Theater ist eine Kunst des Augenblicks. Auch wenn Stücke eine oder mehrere Spielzeiten laufen, kommt es jeden Abend wieder auf den besonderen Moment an. Daher erscheint es paradox, das Theater zu musealisieren; fast so, als wolle man den Duft einer Blüte oder einen Herbststurm konservieren. Im Grunde kann man nur die Hüllen bewahren; die Roben der Künstler, die das Publikum einst vergötterte, deren Namen heute aber oft nicht mehr geläufig sind, oder Bühnenbildmodelle von historisch gewordenen Inszenierungen, so mag es scheinen. Doch bei näherem Hinsehen bemerkt man mit Überraschung, dass in dem kleinen, aber an Exponaten reichen Theatermuseum tatsächlich etwas aufbewahrt wird, das sehr feinstofflich und kostbar ist: Es ist die Bewunderung und Verehrung des bürgerlichen Publikums für seine angebeteten Künstler.
Den Pop-King Michael Jackson bejubelte und betrauerte ein Massenpublikum. Die Fangemeinde der einst in Hannover engagierten Opernsängerin Gertrud Kappel war übersichtlicher. Aber das Schöne war: Man konnte der Operngöttin, die im hochdramatischen Fach zu Hause war und in Hannover, Wien und New York große Wagner-Partien sang, morgens beim Bäcker leibhaftig begegnen und ihr sagen, wie sehr man sie bewundert. Heute erinnern signierte Fotografien und andere Fanartikel an die Stars von einst.
Die Anfänge des hannoverschen Theatermuseums liegen in einer Zeit, als es im hannoverschen Opernhaus noch eine Königsloge gab. Oben, unter dem Dach der Oper, konnte man den opulenten, mit rotem Samt ausgestatteten Operninnenraum samt Ehrenloge ein zweites Mal bestaunen – en miniature. Im sogenannten Hausmuseum, dem Vorläufer des heutigen Theatermuseums, gehörte ein Modell der Oper zu den Attraktionen. Auf alten Fotografien kann man sehen, wie Kinder ihre Nasen neugierig in den Gesangspalast im Puppenstubenformat stecken.
Die theatergeschichtliche Sammlung in Hannover ist in mehr als achtzig Jahren gewachsen und gehört zu den ältesten ihrer Art. Zunächst sammelten sich im „Konversationszimmer“, dem Aufenthaltsraum von Künstlern und Gästen, Theatersouvenirs an: signierte Fotos, Fächer von Primadonnen, schön gestaltete Programmzettel, Briefe gefeierter Sänger oder Komponisten. Als es zu eng wurde, kamen die Dinge 1928 in einen umfunktionierten Konzertsaal innerhalb des Opernhauses. Das Hausmuseum war geboren. Im Zweiten Weltkrieg, als die Oper ausbrannte, waren auch im Museum große Verluste zu beklagen, unter anderem wurden Briefe von Richard Wagner vernichtet. Einige Stücke aber waren evakuiert worden – und befinden sich im heute räumlich an das Schauspielhaus in der Prinzenstraße angeschlossenen Museum.
Ein Ehepaar aus Hannover, fleißige Abonnenten von Oper, Schauspiel und Konzertbetrieb, hat in den Jahren von 1949 bis 2004, als es ins Altenheim zog, jede einzelne Aufführung in penibler Schönschrift vermerkt. Unter dem ge-stempelten Datum notierte der Gatte den Titel des besuchten Stücks und die jeweilige Besetzung. Nicht ein einziges Mal fügte das Paar einen persönlichen Kommentar hinzu. Dafür zogen sie Jahresbilanz. 1961 etwa besuchten sie 62 Vorstellungen. Der Leiter des Theatermuseums, der Germanist und Theaterwissenschaftler Carsten Niemann, hat den Stapel mit DIN-A6-Heften in seinem Büro griffbereit. Die Freuden passionierter Theater- und Operngänger seien an den Exponaten seines Hauses ablesbar, sagte er, und auch die Leiden: wenn beispielsweise Intendanten wechselten oder Modernes auf der Bühne eingeführt wurde.
Die Dokumente des Theatermuseums gehen bis auf die Zeit um 1800 zurück. Im Archiv befinden sich Theaterzettel, unzählige Programmhefte, etwa 80 Bühnenbildmodelle aus unterschiedlichen Jahrzehnten, etwa 1000 Kostüme, Videos, Kritiken und Personalakten ab 1830. Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein ließen Schauspieler und Sänger Autogrammkarten drucken. Unzählige solcher signierter Karten finden sich im Museum. Inzwischen ist dieser Brauch etwas aus der Mode gekommen. „Schauspieler wie Gert Voss würden das auf keinen Fall machen. Es gilt heute als halbseiden“, sagt Niemann lachend. Die historischen Karten aber, mit Schauspielern in oft merkwürdigen bis drolligen Kostümierungen, haben heute Kultstatus.
Auch Nachlässe befinden sich im Theatermuseum: von Kurt Söhnlein, Kurt Julius und Yvonne Georgi. Der Ausdruckstänzerin, die seit den zwanziger Jahren Hannovers Tanzszene mitprägte, ist noch bis zum 6. Dezember eine Sonderschau gewidmet. Bei der Eröffnung waren auch ehemalige Schülerinnen Georgis da, über 80-jährige Damen. „Manche hatten Tränen der Rührung in den Augen“, sagt Niemann. In seinem Theatermuseum möchte er vor allem eins nicht: Musealität.
Atemberaubend: Yvonne Georgi verzauberte Hannover in den zwanziger Jahren (großes Bild). Der Ausdruckstänzerin ist eine Sonderschau gewidmet, die noch bis zum 6. Dezember läuft. Dabei zu sehen sind auch ihre Originalkostüme, wie das rote Kleid (Bild oben). Weitere Veranstaltungen in den nächsten Tagen: Stg., 22. November, 11 Uhr, Kindererzähltheater „Die fürchterlichen Fünf“; Di., 24. November, 10 Uhr, Vortrag: „Die Berliner Secession – Lovis Corinth“; Stg., 29. November, 11 Uhr, Figurenmusical „Ein Fall für Freunde – Neues aus Mullewapp“, nach Helme Heine; Mo., 30. November, 19 Uhr, Szenische Lesung „Ernst-Erich Buder trifft Heinz Ehrhardt“. Das Bild unten zeigt ein Bühnenmodell aus diesem Jahr zum Stück „Irre“ von Reinhard Görtz, bei dem Jossi Wieler Regie führte.
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