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Mumien im Museum August Kestner

Mr. X wahrt 
sein Geheimnis

Von Simon Benne

Die Mumien sind Besuchermagneten
 im Museum August Kestner:
 Moderne Technik hat viel über sie enthüllt - doch letzte Mysterien bleiben.
Ägyptische Mumie im Mumienkabinett des Museums August Kestner in Hannover

Das Mumienkabinett im Museum August Kestner hat eine hohe Anziehungskraft.

© Frank Wilde

Als der Schweizer Archäologe Robert Forrer 1895 den Grabhügel erreichte, bot sich ihm ein entsetzliches Bild. Erst ein paar Jahre zuvor war der antike Friedhof im ägyptischen Achmim entdeckt worden. Doch Plünderer hatten ihn bereits verwüstet. „Überall erkennt man schwarze Löcher, wo Gräber geöffnet worden sind. Andere schwarze Punkte erweisen sich beim Näherkommen als Menschenleiber – als geöffnete, ihrer Binden und Gewänder entledigte Mumien“, notierte Forrer schaudernd. Bis zu 10 000 Mumien, so schätzt man, hatten in Achmim die Jahrhunderte überdauert. Wie viele von ihnen nun als Brennmaterial für die ägyptische Eisenbahn endeten oder in Papiermühlen landeten, weiß niemand.

So gesehen hatte „Mr X“ postmortal eine Menge Glück. Unter diesem Namen firmiert in der Fachliteratur ganz offiziell jene Männermumie aus Achmim, die ein Hamburger Kaufmann seinerzeit als Reisesouvenir nach Deutschland mitbrachte. Im alten Europa grassierte seit Napoleons Ägyptenfeldzügen eine regelrechte Ägyptomanie. Bei „Mumienpartys“ wickelten Neugierige die Leichname aus – oft so brachial, dass man die Reste nur noch wegwerfen konnte. Mr X hingegen wurde 1886 vom heutigen Landesmuseum erworben, für 300 Mark. Anfang der siebziger Jahre, als Hannovers Museen ihre Exponate untereinander neu sortierten, zog er ins Kestner-Museum um, gemeinsam mit einer weiblichen Mumie, die ebenfalls aus Achmim stammt.

Hier zählen die beiden Ägypter zu den Stars des Hauses, sie sind Besuchermagneten: „Das Interesse an Mumien ist riesig“, sagt Christian Loeben, seit 2004 Ägyptologe am Museum August Kestner (MAK). „Wer vor einer Mumie steht, begegnet einem echten Menschen – einen so unmittelbaren Zugang zu einer fernen Zeit kann kaum ein Kunstwerk eröffnen.“

Freilich ist so eine Leichenschau ethisch nie unproblematisch, die Präsentation erfordert Fingerspitzengefühl. Als einziges Museum Deutschlands hat das MAK ein auf Dauer eingerichtetes, abgeschlossenes „Mumienkabinett“. Pietätvoll ist der Sarkophag von Mr X, der hier auf der Erde steht, nur leicht geöffnet; man muss sich gewissermaßen verbeugen, wenn man seinen vollständig eingewickelten Körper sehen will. Das mit Wänden abgeschirmte Kabinett ist ein friedlicher Ort. Jedenfalls so friedlich, wie eine letzte Ruhestätte sein kann, die sich im zweiten Stock eines Gebäudes am Trammplatz befindet.

„Wir stellen unsere Mumien nicht als Tote zur Schau, sondern präsentieren sie als historische Quellen“, sagt Ägyptologe Loeben. Als Exponate mit Hand und Fuß sozusagen, die viel über ihre Zeit verraten, über Bestattungssitten, Krankheiten oder den Arbeitsalltag ihrer Epoche. Und gerade Mr X, sagt Loeben, habe da viel zu erzählen: „Er ist die bestuntersuchte Mumie der Welt.“

Vor zehn Jahren wurde Mr X – ganz ohne Auswickeln – im Universitätskrankenhaus Hamburg untersucht. Eine ganze Nacht lang lief er als erste Mumie der Welt im „Voxel Man“-Verfahren durch den Computertomographen. Er wurde in seiner gesamten Länge aus einem Abstand von nur einem Millimeter geröntgt. Zum Schrecken einer Putzfrau, die niemand vorgewarnt hatte: Sie entdeckte ihn morgens in dem Apparat. Einen Toten, für den jede Hilfe 2600 Jahre zu spät kam.

Die Untersuchungen ergaben nämlich, dass Mr X um 600 v. Chr. lebte. Er war 1,65 Meter groß, wohl selten krank und wurde 30 bis 40 Jahre alt. Eine Isotopenanalyse brachte heraus, dass er vor allem Fisch auf seinem Speiseplan hatte. Brot und Getreide aß er selten – dafür spricht auch, dass seine Zähne wenig abgenutzt sind. Die CT-Untersuchung ermöglichte Blicke direkt in seinen Körper: Sein Gehirn hatten die Balsamierer mit Haken durch die Nase entfernt. Dann füllten sie harzige Salböle in den Schädel. Auch den Penis rieben sie dick damit ein – offenbar sollte Mr X auch im Jenseits auf seine Zeugungskraft nicht verzichten müssen.

Im Museum sind die beiden Mumien in eine betont nüchterne Umgebung eingebettet: Röntgenaufnahmen und Landkarten vom Fundort umgeben sie ebenso wie Totenbücher, jene Grabbeigaben also, die eine Art Reiseführer für den Weg ins Jenseits waren.

Die Ägyptensammlung des MAK kann mit solchen Exponaten wuchern: Schon Museumsstammvater August Kestner hatte im 19. Jahrhundert Mumienteile gesammelt, einzelne Gliedmaßen oder Tiermumien. Später kamen weitere Stücke dazu, etwa Mumienporträts. Diese Bildnisse wurden den Toten aufs Gesicht gelegt. Das Museum hütet das älteste auf Holz gemalte Mumienporträt der Welt, es stammt aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Museen aus den USA und ganz Europa fragen im MAK regelmäßig nach Leihgaben an: Im vergangenen Jahr stellte der Pariser Louvre ein ägyptisches Relief mit den Urgöttern Nun und Nauret in den Mittelpunkt einer Ausstellung.

Auch Mr X war 2008 bei einer großen Stuttgarter Mumienausstellung, die mehr als 220 000 Besucher zählte, eines der Hauptexponate. Die Stuttgarter revanchierten sich beim MAK, indem sie seinen Sarkophag restaurierten. Auf dem Sargdeckel der weiblichen Mumie des Kestner-Museums hatte die Hamburger Ägyptologin Ruth Brech erst vor drei Jahren Hieroglyphen entziffert und so nach rund 2300 Jahren die Identität der Toten geklärt: Ihr Name war Ta-Osiris.

Auf dem Sarkophag von Mr X fand sich kein Name. „In diesem Sarg war er ohnehin ursprünglich gar nicht bestattet worden“, sagt Ägyptologe Loeben. Denn dessen Holz ist 300 Jahre jünger als die Mumie selbst. Vermutlich haben erst Mumienhändler im 19. Jahrhundert Mr X in den Sarkophag gelegt. Dabei gingen sie rabiat vor: Weil er nicht hineinpasste, brachen sie ihm kurzerhand die Füße. Die splitternden Gelenkknochen rissen die Leinenumwicklung auf. Wer Mr X wirklich war, wird sich wohl nicht mehr klären lassen: „Sein Name wird für immer ein Geheimnis bleiben“, sagt Loeben. So wahrt der durchleuchtete Mr X wenigstens eines seiner Mysterien.

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