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Der Traum von der Trutzburg

Marienburg Der Traum von der Trutzburg

Melancholie liegt auf dem Märchenschloss, denn die Marienburg spiegelt Glanz und Untergang des Königshauses Hannover wider.

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Wie im Märchen: Die Marienburg

Quelle: Rainer Dröse

Wie ein Märchenschloss erhebt sich die Marienburg über dem Leinetal bei Nordstemmen. Mit ihren vielen Türmen, Wetterfahnen und Zinnen sieht der Palast auf dem Berg genauso aus, wie man sich eine mittelalterliche Burg vorstellt: wehrhaft, erhaben, machtvoll.

Dabei ist alles nur schöner Schein. Denn in Wirklichkeit hat die Marienburg niemals als Festung gedient, und die Bauzeit fällt auch keineswegs ins Mittelalter. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Schloss entstanden. Königin Marie, Gemahlin des letzten hannoverschen Königs Georg V., verwirklichte sich damit ihren romantischen Traum von einer mittelalterlichen Trutzburg. Die Burg ist ebenso nach ihr benannt wie der dazu gehörende Berg, den Georg V. seiner Frau am 14. April 1857 zum Geburtstag schenkte – Schlossbau inklusive.

Das Grundstück war sorgfältig ausgewählt. Es liegt in der Nähe der Stammfeste der Welfen, der Feste Calenberg. Georg V. wollte hier eine repräsentative Sommerresidenz für seine Familie errichten, deren Architektur die Geschichte der Welfen widerspiegelt. Doch der König hat sein Märchenschloss nie zu sehen bekommen, er war seit seiner Kindheit blind.

Zum Ausgleich ließ man ihm ein handliches Modell aus Kork basteln, das es ihm ermöglichte, seine Marienburg zu ertasten. Das Korkmodell ist heute noch in der Eingangshalle zu besichtigen – ebenso die Möbel, Teller, Tassen und Töpfe der herrschaftlichen Bewohner.

Doch der Familie blieb nur ein einziger Sommer, um das Inventar gemeinsam zu nutzen. Mit dem Schloss verbindet sich nämlich auch der Untergang des Königsreichs Hannover: Noch bevor die letzten Bauarbeiten abgeschlossen waren, verlor Hannover mit der Schlacht von Langensalza den Krieg gegen Preußen und war fortan nicht mehr als eine preußische Provinz – das schmachvolle Ende der ruhmreichen Geschichte des Welfenhauses, das von 1714 bis 1837 den englischen König gestellt hatte. Die letzten Tage des untergehenden Königreiches spiegeln sich auch in der eigenartigen Melancholie, die bis heute über dem Schloss liegt.

Georg V. selbst hinterließ kaum Spuren auf der Marienburg. Schon im September 1866, gleich nach dem preußischen Einmarsch in sein Hoheitsgebiet, ging er ins Exil nach Österreich, gemeinsam mit seinem Sohn Ernst August und Tochter Friederike. Gemahlin Marie konnte sich nicht so schnell von ihrem Märchenschloss trennen, das sie während der Bauphase „mein kleines Eldorado“ genannt hatte.

Am 27. September 1866 zog sie mit ihrer jüngsten Tochter Mary in die Marienburg ein und versuchte, das Beste aus der prekären Situation zu machen. Sie zeigte Besuchern stolz ihre moderne Schlossküche, dirigierte einen Hofstaat von rund 40 Bediensteten und überwachte die Fortsetzung der Bauarbeiten.

Schließlich hatte sie bei der Bauplanung die entscheidenden Vorgaben gemacht. Anfangs stand ihr der hannoversche Baumeister Conrad Wilhelm Hase zur Seite. Sieben Jahre arbeitete Hase an der Schlossgestaltung, im Sommer 1864 wurde er nach Unstimmigkeiten mit der Bauleitung entlassen.
Königin Marie stellte daraufhin dessen Schüler Edwin Oppler ein. Und obwohl der Innenausbau zu diesem Zeitpunkt fast abgeschlossen war, begeisterte der jüdische Architekt die Bauherrin mit seinen neuen Ideen derart, dass sie bereits fertige Räume einreißen und neu gestalten ließ. Der neogotische Baustil sollte sich mit modernem Wohnkomfort verbinden – so entstanden ein Rittersaal mit Fußbodenheizung und eine Schlossküche mit fließend warmem Wasser.

Immer noch staunen die Besucher darüber, dass das Schloss mit 130 Räumen die Baustile mehrerer Jahrhunderte in sich vereint, aber schon nach knapp zehn Jahren bezugsfertig war – das Richtfest wurde zwei Jahre nach Grundsteinlegung gefeiert. Und die Idee ging auf: Die Türme mit den Schießscharten und die zinnenbewehrten Mauern ließen das Bauwerk nach außen hin als echte Burg erscheinen. Dabei dienten die Wehranlagen von vornherein ganz profanen Zwecken. Die Bastionen wurden als Eiskeller genutzt, die hohen Wachtürme beherbergten Vogel-volieren und die Lieblingsziegen von Prinzessin Mary.

Doch der Aufenthalt von Mutter und Tochter war nur von kurzer Dauer. Bereits im Juli 1867 verließen Marie und Mary die Marienburg. Sie waren zuvor von den Preußen aufgefordert worden, ihren Hofstaat zu entlassen und durch preußisches Personal zu ersetzen. Völlig inakzeptabel sei dies, fand die gedemütigte Königin – und folgte ihrem Mann ins österreichische Exil. Bei der Abreise soll eines der Kutschpferde ein Hufeisen verloren haben. Es wurde am nordöstlichen Eingangstor der Marienburg angenagelt und ist dort immer noch zu besichtigen.

Obwohl Hannover preußisch wurde, blieb die Marienburg im Besitz der Welfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte die Familie vorübergehend zurück. Herzog Ernst August III., der mit seiner Frau Viktoria Luise und seinen Kindern aus Schloss Blankenburg in der sowjetischen Besatzungszone geflüchtet war, bezog nun Quartier im Märchenschloss bei Nordstemmen.

Britische Besatzungssoldaten halfen den Nachfahren der englischen Könige beim Umzug, 30 Lastwagen beförderten das Inventar des Schlosses Blankenburg nach Niedersachsen. Große Teile davon wurden im Oktober 2005 durch das britische Auktionshaus Sotheby’s versteigert – Ritterrüstungen, Möbel und das Silberservice von Königin Marie. 44 Millionen Euro kamen zusammen.

Die Auktion wurde scharf kritisiert – nicht nur von außenstehenden Historikern, sondern auch von Prinz Heinrich, dem jüngeren Bruder des amtierenden Welfenchefs Ernst August. „Alles in allem hat auf der Marienburg ein Ausverkauf der Welfen- wie Landesgeschichte stattgefunden, den man als Landeshistoriker bedauerlich bis skandalös nennen kann“, schrieb Waldemar R. Röhrbein, der langjährige Leiter des Historischen Museums in Hannover.

Ernst August rechtfertige die Auktion mit den Kosten für die Erhaltung der Marienburg und des Herrenhausen-Museums und gründete mit einem Teil des Erlöses eine entsprechende Stiftung. Bereits 2004 überschrieb er das Schloss seinem damals 21 Jahre alten gleichnamigen Sohn. Der Student Ernst August ist seither Besitzer der Marienburg.

Gemeinsam mit seinem Bruder Christian und Mauritz von Reden, dem Bevollmächtigten seines Vaters, entwickelte er 2006 ein neues Nutzungskonzept, das auf vier Säulen ruht: Museumsbetrieb, Gastronomie, Vermietung für Hochzeiten, Empfänge und Feste sowie Veranstaltungen wie Jazzfrühschoppen oder klassische Konzerte. So ließ der junge Schlossherr die Pferdeställe nach dem Vorbild eines Pariser Bistros aus dem Jahre 1874 zu einem schicken Restaurant umbauen. Und in der Schloss-kapelle kann man sich heute für die Gebühr von 700 Euro trauen lassen und im Rittersaal seine Hochzeit feiern.

Ein Schlossflügel ist nach wie vor für die private Nutzung reserviert. Doch die Welfenfamilie veranstaltet hier nur hin und wieder Empfänge oder kleine Essen. Als Wohnraum wird die Marienburg von ihren Eigentümern längst nicht mehr genutzt. Die letzte Bewohnerin war Viktoria Luise, einzige Tochter Wilhelms II. Nach einem lange andauernden Konflikt mit ihrem Sohn Ernst August IV. räumte sie im Jahre 1965 die Marienburg – und dieser machte das Schloss zum Museum.

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