Statius von Münchhausen hatte es nicht nötig, seine Zeitgenossen mit Lügengeschichten zu beeindrucken. Das Prahlen überließ der clevere Junker dem Urenkel seines Bruders, der als „Lügenbaron“ in die Geschichte eingegangen ist. Statius von Münchhausen dagegen, er lebte von 1555 bis 1633, häufte als Geldverleiher und Immobilienhai so viele Taler an, dass er sich seine kühnsten Träume verwirklichen konnte. Sein Ruhm gründet nicht auf Luftschlössern, sein Ruhm basiert auf realen Palästen – auf Bauwerken aus solidem Solling-Sandstein.
Zum Beispiel Schloss Bevern im Kreis Holzminden. Es gilt auch 400 Jahre nach seiner Entstehung noch als eines der schönsten Bauwerke der Weserrenaissance. Vier Schlossflügel schmiegen sich um einen Innenhof mit Kopfsteinpflaster und quadratischem Brunnen. Treppenturm und Utflucht (Standerker), ornamentenreiche Steinmetzarbeiten und repräsentative Torbögen verleihen dem Münchhausen-Bau sein markantes Renaissancegepräge.
Leider bleibt das Innenleben hinter der herrschaftlichen Fassade zurück. In einstigen Sälen türmt sich Bauschutt, und selbst die notdürftig renovierten Räume lassen den Glanz vergangener Tage nur noch erahnen. Wer sich ein Bild vom Leben des Bauherren machen will, muss in die „Erlebniswelt Renaissance“ abtauchen, die seit Mai 2008 in einem speziellen Schlossraum in sprechenden Bildern gespeichert ist.
Dort erfährt der Besucher, dass Statius von Münchhausen zweimal verheiratet war, 20 Kinder zeugte, mit Getreide handelte, Geld verlieh und dafür Immobilien pfändete, die er oft später einkassierte. So eignete er sich 1590 auch das Lehen in Bevern an, das er von 1603 bis 1612 zu seinem Hauptwohnsitz ausbauen ließ – mit allen Schikanen der damaligen Zeit. Etwa „Trockentoiletten“, aus denen die Exkremente direkt in den Schlossgraben plumpsten.
Auch in vielen anderen Orten beschäftigte Statius Handwerker, ließ Herrenhäuser, Kirchen, Schulen und Armenhäuser hochziehen und wurde so einer der größten Bauherren seiner Zeit. Doch sein Reichtum stützte sich auf ein riskantes Gewerbe: In der Zeit der fürstlichen Falschmünzer geriet sein Imperium daher in den Sog der Inflation. Während die Fürsten einfach ihre eigenen Taler produzierten, ging Statius pleite.
Schloss Bevern fiel dem Herzog in Braunschweig zu. Immerhin durfte Statius noch bis zu seinem Lebensende im Jahre 1633 auf „seinem“ Schloss in Bevern leben. Die Ära Münchhausen ging erst zu Ende, als seine Witwe mit ihren Kindern 1652 den Palast verließ.
Herzog August der Jüngere von Braunschweig und Lüneburg ließ daraufhin den Großen Saal mit einer goldenen Lasur überziehen, kam aber nur nach Bevern, wenn im Herbst im Solling zur herzoglichen Jagd geblasen wurde.
Erst sein jüngster Sohn Ferdinand Albrecht erwählte sich Bevern zum Dauerwohnsitz. Notgedrungen – seine älteren Brüder schoben ihn nach dem Tod des Vaters in die Provinz ab. Doch Ferdinand Albrecht machte das Beste daraus: Der Prinz verwandelte das Jagdschloss in einen Miniatur-Herzogssitz und begründete die Nebenlinie Braunschweig-Bevern, aus der später auch Elisabeth Christine hervorging, die lieblos behandelte Gattin Friedrichs des Großen. Ahnherr Ferdinand Albrecht I. indes erwarb sich Verdienste, indem er auf seinem Schloss Bücher drucken ließ und eine stattliche Bibliothek aufbaute. Manche Bände davon sind dort immer noch zu besichtigen.
Größere Beachtung findet bei vielen Schlossbesuchern heute aber die einzige Hinrichtung, die auf Schloss Bevern stattgefunden hat. Im Jahre 1671 nämlich wurde der Burggraf Johann Stahlmann enthauptet, nachdem er zuvor den Leibknecht des Herzogs erschossen hatte. Dreimal musste der Henker angeblich zuschlagen, bevor der Kopf vom Hals getrennt war.
Nicht ganz so grausam, aber hart und streng ging es auch in späteren Zeiten auf dem Schloss zu – und zwar ohne herzoglichen Hausherren. Denn nach dem Tode Ferdinand Albrechts 1687 verlor der Münchhausen-Bau für die Herzogsfamilie an Bedeutung; er wurde erst zum Pensionärssitz und dann zur Knöpfefabrik umfunktioniert. 1834 machte die Regierung in Braunschweig das Schloss schließlich zu einer „Besserungs- und Arbeitsanstalt“. Bei täglich zwölf Stunden Arbeit und strenger Überwachung fühlten sich die neuen Schlossbewohner wie im Gefängnis. Dreimal legten sie Feuer, um ein besseres Leben zu erzwingen – vergebens.
1870 wurde die „Correctionsanstalt“ in eine Erziehungsanstalt umgewandelt. Etwa 300 Kinder hatten sich zeitweise die Schlafsäle unterm Dach zu teilen. 1933 trat eine Sportschulde der SA an die Stelle des Wilhelmstifts, zwei Jahre später wurde das Schloss zur Kaserne.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Schloss immer weiter herunter. Daran änderte sich auch zunächst nichts, als die Gemeinde Bevern das Bauwerk kaufte. Es wurde als Möbellager genutzt, etliche Räume als Wohnungen vermietet; erst 1964 begann allmählich die Renovierung. An Münchhausen und andere herrschaftliche Bewohner erinnert das Schloss erst wieder, seitdem die Gemeinde 1976 ein Museum darin einrichtete. 1986 übernahm der Landkreis Holzminden den weitläufigen Prachtbau, um ein Kulturzentrum daraus zu machen. Doch die Freude darüber hält sich in Grenzen, denn die Erhaltungskosten sind hoch. Der finanzschwache Landkreis hat bereits über einen Verkauf nachgedacht. Die Restaurierung ist daher ins Stocken geraten.
Dennoch lohnt ein Besuch in Bevern. Die Spuren der wechselvollen Bau- und Nutzungsgeschichte liegen offen zutage. Wer Glück hat, kann auch Einblick in das Atelier eines Künstlers nehmen. Seit 20 Jahren nämlich lebt und arbeitet der Maler Karl Repfennig auf Schloss Bevern.
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