Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Vom Eindecker zum Düsenjet Günter Leonhardt: „Ich bin immer am Boden geblieben“

Menschen im Museum Günter Leonhardt: „Ich bin immer am Boden geblieben“

Der Unternehmer Günter Leonhardt gründete das Luftfahrtmuseum.

Voriger Artikel
„Als wenn ein Engel schiebt“
Nächster Artikel
Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Kontakt

"Ich hatte Herzklopfen": Günter Leonhardt.

Quelle: Nico Herzog

Hannovers Museumsgründer sind meist ins Mythische entrückte Gestalten der Stadtgeschichte, honorige Sammler wie die Sprengels oder Kestners, die teils im 19. Jahrhundert immense Schätze zusammentrugen. Günter Leonhardt zählt ebenfalls zu diesem Kreis, obwohl der 82-Jährige höchst agil und quicklebendig ist. Seine Luftfahrtleidenschaft, sein Sammeln, sein Museum – all das findet seinen Ursprung in seiner Biografie. „Ich gehöre zu der Generation, der man die Jugend gestohlen hat“, sagt er, und er sagt es ohne Selbstmitleid.

Früh begeisterte ihn die Segelfliegerei; freiwillig meldete er sich zur Luftwaffe. Pilot wurde er nie. Leonhardt kam zu einer Luftwaffenfelddivision. Ardennenoffensive, Unterschenkeldurchschuss, Gefangenschaft. „Ich hatte Glück“, sagt er leise. „Viele Flugzeugführer haben nicht überlebt.“ Nach dem Krieg hatten die Alliierten die Luftfahrt eingeschränkt, Leonhardt konnte wieder nicht Pilot werden. Dann kam der Münsteraner nach Hannover. Der jüdische Geschäftsmann Karl Nelke, der dem Holocaust entgangen war, suchte jemanden, um eine Spedition aufzubauen: „Er war ein sehr gütiger, älterer Herr, und ich wurde bei ihm eine Art Prokurist“, sagt Leonhardt. Er lächelt. Prokurist ist ein großes Wort für jemanden, der auf dem Schwarzmarkt Benzin und Kohle organisiert.

Später übernahm er die Firma und machte Nelke zu einer der führenden Speditionen Deutschlands: „Ich habe nie im Leben einen Wechsel unterschrieben und nie einen Kredit in Anspruch genommen“, sagt er stolz. Ein Unternehmer alter Schule. Als er die Firma 1994 verkaufte, hatte sie 541 Mitarbeiter.

Während seines Berufslebens blieb ihm nie Zeit, selbst zu fliegen: „Ich bin immer am Boden geblieben“, sagt Leonhardt doppelsinnig. Doch als Sehnsucht bestimmte die Fliegerei sein Leben weiter. „Meine Liebe zu ihr habe ich anderweitig abreagiert“, sagt er. Er begann zu sammeln, investierte beim Kauf von Propellern und Uniformen ein Vermögen.

Bekannt wurde der Unternehmer 1986 durch ein abenteuerliches Unternehmen: die Bergung mehrerer Ju-52-Maschinen vom Grund eines norwegischen Sees am Polarkreis. Sie waren 1940 auf dem vereisten See gelandet, wegen Spritmangels nie wieder gestartet und versunken. Für die Schatzsuche trug Leonhardt 1,5 Millionen Mark an Spenden zusammen, er ließ Gleise verlegen und am Ufer Kräne mit Seilwinden aufbauen. Mit Erfolg: „Als nach 46 Jahren die erste Maschine aus 72 Metern Tiefe hochkam, hatte ich Herzklopfen – das war das größte Erlebnis meines Lebens.“ 21 Flugzeuge sollte er später bergen – aus Tümpeln, Seen oder der Erde. Einige bildeten den Grundstock des 1992 eröffneten Museums.

„Wir wollen Geschichte so zeigen, wie sie wirklich gewesen ist“, sagt Leonhardt – ein Anspruch, den die wenigsten Historiker so selbstbewusst formulieren würden. Mit dem Museum verfolgt er konkrete Absichten: „Es soll auch eine Mahnung gegen den Krieg sein – und es soll den gefallenen Fliegern ein Denkmal setzen.“

Bei allem Enthusiasmus tritt er heute kürzer. Gerade liegt ihm eine Anfrage aus der Ukraine vor: In einem Wald hat man eine Maschine aus dem Krieg entdeckt und Leichenteile des Piloten. „Aber ich bin für die Bergung zu alt“, sagt Leonhardt. „Der Aufbau meines Museums ist abgeschlossen.“ Die Antwort eines Mannes, der nicht mehr abheben wird.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Luftfahrt-Museum
Luftfahrt-Museum

Das Luftfahrt-Museum in Laatzen erzählt vom Traum des Fliegens - und vom Albtraum des Luftkriegs.

mehr
Mehr aus Vom Eindecker zum Düsenjet