Die beste Art, Geschichte erlebbar zu machen, ist seit jeher: Geschichten erzählen. Und so erzählt im hannoverschen Museum für Energiegeschichte(n) ein kleiner, beleuchteter Stoffpilz aus dem Jahre 1920 die Geschichte eines Rheinländers, der sich ebenfalls einen kleinen Stoffpilz patentieren lassen wollte. Doch musste der junge Mann bald feststellen, dass es ein Stopfei mit elektrischer Innenbeleuchtung schon gab. Also erfand er eben eine Blendschutzbrille für Fußgänger, einen elektronischen Brotröster und eine heizbare Kaffeekanne. Für ein Verfahren zur Herstellung eines dem rheinischen Roggenschwarzbrot ähnelnden Schrotbrotes aus Maismehl sicherte er sich 1915 tatsächlich sein erstes Patent; das zweite Zertifikat erhielt er 1918 für die Erfindung einer künstlichen Leberwurst. Berühmt wurde der Rheinländer aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg – als er Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde: Konrad Adenauer.
Im Museum für Energiegeschichte finden sich mit mehr als 1000 Ausstellungsstücken und etwa 3000 historisch-elektronischen Geräten im Magazin unzählige solcher Geschichten wie die von Adenauer. Es sind Anekdoten von Hobbytüftlern und peniblen Wissenschaftlern, von Zufallsentdeckungen und glamourösen Erfindungen nach jahrelanger Forschung. Seit genau 30 Jahren werden sie in einer Dauerausstellung anhand von Staubsaugern und Radios, Messgeräten und medizinischen Apparaten und den mal glücklichen und mal weniger glücklichen Lebensläufen ihrer Schöpfer erzählt.
Zu den weniger glücklichen Erfindern zählt zum Beispiel der Lehrer Philipp Reis, der 1861 in Frankfurt sein „Telephon“ vorstellte. Aus mehr als 100 Metern Entfernung soll der neue Apparat den Nonsenssatz „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“ in einen Vorlesungssaal übertragen haben. Reis wurde berühmt und durfte seine Erfindung sogar dem Kaiser von Österreich vorstellen. Doch Seine Majestät lehnte die Erfindung als Spielzeug ab: Warum solle man mit jemandem reden, den man nicht sieht? Reis’ Pech: 15 Jahre später meldete ein gewisser Graham Bell aus Edinburg beim amerikanischen Patentamt sein gerade erfundenes Telefon an und gilt seitdem als Schöpfer der modernen Kommunikation. Technikgeschichte ist auch immer ein Spiegelbild politischer und gesellschaftlicher Geschichte.
Das Energiemuseum selbst gehörte ursprünglich Hannovers früherem Stromversorger Hastra und war zunächst nur für geschlossene Gruppen gedacht, bis die Betreiber mit der Unterstützung durch e.on Avacon vor zehn Jahren einen Neuanfang zum öffentlichen Museum wagten. „Früher ging es im Museum fast nur um Stromgeschichte“, sagt die stellvertretende Leiterin Silvia Schmitz, „heute werden alle Aspekte der Energiegeschichte berücksichtigt.“ Ein reines Sponsorenmuseum sei man allerdings nicht. „Wir sind in unserer Museumsarbeit inhaltlich völlig frei“, sagt Schmitz.
Und so sammeln sich in der Ausstellung viele Kuriositäten. Ein mittels Fußwippe betriebener Zahnbohrer ist dort zu finden, ebenso eine Trockenhaube aus den dreißiger Jahren, die den passenden Namen „Krake“ trägt, und immer wieder lassen Elektrisiermaschinen den Betrachter schmunzeln, die mit ein paar Stromschlägen bei Kopfschmerzen und Rheumaproblemen helfen sollten. Zudem gibt es ein Wiedersehen mit längst vergessenen Wohnzimmeraccessoires, beispielsweise dem Rauchverzehrer in Hirschform. Dabei erzeugte eine Lampe Licht und Wärme und half – indem Parfüm verdampfte –, den Rauch zu würzen und aufzulösen.
So unglaublich viele Erfindungen in der heutigen Zeit erscheinen mögen, so ungläubig schauen Kinder auf Grammophon und Weltempfänger. Das Energiemuseum führt ihnen (und auch den großen Besuchern) eindrucksvoll vor, wie schnell der technische Fortschritt immer neue Produkte beschert. Darum sammeln die Museumsbetreiber bereits Handys und erste DVD-Player. Es ist ein Haus, das stetigem Wandel und Wachstum unterworfen ist. Es lädt dazu ein, sich zu erinnern und den Fortschritt zu hinterfragen – nicht alles, was erfunden wird, wird auch wirklich gebraucht.
Von Adenauers Blendschutzbrille für Fußgänger ist übrigens nur die Anekdote geblieben. Aber wie über die meisten ausgestellten Erfindungen muss man über diese einfach schmunzeln.
von Jan Sedelies
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