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Ein Graf im Kampf gegen Gorleben

Schloss Gartow Ein Graf im Kampf gegen Gorleben

Andreas Graf von Bernstorff bemüht sich, das Erbe seiner Vorfahren auf Schloss Gartow zu erhalten - notfalls auch mit Anti-Atom-Protesten.

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Idyllisch liegt Schloss Gartow in den Auen des Wendlandes. Der Hausherr, Andreas Graf von Bernstorff, kämpft um den Erhalt seiner Güter – notfalls mit einem Granitstein gegen den geplanten Salzstock wie im Mai 1998.

Quelle: www.bernstorff.de

Schloss Gartow ist alles andere als eine Festung. Nicht nur Störche haben freien Zugang. Die Tore stehen offen, die Haustür ist nur angelehnt, und der Schlossherr schickt keine Dienstboten vor, sondern empfängt persönlich: „Kommense rein.“

Andreas Graf von Bernstorff ist groß, schlank und spricht mit leiser Stimme. Er reitet gern, ist aber kein Herrenreiter-Typ. Von Standesdünkel keine Spur. Doch der Schlossherr macht kein Hehl daraus, dass er konservativ ist. Das Bewahren überkommener Werte, egal ob geistiger oder materieller Art, zählt er zu seinen höchsten Lebenszielen. Seine Vorfahren haben ihm auch einiges hinterlassen: ein Barockschloss, einen Gutshof, 6000 Hektar Forsten, wertvolle Bücher und manches mehr.

Ein Konservativer im landläufigen Sinne ist der 68-jährige Graf von Gartow aber nicht. Im Kampf um die Erhaltung der ihm anvertrauten Güter ist er sogar fast zum Rebellen geworden – und bereits Anfang der Achtziger aus der CDU ausgetreten. Seit mehr als 30 Jahren stemmt sich der adlige Forstwirt gegen ein Atommülllager im nahen Gorleben. Gemeinsam mit einem Fischer und einem Taxifahrer klagte er jahrelang gegen das Nuklearprojekt, indem er seine Anliegerrechte ins Feld führte. Um den Bau eines Atommülllagers unterhalb seiner Wälder zu verhindern, weigerte er sich beharrlich, dem Bund seine Salzrechte abzutreten. Vorübergehend musste er eine Verstaatlichung fürchten, sogar ein eigenes Gesetz, „Lex Bernstorff“ genannt, war dafür auf den Weg gebracht worden. Dabei hätte er sich seine Nachgiebigkeit vergolden lassen können: Hätte er dem Bund 1978 wie gewünscht 600 Hektar Wald verkauft, wäre ihm das mit 30 Millionen Mark vergütet worden – etwa das Zehnfache des realen Wertes. Auch die Veräußerung der Salzrechte hätte ihm so manche Million in die Kasse gespült.

Doch Bernstorff blieb standhaft. Der Graf schloss sich der grünen Bewegung an und war sich nicht zu fein, mit den übrigen Atomkraftgegnern im Wendland zu kämpfen. Natürlich auf seine Art. Im November 2001 lud er zum Beispiel während der Atommülltransporte ins Zwischenlager Gorleben zur Hochwildjagd in seine Forsten. Selbstverständlich war das Waldstück neben der Transportstrecke nicht ausschließlich wegen des Wildbestandes gewählt worden. Außer dem Rot- und Schwarzwild galt die Jagd auch der Demonstration von Rechtsansprüchen.

Bei einem anderen Atommülltransport ließ der Graf eine Kiefer fällen, die nicht ganz zufällig auf die Straße fiel, über die kurze Zeit später die Castorbehälter rollen sollten. Die ganze Familie – Bernstorff, seine Frau Anna und die fünf Kinder – jubelte über den gelungenen Coup.

„Die Großfamilie war nicht so begeistert“, erzählt der Graf. „Mein Widerstand wird zwar akzeptiert, von Protestaktionen hält man aber nicht so viel.“ Für Bernstorff ist klar, dass er sich an die Gesetze hält. Doch auch er weiß, dass eine Persönlichkeit seiner Herkunft und Stellung in Gefahr gerät, von Seinesgleichen nicht mehr ganz ernst genommen zu werden, wenn er sich so demonstrativ quer stellt. Denn immerhin haben seine Vorfahren staatstragende Ämter bekleidet und Geschichte geschrieben.

Allen voran der namensgleiche Erbauer des Barockschlosses in Gartow. Andreas von Bernstorff (1649–1726), ursprünglich Minister beim Herzog von Celle, ebnete dem hannoverschen Kurfürsten Georg Ludwig den Weg auf den englischen Thron und leistete dem König später in London treue Dienste als Premierminister – er war zuständig für das Kurfürstentum Hannover. Ein anderer Spross der Familie, Andreas Peter Graf von Bernstorff, wurde 1773 Außenminister Dänemarks und folgte dem Leibarzt und Radikalreformer Johann Friedrich Struensee nach dessen Sturz und Hinrichtung mit seinem Einsatz für die Bauernbefreiung, indem er die Aufhebung der Leibeigenschaft vorantrieb. „Auf den sind wir stolz“, sagt der heutige Schlossherr. Andreas Peter von Bernstorff war übrigens in zweiter Ehe mit Augusta-Louise zu Stolberg-Stolberg verheiratet, die durch ihren regen Briefwechsel mit Johann Wolfgang von Goethe als „Goethes Gustchen“ in die Literaturgeschichte einging und auf Schloss Gartow durch ein Porträt verewigt ist.

Mit gewissem Stolz darf der streitbare Graf auch auf seinen Großvater blicken. Der nämlich verweigerte sich den Nationalsozialisten, die zur Strafe 1938 einen Zwangsverwalter auf Gut Gartow einsetzten. An seinen Vater hat Bernstorff keine Erinnerungen. Er starb 1946 mit 35 Jahren in englischer Kriegsgefangenschaft – gerade drei war der Sohn und wurde formal zum Eigentümer von Schloss und Gutshof. Da er zehn Minuten früher zur Welt kam als sein Zwillingsbruder Cornelius, fiel Andreas nach altem Familienrecht das komplette Erbe zu.

Doch die Erbschaft ist nicht nur Anlass zum Jubeln, sondern auch eine schwere Bürde. Das große Barockschloss mit 100 Zimmern und zahlreichen Nebengebäuden verschlingt ein Vermögen. „Da muss man schon gut rechnen und alle Ressourcen nutzen“, sagt von Bernstorff.

Die Einnahmen speisen sich aus mehreren Quellen. Im Mittelpunkt steht die Forstwirtschaft. Der Graf, studierter Forstwirt, beschäftigt hierfür unter anderem zwei Revierleiter. Ein Teil des Waldes wurde vor drei Jahren zum „Ruheforst“ umfunktioniert und nimmt seither die Asche Verstorbener auf. Zudem betreiben die Bernstorffs etwas Landwirtschaft, eine Biogasanlage und eine Brennerei, die aus Kartoffeln Rohsprit erzeugt. Zudem verdient der Graf als einer der größten Waldbesitzer Niedersachsens etwas Geld mit der Vergabe von Jagderlaubnisscheinen, lässt Interessierte in seinen Gewässern angeln und vermietet insgesamt fünf Ferienwohnungen – einige auf dem Schlosshof, andere im Wald.

Im Schloss selbst haben sich einige Verwandte wohnlich eingerichtet. Zudem lebt hier neben dem Grafen und seiner Frau die Hauswirtschafterin mit ihrem Mann. Die fünf Kinder – sie sind zwischen 18 und 31 Jahre alt– haben das herrschaftliche Haus inzwischen verlassen. Die jüngste Tochter besucht ein Internat in Dänemark; der älteste Sohn wird vielleicht schon bald aufs Schloss zurückkehren. Denn Fried von Bernstorff, diplomierter Betriebswirtschaftler, wird die Nachfolge antreten. Ganz im Sinne seines Vaters beschäftigt sich der Junior-Graf mit alternativen Energien und ist fest entschlossen, die Nutzung heimischer Ressourcen voranzutreiben.

Der alte Graf wird dann vermutlich noch mehr als bisher seinen kulturellen Interessen nachgehen. Schon lange fördert Bernstorff mit seiner Frau Anna die schönen Künste – sei es, dass er junge Musiker ins Schloss holt, sei es, dass er seinen Zehntspeicher für Kunstausstellungen zur Verfügung stellt oder zu Lesungen und Theateraufführungen lädt. Auf Wunsch führt der Graf auch Gäste durch seine Bibliothek und rezitiert das eine oder andere Gedicht, wenn ihm danach ist. Beispielsweise „Die stillen Gräber“ vom einstigen Schlossgast Friedrich Gottlieb Kloppstock: „Willkommen, o silberner Mond, schöner, stiller Gefährte der Nacht …“

Wahrscheinlich wird von Bernstorff auch das Wachstum seiner Kiefern im Auge behalten, in seinen Wäldern jagen oder hoch zu Ross durchs Wendland traben. Aber wenn neue Atommülltransporte auf Gorleben zurollen oder die Bundesregierung sich gar entschließt, den Salzstock bei Gartow zum atomaren Endlager zu machen, wird sich der Graf erneut quer stellen – mit Worten und mit Taten.

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Schloss Gartow steht auch für Besucher offen und hat zahlreiche Angebote im Programm.

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