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Der schöne Schein der Vergangenheit

Braunschweiger Schloss Der schöne Schein der Vergangenheit

In Braunschweig darf sich der Kunde wie ein König fühlen. Hinter der ehrwürdigen Fassade des alten Residenzschlosses verbirgt sich nämlich kein Thronsaal, sondern ein Einkaufszentrum.

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Shoppen hinter nobler Fassade: Das Braunschweiger Schloss beherbergt ein Einkaufszentrum.

Wer die von klassizistischen Säulen getragene Vorhalle durchschreitet, gelangt in einen lichtdurchfluteten Innenhof, in dem elegante Rolltreppen die Kundschaft auf drei Ebenen befördern. Ein Laden schließt sich in diesem Rundbau an den nächsten – 150 Fachgeschäfte aller Preisklassen auf einer Verkaufsfläche von 30 000 Quadratmetern.

Heller Naturstein verbindet sich in den „Schloss-Arkaden“ mit dunklem Holz, und auch sonst ist das Ambiente darauf angelegt, inmitten des lärmenden Einkaufstrubels edle Akzente zu setzen. Diskrete Reminiszenzen deuten an, wie es einst hinter den herrschaftlichen Fassaden aussah: Eine Bordüre erinnert an Stuck, ein Wasserbecken an einen herrschaftlichen Marmorbrunnen. Dass sich neben dem Bassin nicht nur müde Kunden, sondern auch Penner und Punks niederlassen, macht deutlich, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Wer sich zu all dem stilvoll auf Distanz begeben möchte, zieht sich in die erste Etage zurück – in die „Tiziano Schloss-Lounge“, ein italienisches Restaurant, das wie ein Ballsaal gestaltet ist – mit echtem Stuck, Kronleuchtern, Kerzen und Fenstern, die den Blick auf den Schlossplatz freigeben.

„Ein tolles Gebäude, viel harmonischer als der Buckingham Palace“, schwärmte Heinrich Prinz von Hannover, als das ECE-Center im Mai 2007 feierlich eröffnet wurde. Zuvor war jahrelang darüber gestritten worden, ob es vertretbar sei, hinter einer rekonstruierten Schlossfassade ein Einkaufsmekka zu errichten. Denn die Trümmer des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Originalpalasts waren bereits 1960 abgeräumt worden.

Die Kritiker des 200-Millionen-Euro-Baus, der sich im Besitz der „Credit Suisse“ befindet, wurden dadurch besänftigt, dass die Kultur in den Vorbau Einzug halten durfte – auf immerhin 13 000 Quadratmetern. Auf der einen Seite residieren Bibliothek und Stadtarchiv, auf der anderen Seite die städtische Kulturbehörde mit Rotem Saal und Museum. „Niemand muss an Schlüpfern und Schuhen vorbeigehen, um zu uns zu kommen“, betont Fachbereichsleiterin Anja Hesse. „Wir sind vom Einkaufszentrum hermetisch abgeriegelt.“

Und das Publikum strömt offenbar in das neugeschaffene Pseudoschloss. Zum Renner entwickelte sich vor allem die Bibliothek, die auf 8000 Quadratmetern ausreichend Platz bekam, ihre Bestände zusammenzuführen, die bisher auf drei Standorte verteilt waren. Die Ausleihzahlen haben sich seit dem Umzug mit 330 LKW-Ladungen Büchern verdoppelt. Auch das Stadtarchiv, in dem Urkunden aus den 11. Jahrhundert verwahrt werden, freut sich über Besucherzuwachs. Neben Wappenbriefen mit Kaiserinsignien ist hier unter anderem die Weltchronik mit der ersten bildlichen Darstellung Hannovers zu sehen, erschienen um 1500.

Im Roten Saal hat die Kultur der Gegenwart ein neues Zuhause gefunden. Lesungen, Konzerte, Kleinkunst und Theateraufführungen stehen auf dem Programm. Noch im Bau ist das Schlossmuseum. Von Herbst an können die Besucher durch Audienzzimmer, Musikzimmer, Spielzimmer und Thronsaal flanieren und das Originalmobiliar bestaunen. „Wir versuchen, den Braunschweigern einen Teil ihrer Geschichte erlebbar zu machen“, sagt Hesse. „Wir mühen uns, mithilfe von Reminiszenzen an die Vergangenheit einen historischen Raumeindruck zu schaffen, täuschen aber nichts vor.“

Eine besondere Attraktion des Raumkunstmuseums soll ein historisches Menü bilden, das im Weißen Saal aufgetischt wird. An einer langen Tafel mit eingelassenen Monitoren werden unterschiedliche Kapitel der Schlossgeschichte abrufbar sein. „Man kann sich praktisch durch die Geschichte fressen“, sagt die Kulturamtsleiterin. Dabei werden auch Informationen serviert, die nicht so bekömmlich sind – etwa, dass die Nazis eine SS-Junkerschule im Schloss etablierten, „um deutsche Menschen zu SS-Führern heranzubilden“. Auf einer Fürstenberg-Vase wird das entsprechende Himmler-Zitat zu lesen sein. „Die Irritationen, die sich daraus ergeben, sind gewollt“, sagt Hesse.

Irritierend ist die wiedererrichtete Schlossfassade. Nicht alles, was alt aussieht, ist es auch. Die Quadriga auf dem Schlossdach, die einen von vier Rössern gezogenen Streitwagen mit Braunschweigs Göttin Brunonia als Lenkerin zeigt, ist erst vor wenigen Jahren in Polen gegossen worden. Das Original wurde beim Schlossabriss 1960 verschrottet.

Manches dagegen blieb auch erhalten und wurde jetzt eingebaut. Die 600 Originalbauteile sind an dem deutlich dunkleren Grauton zu erkennen. Dazu zählen die Säulen und Sandsteinfiguren des Portikus vor dem Eingang zu den Schloss-Arkaden. Braunschweiger Bürger hatten sie sich beim Abriss gesichert und in ihren Schrebergärten verbuddelt. „Da gibt es viele Geschichten zu erzählen“, sagt Hesse. Ein am Abriss beteiligter Baggerführer etwa habe eine Grundsteinplatte unter seinem Parkettboden verborgen gehalten. „Seine Tochter hat sie nach seinem Tod herausgegeben.“

Denkbar, dass sich ähnliches ereignet, wenn das Schloss in Herrenhausen wieder aufgebaut wird. Auch sonst können sich die Hannoveraner in Braunschweig die eine oder andere Anregung holen. Ein Einkaufszentrum aber wird die Herrenhäuser Gärten nicht verhunzen – schließlich geht es hier nicht nur um die Rekonstruktion einer Fassade.

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1718      beginnen auf einem früheren Klostergelände in Braunschweig die Bauarbeiten für das erste Schloss.

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