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Fotografie im Sprengel Museum

Linse, Licht, Landschaft

Von Johanna Di Blasi

Raritäten unterm Dach: 
Im Sprengel Museum
 verbirgt sich auch
 ein hochkarätiges
 Fotomuseum.
Landschaften in der norddeutschen Tiefebene. Der hannoversche Fotograf Heinrich Riebesehl hat eine eigene Handschrift.

Landschaften in der norddeutschen Tiefebene. Der hannoversche Fotograf Heinrich Riebesehl hat mit seiner Vorliebe für Feldwege, Rübenfelder und Viehherden eine eigene Handschrift entwickelt.

© Heinrich Riebesehl / Sprengel Museum

Den Horizont krönen keine fotogenen Canyons im rötlichenSchein eines Sonnenuntergangs. Die coolen Cowboys aus der Zigaretten- oder Jeanswerbung wären hier fehl am Platz. Das Licht ist diffus. Hölzerne Strommasten werfen Schatten auf eine leere, staubige Straße. Ein Truck, ein Mann vor einer Einfahrt, ein Hund, barackenartige Häuser – so sah und verewigte der US-Fotograf Stephen Shore Mitte der siebziger Jahre den texanischen Grenzort Presidio. Unspektakulär, melancholisch, authentisch – und so dicht wie eine Malerei von Edward Hopper.

Shore, ein Vertreter der „New Colour Photography“ und der „New Topographics“, die einen neuen, künstlerischen Blick auf die Weite der amerikanischen Landschaften warfen, fotografierte Vorstadtarchitektur und Niemandsland: alltäglich für Amerikaner, exotisch für europäische Augen. Die Aufnahme aus der Serie „Uncommon Places“ wurde unzählige Male reproduziert und international in vielen Fotoausstellungen gezeigt. Sie zählt zum umfangreichen Konvolut an amerikanischer Fotokunst in der Sammlung des Sprengel Museum Hannover.

Den Grundstock an Werken internationaler Fotokünstler bilden die Bestände der legendären Spectrum Photogalerie – das war eine der ersten Fotogalerien Europas. Sie ging Anfang der Siebziger aus einer Initiative des hannoverschen Fotokünstlers Heinrich Riebesehl, des Werbe- und Modefotografen Peter Gauditz und des Fotografen Joachim Giesel hervor – und brachte früh Fotokunst von Shore über William Eggleston bis zu Bernd und Hilla Becher nach Hannover. 1979 wurde die nichtkommerzielle Spectrum Galerie ins Sprengel Museum integriert. Seither gibt es sozusagen ein eigenes Fotomuseum unter dem Dach des Kunstmuseums.

Thomas Weski, der von 1992 bis 2000 im Sprengel Museum Kurator für Fotografie und Medien war, heute als Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig lehrt und zu den wichtigsten Experten der Fotokunst zählt, konnte auf die Spectrum-Sammlung aufbauen, nach der auch der renommierte Spectrum-Preis für Fotografie benannt ist. Weski legte einen Schwerpunkt auf die dokumentarische amerikanische Fotokunst der sechziger bis achtziger Jahre.

Seine Nachfolgerin Inka Schube dehnt das Spektrum weiter aus. Sie holt verstärkt zeitgenössische Fotokunst in die Sammlung des Sprengel Museums, unter anderem von Wolfgang Tillmans und Boris Mikhailov. Die Frühphase der Fotografie war bis vor Kurzem durch Leihgaben des Sammlerpaares Ann und Jürgen Wilde breit abgedeckt, das seine Bestände nun in München konzentriert – sich Anfang 2010 aber bei Hannover mit einer großzügigen Schenkung bedanken will. Bis heute zählt das Sprengel Museum europaweit zu den wenigen Häusern, die kontinuierlich Fotokunst sammeln und Fotoausstellungen zeigen. Inzwischen ist die Sammlung auf 6000 Werke angewachsen. Darunter befinden sich auch Leihgaben des Vereins der Freunde des Sprengel Museums, der Stiftung Niedersachsen oder – im Fall des umfangreichen Archivs des hannoverschen Fotografen Heinrich Riebesehl – des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur.

Heinrich Riebesehl wurde 1938 im Emsland geboren. Er studierte an der Folkwang-Schule in Essen bei Otto Steinert, dem Begründer der „subjektiven Fotografie“. Von 1968 bis 1997 lehrte Riebesehl an der Fachhochschule Hannover. Zu einer eigenen Handschrift stieß Riebesehl mit den „Agrarlandschaften“ (1976 bis 1979) durch. Er entwickelte eine Vorliebe für Rübenfelder, Ackerfurchen, Strohballen und Viehweiden. Mit „direkter und genauer Fotografie“ versuchte er nach eigenen Worten seine Umgebung „authentisch und systematisch“ wiederzugeben.

Riebesehl, der inzwischen schwer erkrankt ist und sich aus der Fotografie zurückziehen musste, steht mit seinem Ansatz den zeitgleich in den USA arbeitenden „New Topographics“ nahe. Wie diese duldete er keine Manipulationen im Labor. In Zeiten der Digitalfotografie wirkt dieses Pochen auf Unverfälschtheit sympathisch altmodisch.

Wie seine prominenten Düsseldorfer Kollegen Ernst und Hilla Becher hat Riebesehl agrarische und industrielle Landschaften festgehalten, die häufig in dieser Form nicht mehr existieren. So hatte die progressive Fotokunst, die im 20. Jahrhundert die Kunstmuseen eroberte, merkwürdigerweise auch bewahrende, sentimentale Züge. Und noch eine Besonderheit fällt auf: Nicht die besonders artifiziell oder künstlerisch wirkenden Fotografien fanden als erste Aufnahme in die Kunstmuseen, sondern die betont sachlichen. Sie bilden Kontrapunkte zu den emotionsgeladenen Werbebildern und versprechen, unsere Welt besonders wahr zu spiegeln. So wie Presidio: ein staubiger Ort, nichts für Jungs in Markenjeans.

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