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Luftfahrt-Museum

Vom Eindecker zum Düsenjet

Von Simon Benne

Das Luftfahrt-Museum in Laatzen erzählt vom Traum des Fliegens - und vom Albtraum des Luftkriegs.
Luftfahrt-Museum

Die Anfänge der Fliegerei: Vor 100 Jahren erhoben sich Pioniere wie Hans Grade mit seinem Eindecker in die Lüfte.

© Nico Herzog

Vom Fliegen sprach der Flugpionier Otto Lilienthal mit eben jenem Idealismus, den Pioniere oft so an sich haben. Könnte man nur fliegen, so würde dies der Menschheit den „ewigen Frieden“ bringen, schwärmte er 1893: „Die Grenzen der Länder würden ihre Bedeutung verlieren, weil sie sich nicht mehr absperren lassen“, glaubte Lilienthal. „Die Landesverteidigung würde aufhören, die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen.“ Da konnte er noch nicht wissen, dass das kommende, kriegerische Jahrhundert den Traum vom Fliegen wahr werden lassen sollte – und zugleich verkehren würde in einen Albtraum.

Im Laatzener Luftfahrtmuseum stehen die Worte Lilienthals unweit des Eingangs an eine Wand geschrieben wie ein Menetekel. Gerade weil sie so naiv sind, wirken sie wie ein Vorzeichen des Unheils. In zwei riesigen Hallen dokumentiert das Museum mit einer überwältigenden Fülle an Exponaten, dass die Fliegerei seit ihren Anfängen immer wieder Menschen zusammenführte – und dass sie sich andererseits immer wieder in den Dienst von Kriegsmaschinerien stellte. Spätestens als im Ersten Weltkrieg Doppeldecker mit Maschinengewehren ausgerüstet wurden, verlor die Luftfahrt ihre Unschuld.

Ein Rundgang durchs Museum führt zu einem Modell jenes Ballons, mit dem sich die Brüder Montgolfier 1783 in Frankreichs Lüfte erhoben. Es gibt auch einen Nachbau der „Spirit of St. Louis“, mit der Charles Lindbergh 1927 den Atlantik überquerte. „Um Platz für Treibstoff zu haben, war sein Sichtfenster mit Tanks verbaut“, sagt Wilfried Crome, der Besucher durch das Museum führt. „Wollte Lindbergh sehen, was vor ihm war, musste er einen Kreis fliegen und aus dem Seitenfenster schauen. Aber über dem Atlantik war ja noch nicht viel los seinerzeit.“

Neben Propellern, Triebwerken und Uniformen gibt es auch kuriose Exponate – etwa den Rumpf einer Junkers Ju 52, die im Krieg notlanden musste. Museumsgründer Günter Leonhardt hat ihn 1986 einem Bauern in der damaligen Tschechoslowakei abgekauft, dem die Konstruktion lange als Hühnerstall gedient hatte.

Das zerstörerische Potenzial der Luftfahrt dokumentieren englische Fliegerbomben aus dem Krieg, darunter eine tonnenschwere Luftmine, geborgen in Hannover-Anderten – sie hat die Ausmaße einer Litfaßsäule. „Blockbuster“ nannte man diese Bomben, die halbe Wohnquartiere wegsprengen konnten. Ein Flakgeschütz oder Fotos vom zerstörten Coventry und von Leichenbergen in Dresden zeigen auf beklemmende Weise die dunklen Seiten der Fliegerei. Aus dieser Zeit stammen auch die Glanzstücke unter den Exponaten – drei Jagdflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg. Da ist die britische Spitfire Mk. XIV – die einzige, die in einem deutschen Museum zu sehen ist. Die Maschine, Baujahr 1944, war nach dem Krieg in Indien im Einsatz. So kann jedes Exponat hier eine eigene Geschichte erzählen – und alle gemeinsam eine neue. Denn die britische Spitfire steht gleich neben einer deutschen Messerschmitt Bf 109 G-2. Zwei Maschinen von seinerzeit bis aufs Blut verfeindeten Nationen, in musealer Eintracht friedlich vereint. Zusammengeführt von der Leidenschaft für die Luftfahrtgeschichte.

Die Messerschmitt lag mehr als vier Jahrzehnte lang auf dem Grund des Mittelmeers: Ein deutscher Starfighter-Pilot, der Sardinien überflog, bemerkte im Wasser vor der Küste 1987 den Schatten eines Flugzeugwracks. Er wandte sich an Günter Leonhardt, der die Bergungskosten, etwa 150 000 Euro, aus eigener Tasche bezahlte. Fotos zeigen, dass die Aluminiumtragflächen der Messerschmitt unter den vielen Algen kaum noch zu erkennen waren, als man sie aus dem Meer zog.

Sie war lange das meistgebaute Flugzeug der Welt, insgesamt 33 000 Stück wurden produziert – die Messerschmitt war der Standardjäger der deutschen Luftwaffe. Dennoch ist dieses Exemplar heute das einzige dieses Typs in einem deutschen Museum, ein weiteres ist im Royal-Air-Force-Museum in London zu sehen. Entwickelt wurde der Jäger 1934, zu einer Zeit, da teils noch Doppeldecker aus Drahtverhau im Einsatz waren. Die Aluminiumbauweise erwies sich als Meilenstein in der Luftfahrtgeschichte. Und dennoch waren die Jäger bei der „Luftschlacht um England“ 1940 gegenüber den Spitfires im Nachteil: Sie konnten nicht lange genug in der Luft bleiben. Nach 20 Minuten über London ging der Sprit zur Neige, sie mussten umkehren.

Wie ein Puzzle musste die lädierte Maschine aus dem Mittelmeer in Laatzen wieder zusammengesetzt werden – Motor, Leitwerk, Vorderrumpf. Acht Jahre dauerte die Restaurierung. Außen kamen dabei die aufgemalte Karikatur des „englischen Löwen“ zum Vorschein – und ein Wappen von Berlin: ein Staffelabzeichen des Jagdgeschwaders 27. Allmählich gelang es so, die Geschichte dieser Maschine zu rekonstruieren: Nach einem Angriff auf einen US-Bomberverband hatte sie im Krieg bei Porto Corallo notwassern müssen. Einige Einschusslöcher sind noch heute zu erkennen, der Pilot wurde von italienischen Fischern gerettet.

Er hatte mehr Glück als sein Kamerad in der Focke-Wulf FW 190 A-8, die gleich nebenan steht. Auch diese Maschine hat Museumsgründer Leonhardt geborgen, 1997, aus einem Tümpel im Cheiner Moor bei Salzwedel. Augenzeugen hatten sich gemeldet, die als Kinder beobachtet hatten, wie das Flugzeug nach einem Luftkampf abgestürzt war. Das sumpfige Gelände hatte zur Zeit der deutschen Teilung im Sperrgebiet der DDR-Grenzanlagen gelegen. Erst jetzt konnte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge den Piloten würdig bestatten. An Männer wie ihn erinnert im Museum ein kleines Mahnmal. Ein Findling, auf dem der verbogene Propeller der Messerschmitt aus dem Mittelmeer liegt. Die Aufschrift: „Stumme Zeugen – Symbol des Gedenkens an die toten Flieger aller Nationen“.

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