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Historisches Museum

Goldene Kutschen aus der Zeit der Monarchie

Von Simon Benne

Die Welfenkutschen zählen zu den Glanzstücken des Historischen Museums. Jede von ihnen hat ihre Geschichte – wie der „Staatswagen Nr. 1“.
Prunkstück: Der "Staatwagen Nr. 1" ist die prächtigste Kutsche im Historischen Museum.

Prunkstück: Der "Staatwagen Nr. 1" ist die prächtigste Kutsche im Historischen Museum.

© Martin Steiner

Es waren keine guten Zeiten für die Welfen. Georg III., in Personalunion König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover, musste sich daheim in London mit dem Unterhaus um die Besetzung von Regierungsposten herumstreiten. Mit der Unabhängigkeitserklärung der USA verlor er 1776 die britischen Kolonien in der Neuen Welt – und er verlor allmählich den Verstand. Der Monarch litt an Porphyrie, sein Geist trübte sich zusehends. Am Ende redete er angeblich mit Engeln oder grüßte eine Eiche, weil er sie für den König von Preußen hielt. Ein Wahnsinniger an der Schaltstelle eines Weltreiches. Schließlich musste 1811 sein Sohn als Kronprinz die Regentschaft übernehmen, über dessen Verschwendungssucht sich die Gazetten echauffierten.

Der Sohn des unglückseligen Monarchen, der als Georg IV. in die Geschichte eingehen sollte, war gerade volljährig geworden, als er 1783 zum ersten Mal bei der traditionsreichen Parlamentseröffnung vorfuhr. Er trug einen schwarzen Samtanzug mit Satinaufschlägen und goldenen Borten sowie Schuhe mit rosa Absätzen – und seine wohl eigens angefertigte, goldene Kutsche beschwor in ihrer pompösen Pracht jene Macht und Größe, die im Königshaus nicht mehr so selbstverständlich war wie in früheren Zeiten.

In der großen Halle des Historischen Museums stehen viele bemerkenswerte Kutschen, doch dieser „Staatswagen Nr. 1“ ist die prächtigste von allen. Nirgends sonst in Hannover sind Museum und Märchen so nah beieinander wie hier. Nirgends sonst ähnelt die reale Welt so sehr der Glitzerwelt der Cinderellas und Barbies. „Die Besucher identifizieren unser Haus mit diesen Kutschen“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark. Bei dessen Bau wurde der hohe Raum gewissermaßen um die Kutschen herumgebaut. Und hier werden diese wohl auch dauerhaft bleiben: Pläne, sie im 2012 wieder aufgebauten Schloss Herrenhausen zu präsentieren, sind inzwischen vom Tisch. „In den niedrigen Räumen dort würden sie nicht richtig wirken“, sagt Schwark. Und außerdem habe sich auch der Besitzer dagegen ausgesprochen – bis heute gehören die Kutschen Welfenchef Ernst August.

Für dessen Ahnen waren die Edelkarossen nicht nur schnöde Fortbewegungsmittel. Sie waren Vehikel der Selbstinszenierung. Eine Mischung aus Propagandaplakat und Sonntagsanzug. Ein Karosse gewordenes Herrschaftsprogramm. Wer sich darauf versteht, kann in ihnen lesen wie in einem Buch: Löwe und Einhorn, die als Figuren den „Staatswagen Nr. 1“ zieren, sind die englischen Wappenhalter. Reliefs zeigen Herkules in voller Kraft und Stärke, Gemälde an der Wagentür stellen Britannia als erhabene Regentin dar. Die Fensterstreben zieren Bilder früherer Könige, in deren Tradition sich die Welfen sahen. Und als Relief ließ Georg (der König) ausgerechnet Georg (den Heiligen) anbringen, der gerade beim Drachentöten ist. „Ohnehin war der Wagen ein Stück innovative Toptechnologie“, sagt Museumsdirektor Schwark und deutet auf die kunstvolle Federung.

Freilich birgt die Prunkkarosse auch ihre Geheimnisse: So lassen sich ihre Türen nicht von außen öffnen, sondern nur von innen. Eine Sicherheitsmaßnahme: „Aufständische sollten die Insassen nicht herauszerren können – Revolutionen waren nicht ausgeschlossen“, sagt Schwark. Die Kutsche als Chiffre der Macht – dieser Nimbus war nicht mehr unangreifbar.

Nach Hannover kam die Goldkutsche 1814, als Prinzregent Georg sie in die Heimat seiner Ahnen einschiffen ließ. Sein Vater hatte Hannover nie besucht, die Stadt fühlte sich um jeglichen Herrscherglanz betrogen. Als Georg IV. dann 1821 kam und gleich für drei Wochen blieb, wurde er überschwänglich begrüßt. Nach alter Väter Sitte ritt er hoch zu Ross in die Stadt ein. „Nur für den Rückweg bestieg er, 59 Jahre alt, von Gicht und Korpulenz beschwert, mit seinem Bruder Ernst August den Staatswagen“, schrieb die Historikerin Alheidis von Rohr, die führende Expertin für die Welfenkutschen. Patriotische Hannoveraner setzten der Kutsche, die stilistisch zwischen Rokoko und Klassizismus rangiert, später buchstäblich die Krone auf. Seit 1846 ziert die Schnitzarbeit das Dach – wohlgemerkt die Krone des Königreichs Hannover. Nicht irgendsoeine britische.

Im 19. Jahrhundert führten König Ernst August und sein Sohn Georg V. in Hannover alljährlich bei Stallparaden und Hoffesten ihre Staatskarossen vor. Kutschen, „welche sämtlich blitzten, als ob sie eben gemacht wären“, wie ein Zeitgenosse notierte. Die Marstallverwaltung mitsamt Tierärzten, Sattlern und Schmieden verschlang um 1800 nicht weniger als ein Drittel des höfischen Verwaltungsetats. Ein 1861 fertig gestelltes Wagenhaus an der Goethestraße – einige Torbögen des späteren „Eispalastes“ sind bis heute erhalten – bot im Erdgeschoss Platz für 100 Wagen, weitere 60 konnten mit einem Aufzug in den ersten Stock gehievt werden.

Einige jener Prachtwagen sind heute in der Kutschenhalle des Historischen Museums versammelt. Da ist der „Staatswagen Nr. 2“, mit dem der hannoversche Gesandte 1790 bei der Kaiserwahl in Frankfurt vorfuhr. Das elegante Coupé des Prince of Wales, hergestellt um 1785 in London. Oder der rasante Phaeton, den Prinz Edward 1786 in Hannover zurückließ – er hatte hier hohe Schulden gemacht und verließ das Land mit einer gewissen Eile. An diesen Museumsstücken auf Rädern lassen sich große Teile der Welfengeschichte nacherzählen.

Nachdem die Preußen 1866 Hannover annektiert hatten, landeten die Kutschen als Privatbesitz des geschassten Königs Georg V. in Herrenhausen. Ein Filmdokument belegt, dass der „Staatswagen Nr. 1“ noch kurz vor dem Krieg bei repräsentativen Ausfahrten über Hannovers Straßen rollte. Meist war er in der Orangerie mit acht vorgespannten Pferdeattrappen ausgestellt – so viele Rösser standen nur der Kutsche eines Souveräns zu.

Solche diplomatischen Dresscodes gibt es noch heute: Präsidenten bekommen bei Staatsbesuchen 15 Eskorten-Motorräder, Außenminister nur fünf. Am Dienstmercedes des Bundespräsidenten flattert selbstverständlich ein Stander. Und Queen Elizabeth II. fuhr 1953 zu ihrer Krönung mit der „Royal State Coach“. Die vergoldete Karosse von 1761 hatte einst als Vorbild gedient für den „Staatswagen Nr. 1“. Die Liebe zum schmucken (Auto)mobil ist eben keine rein deutsche Angelegenheit.

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  • veraltet pc – 04.11.09
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