An der Bundesstraße 441 befindet sich hinter Wunstorf auf einer Anhöhe linker Hand ein Parkplatz. Er ist schlicht, nicht mal Bänke gibt es dort. Trotzdem halten wir kurz inne und genießen die Aussicht. Links erhebt sich die Bokeloher Kalihalde, vorne in der Senke ziehen Traktoren über die Felder. Rechts schimmert hinter Bäumen zum ersten Mal das Wasser des Steinhuder Meeres durch.
Seit dem Ende der Weichseleiszeit vor 15 000 Jahren liegt es dort, und seit weit mehr als hundert Jahren, als das Wort Tourismus langsam Bedeutung erlangte, lockt es die Menschen an. Uns geht es nicht anders.
Auf den bisherigen gut 30 Kilometern unserer Fahrt waren wir fast ständig am Wasser. Der Weg Richtung Westen hat uns vom Maschsee aus an der Ihme, der Leine, dem Mittellandkanal und der Wunstorfer Aue entlanggeführt. Jetzt biegen wir am Parkplatz hinter Wunstorf von der trubeligen Bundesstraße nach rechts ab in die Feldmark und wenden uns dem Binnensee zu, der der größte Niedersachsens ist, für den das Wort Meer aber doch etwas großspurig klingt.
Dort herrscht eine Radverkehrsdichte, wie wir sie sonst selten auf unseren Touren erleben. Der Rundweg ums Meer gehört zu den beliebtesten der Region, nicht zuletzt wegen der Naturerlebnisse. Eines davon ereilt uns hinter dem idyllischen, von roten Backsteinbauten geprägten Winzlar. In den Meerbruchwiesen liegt ein ständiges Schnattern in der Luft. Als wir den Binsengürtel am Graben passiert und freie Sicht haben, sehen wir warum: In den Wiesen sitzen Heerscharen von Graugänsen, fressen sich fett am sattgrünen Gras und haben sich viel zu erzählen. Erst als wir einige Kilometer weiter den Weg Richtung Rehburg einschlagen, kehrt Ruhe ein.
Jetzt geht es durch eine Moorlandschaft nach Norden, die Stämme längst abgestorbener Bäume ragen aus trüben Kolken. Der Anblick wirkt archetypisch. Wir aber sind den starken Autoverkehr auf der Landstraße leid und wenden uns Richtung Brokeloh. Dort halten wir am Gasthof „Dreschhof“, weil uns ein Schild auffällt, das wir seit Hannover nicht mehr gesehen haben. Es gibt Herrenhäuser Bier. „Der Großvater des jetzigen Brauereibesitzers hatte hier seine Jagd. Er hat uns beliefert, und wir sind dabei geblieben“, erzählt der Wirt.
Brokeloh mit seinen 350 Seelen und seinem Rittergut ist erstens beliebter Treffpunkt für Anhänger von Phantasiespielen. Schon mehr als 3000 Leute haben hier Schlachten aus dem „Herr der Ringe“ nachgestellt. Zweitens war es 2004 schönstes Dorf in Deutschland – „hier ist noch heile Welt“, sagt der Wirt. Vielleicht hätte die Jury damals auch Husum, Groß-Vahrlingen oder Schessinghausen küren können; alle Orte liegen beschaulich in der Landschaft und wirken so aufgeräumt, als würden die Bewohner täglich nicht nur ihre Häuser, sondern das gesamte Dorf putzen.
Nienburg hingegen präsentiert uns zunächst eines jener hässlichen Gewerbegebiete, auf die man aus optischen Gründen gut verzichten könnte. Dann erreichen wir nach gut 85 Kilometern die Altstadt mit ihren prächtigen Bürgerhäusern – und sind wieder versöhnt.
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