besonders geeigneten Aufenthaltsorte für Kunstwerke. „Verschwärzungen“, „Beriebe“ und „Verputzungen“ stellt Hinderer fest.

Inmitten der Rußköpfchen erscheint eine Mädchenfigur hell und strahlend, die nur 30 Zentimeter große namenlose Heilige, die vor drei Jahren im belgischen Kunsthandel aufgetaucht war und angekauft werden konnte. Die Restauratorin betrachtet den Neuzugang aber mit Stirnrunzeln, so wie man eine übertrieben herausgeputzte Dame anschaut. „Sie glänzt, weil eine dämpfende Leimschicht entfernt wurde“, erklärt sie.

Nach der Renovierung des Barfüßeraltars (die Kosten lagen bei mehr als einer Million Euro und dauerte sechs Jahre) möchte das Landesmuseum die „Goldene Tafel“ in Angriff nehmen, doch die Finanzierung konnte bislang nicht gesichert werden – die Kosten liegen schätzungsweise wieder bei rund einer Million Euro. Umfangreiche Voruntersuchungen wurden bereits vorgenommen, an denen die 1969 in Heilbronn geborene Restauratorin Hinderer beteiligt war. Die an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart ausgebildete Expertin nähert sich den historischen Exponaten voller Behutsamkeit. „Respekt“ ist einer ihrer Lieblingsausdrücke, Restaurieren ihr Traumberuf.

Über die „Goldene Tafel“ sagt sie entzückt: „Ich bin überwältigt vom Erhaltungszustand. Es gibt noch so viel Originales.“

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