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Eine Nobelherberge im Weserbergland

Das Schloss Schwöbber Eine Nobelherberge im Weserbergland

Luxus wie im Märchen: Schloss Schwöbber ist heute ein Fünf-Sterne-Hotel im Besitz eines Unternehmers aus kleinen Verhältnissen

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Märchenhafte Schönheit: Das Schloss Schwöbber liegt eingebettet in sanften Weserberglandshügeln idyllisch hinterm Wassregraben.

Quelle: www.schlosshotel-muenchhausen.com

Es war einmal ein kleiner Junge, der kletterte heimlich auf eine Schlossmauer und erblickte dahinter einen Palast von märchenhafter Schönheit. Die mächtigen Mauern spiegelten sich im Schlossgraben, die Türme ragten in den Himmel, und alles schien ein einziger Traum. Doch nicht einmal im Traum wagte der Junge daran denken, einmal in diesem Palast zu wohnen. Denn der Junge hieß Friedrich Popken und seine Eltern betrieben ein kleines Kolonialwarengeschäft in Hameln.

Doch wie im Märchen nahm das Leben des Jungen eine wunderbare Wendung. Friedrich Popken gelangte zu großem Reichtum. Mit seiner Frau Ulla baute er eine Ladenkette mit Moden für Mollige auf und hatte im Alter von 62 Jahren so viel Geld zusammen, dass er sich das Traumschloss seiner Kindheit kaufen konnte: das Wasserschloss Schwöbber. Der Palast bei Aerzen war im Jahre 2002 allerdings nach einem Feuer zehn Jahre zuvor in einem erbärmlichen Zustand – die Prunkräume ausgebrannt, das Mobiliar verkohlt, Schlossteich und -graben versumpft. So musste Popken noch einmal viel Geld aufwenden, um das Schloss vorzeigbar zu machen. 2004 war es bezugsfertig und prächtiger denn je. Das Ehepaar Popken öffnete es für zahlungskräftige Gäste, erklärte es zum Fünf-Sterne-Hotel und taufte es auf den Namen „Schlosshotel Münchhausen“.

Damit würdigten die neuen Besitzer den blaublütigen Bauherren. Der Feldobrist Hilmar von Münchhausen, einer der reichsten Männer seiner Zeit, hatte 1570 die Handwerker bestellt, starb aber schon drei Jahre später. Doch sein Sohn Statius, der noch weitere Schlösser im Weserbergland errichten ließ, baute weiter, indem er zum Beispiel einen repräsentativen Rittersaal anfügte.

Mehr als hundert Jahre später setzte ein weitgereister Nachfahr weitere Akzente. Otto I. ließ den Schlosspark mit Kräutern, Blumen und Bäumen aus aller Welt bepflanzen und errichtete eine Orangerie, in der nicht nur Orangen wuchsen, sondern auch Kaffeebäume, Zitronen und vor allem Ananaskulturen. Zar Peter der Große, der während eines Kuraufenthalts 1716 im benachbarten Bad Pyrmont Schloss Schwöbber besuchte, soll schwer beeindruckt gewesen sein.

Einige Jahrzehnte später verwandelte wiederum Otto II. den Schlosspark in einen Landschaftsgarten „nach der englischen Mode“. Nun ging es darum, einen fließenden Übergang zwischen der künstlich geschaffenen Parkanlage und der freien Natur zu schaffen, ohne dass Mauern und Hecken den Blick beengten. Noch heute entsteht der Eindruck, dass der Park mit der geschwungene Hügellandschaft des Weserberglands verschmilzt.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde bei den Münchhausens das Geld knapp, Garten und Schloss verfielen. Der Niedergang gipfelte 1908 in einem Feuer, das vor allem den Teichflügel zerstörte. Die einen sprechen von Blitzschlag, die anderen von Brandstiftung. Die Familie Münchhausen immerhin wurde von jedem Verdacht freigesprochen und kassierte die Versicherungssumme. Der Ruin war damit allerdings nicht mehr abzuwenden.

1919 schließlich war es mit der Herrschaft des Adels auf Schloss Schwöbber endgültig vorbei. Auf Baron von Münchhausen folgte Herr Meyer – Eduard Meyer, ein aus kleinen Verhältnissen aufgestiegener Pächter eines großen Saatgutbetriebes in Thüringen. Ein Selfmademan wie Friedrich Popken. Meyer engagierte den Architekten Jürgen von Wangenheim und baute im ausgebrannten Teichflügel eine zwei Stockwerke hohe Halle, an die sich stuckverzierte Räume im Stil verschiedener Epochen anschlossen. Egal ob Renaissance, Rokoko, Empire oder Jugendstil – Hauptsache schön. Dieser Grundsatz leitete auch die Gartengestaltung. Mit Putten und Pavillons setzte Meyer persönliche Duftmarken.

Das nötige Geld verdiente der neue Besitzer mit Ackerbau und Viehzucht – zum Schloss gehörten rund 500 Hektar Ackerland und Wiesen. Die Landwirtschaft ernährte vier Generationen. Als aber in den siebziger Jahren die Erlöse immer weiter sanken, war man froh, dass ein Teil des Schlosses an das Land Niedersachsen vermietet war, das darin von 1947 bis 1982 seine Lehrer fortbildete. Doch auch die Mieteinnahmen reichten am Ende nicht mehr. So entschlossen sich die Meyers 1984, ihr Wasserschloss an einen Sohn aus reichem Hause zu verkaufen – an Willi Cohrs.

Der Immobilienmakler mühte sich daraufhin, ein Golfhotel daraus zu machen. Zum Entsetzen vieler Schlossliebhaber ließ Cohrs den Park verwildern und in der Umgebung große Golfplätze anlegen. Das Konzept ging nicht auf. 1992 beendete erneut ein großer Brand die unrühmliche Schlossepoche. Wenige Wochen später war Cohrs verschwunden. Die Polizei fand Brandbeschleuniger im Keller. Zum zweiten Mal in der Schlossgeschichte war von Brandstiftung die Rede, doch auch diesmal blieb der Schlossherr ungeschoren.

Zehn Jahre lang lag die Schlossruine im Dornröschenschlaf, bis Friedrich und Ulla Popken schließlich 2002 den Kaufvertrag unterzeichneten. Sie ließen Schloss und Park sanieren, und bauten obendrein die abgebrannte Zehntscheune nach alten Zeichnungen wieder auf. Mit Erfolg: Besonders an Wochenenden in der warmen Jahreszeit herrscht heute Hochbetrieb auf Schloss Schwöbber, wo nicht nur Hotelgäste willkommen sind. Im schicken Gourmet-Restaurant im Teichflügel, im rustikalen Kellerrestaurant und auf der Außenterrasse am Schlossteich werden auch Tagesbesucher bedient. Wer will, kann auch einen Picknickkorb erwerben und irgendwo im Schatten eines edlen Baumes im Landschaftsgarten speisen – und auf den Spuren berühmter Gäste wandeln.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 quartierte sich etwa die französische Nationalelf auf Schwöbber ein. 2008 feierte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hier seine zweite Hochzeit, und Komiker Otto Waalkes zählt ebenso zu den Stammgästen wie Pianist Richard Clayderman. Luxuslunch und Wellness im Zeichen der Ananas – die Frucht, die schon Peter der Große bewunderte, avancierte zum Hotelsymbol. In einem Gartenpavillon thront eine Ananas-Statue wie eine Reliquie.

Selbstverständlich hält sich auch Friedrich Popken immer wieder in seinem Schloss auf. Fast jedes zweite Wochenende, berichtet Hoteldirektor Karsten Wierig, beziehe der mittlerweile 70 Jahre alte Unternehmer seine dauerhaft reservierte Suite. „Niemand würde ihm anmerken, dass er etwas Besonderes ist“, sagt der Hotelchef. „Er ist von den Gästen nicht zu unterscheiden.“

Bis zum Vorjahr wurde Popken von seiner Frau begleitet, doch Ulla Popken starb 2009. Glaubt man dem Hotelmanager, trägt das Schlossdesign ihre Handschrift. „Sie hat die Stoffe für die Vorhänge ausgesucht, die Farbe der Wände bestimmt, die Möbel geordert“, sagt Wierig. „Das war eine tolle Frau.“ Der Name Ulla Popken lebt in den 300 Filialen mit Damenmode ab Größe 42 fort.

Die Familie des einstigen Schlossherren Meyer wohnt heute in einem früheren Bauernhaus nebenan. Joachim Meyer, dessen Urgroßvater das Schloss einst den Münchhausens abkaufte, betreibt in der Nähe eine Kunststofffabrik. Ob es ihn traurig stimmt, dass in dem Schloss, in dem er aufwuchs, heute andere leben? Der 55-Jährige schüttelt den Kopf. „Im Gegenteil. Es ist ein schönes Gefühl, endlich die Last los zu sein. Wir haben leidvoll erfahren, was es bedeutet, so einen großen Kasten zu unterhalten.“ Ganz so märchenhaft sieht die Realität eines Schlossbesitzers offenbar doch nicht aus.

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Chronik

1570     lässt der Feldobrist Hilmar von Münchhausen in der Nähe von Aerzen ein Wasserschloss bauen.

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