15°/ 11° stark bewölkt

Navigation:
Abo bestellen HAZ-Shop HAZ Media Store AboPlus HAZ Service
"Tagungshotel" gekrönter Häupter
Mehr aus Schlösser & Burgen

Kaiserpfalz Goslar "Tagungshotel" gekrönter Häupter

Profane Pracht: Vom Treffpunkt der Mächtigen im Mittelalter hat sich die Kaiserpfalz in Goslar zum Denkmal deutscher Geschichte gewandelt.

Voriger Artikel
Durchlaucht lässt bitten
Nächster Artikel
Der Traum von der Trutzburg

Kaiserpfalz in Goslar, die Kapelle St. Ulrich und das Kaiserhaus

Quelle: GOSLAR marketing gmbh

Ein Schloss? Ursprünglich war die Kaiserpfalz in Goslar eher so etwas wie ein „Tagungshotel“ durchreisender Kaiser und Könige. So manch gekröntes Haupt hielt daher Hof in dem Palast am Harzrand, der einst als größter Profanbau nördlich der Alpen galt.

Derzeit erlebt der Prachtbau im Pfalzbezirk seine glanzvollsten Stunden, wenn der Goslarer Kaiserring an Künstler von Weltrang verliehen wird oder der Deutsche Verkehrsgerichtstag Einzug hält. Gekrönte Häupter bekommt man in der Kaiserpfalz heute nur noch an Kindergeburtstagen zu sehen. Der Nachwuchs nämlich darf sich im ehrwürdigen Gemäuer am Rande der Altstadt zum Kaiser krönen lassen – mit einer Krone aus Goldpapier, versteht sich.

Zwei Kaiser von anderem Format begrüßen den Besucher indessen schon auf dem Vorplatz des zweigeschossigen Querbaus: Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich I. Barbarossa – hoch zu Ross in Bronze gegossen, flankiert von zwei welfischen Löwen. Das Nebeneinander von 19. Jahrhundert und Mittelalter prägt auch die Wandmalerei im 47 mal 16 Meter großen Kaisersaal, dem architektonischen Herzstück der Pfalz. Wilhelm I. war es auch, der das „Tagungshotel“ seiner Amtsvorgänger von Grund auf sanierte, um sich neben anderen Helden der deutschen Geschichte ein Denkmal zu setzen.

Das Geschichtsbild Wilhelms I. ist an den Wandgemälden abzulesen. Die Grenzen zwischen Sage und Wirklichkeit sind hier fließend, die Herrscher der Vergangenheit märchenhaft überhöht. Selbstverständlich nimmt der Erbauer der Kaiserpfalz in dieser Heldengalerie einen Ehrenplatz ein. Dabei handelt es sich um Heinrich III., der vermutlich um 1045 in Goslar die Versammlungsstätte seiner Vorfahren abbrechen ließ und mit dem Neubau eines neuen Palastes und der angeschlossenen Stiftskirche St. Simon und Judas begann.

Dass die Wahl auf Goslar fiel, hat mit dem benachbarten Rammelsberg zu tun, der riesige Mengen wertvoller Erze barg; zunächst war es Kupfer, später sogar Silber, das hier abgebaut wurde.

Mindestens 22-mal hielt sich Heinrich III. in Goslar auf, fast 200 Besuchstage lassen sich nachweisen – mehr als in Regensburg, Speyer oder Aachen zusammen. Die Begeisterung der Goslarer soll sich seinerzeit allerdings in Grenzen gehalten haben. Denn wenn der Kaiser mit seinem Gefolge von bis zu 2000 Leuten anrückte und im großen Stil tafelte, soll für die 3000 Einwohner der Stadt in der Regel nicht mehr viel übrig geblieben sein. „Die Goslarer haben ihm Pferdeäpfel nachgeworfen“, ist heute bei Touristenführungen zu erfahren.

Doch Heinrich III. kam dennoch gern nach Goslar zurück. Hier feierte er viele große Kirchenfeste, hier nahm er entscheidende Amtshandlungen vor, und hier kam am 11. November 1050 sein erster Sohn zur Welt, der bereits im zarten Alter von sechs Jahren seine Nachfolge anzutreten hatte. Denn 1056 starb Heinrich III., und Heinrich IV. folgte ihm auf den Thron.

Der Kinderkönig blieb seinem Geburtsort treu, musste aber schon mit 13 auf geradezu traumatische Weise erfahren, wie begrenzt seine Macht war. Am Pfingstfest des Jahres 1063 kam es unter den kirchlichen Gefolgsleuten des Bischofs von Hildesheim und des Abtes von Fulda zu einem Streit um die Sitzordnung, der sich zu einem Gemetzel mit vielen Toten steigerte. „Aufhören, sofort aufhören!“, soll der Kinderkönig gerufen haben. Aber niemand hörte auf ihn.

Sorgen anderer Art bereitete ihm später der Investiturstreit mit dem Papst, der ihn schließlich dazu veranlasste, seinen legendären Gang nach Canossa anzutreten. Die berühmte Demutsbezeigung Heinrichs IV. ist nur ganz klein auf der Goslarer Wandmalerei dargestellt. Wilhelm I., heißt es, wollte nicht, dass die Unterwerfung eines deutschen Kaisers in der Kaiserpfalz größer ins Bild gesetzt werde. Eindrucksvoll dagegen zeigt die Wandmalerei, wie Heinrich V. in der Goslarer Pfalz vom Blitz getroffen wird. Zeitgenossen sahen darin ein Gottesurteil – die Strafe dafür, dass Heinrich V. seinen Vater einst so rüde vom Thron verdrängt hatte.

Eine der größten Lichtgestalten, die in der Kaiserpfalz ihre Spuren hinterließen, war Friedrich I. Barbarossa. Mehrmals hielt der sagenumwobene Kaiser in Goslar prächtige Reichstage ab und stritt sich hier und andernorts mit Heinrich dem Löwen um Goslar und den Rammelsberg. Eines der großen Wandgemälde zeigt, wie Kaiser Rotbart aus seinem legendären Zauberschlaf erwacht – und neuen Kämpfen entgegengeht. Dabei ist es kein Zufall, dass der Maler ihm Bart und Gesichtszüge von Wilhelm I. verliehen hat.

Der letzte Reichstag fand 1219 in Goslar statt. Danach ging es bergab: Das Kaiserhaus wurde 1290 von der Stadt übernommen und als Vogtei, Gerichtsgebäude oder Tanzsaal genutzt. Die angeschlossene Pfalzkapelle St. Ulrich diente lange Zeit gar als Gefängnis. Solange die Stadt von den reichen Erzvorkommen des Rammelsbergs profitierte, wurden die Gebäude aufwendig erhalten und sogar ausgebaut. Als diese Geldquelle aber im 16. Jahrhundert versiegte, ließ man die Kaiserpfalz verfallen. Im einstigen Kaisersaal wurde am Ende Korn gelagert, der Palast nur noch abschätzig als „Schuppen“ bezeichnet.

Immer mehr Gebäudeteile stürzten nach und nach ein, zwischen 1819 und 1822 wurde die Stiftskirche St. Simon und Judas abgebrochen, und die Stadt Goslar debattierte am Ende darüber, den ganzen Komplex abzureißen. Doch dann kaufte 1866 das Königreich Hannover das Kaiserhaus für symbolische 1000 Taler und versprach, mit der Restaurierung zu beginnen. Schon wenige Monate später aber fiel das Welfenland an Preußen – und damit auch die Kaiserpfalz. Wilhelm I. nun erweckte die Ruine aus dem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, verlieh dem geschichtsträchtigen Ort die höchste nationale Weihe und begann einen Wiederaufbau, der keine Kosten scheute.
Im nationalen Überschwang schoss man dabei aber weit übers Ziel hinaus. So fügte man dem Bau nicht nur Wilhelms Reiterstandbild an, sondern zum Beispiel auch einen Arkadengang, eine Freitreppe oder die welfischen Löwen auf dem Vorhof. Und im Zentrum des opulenten Wandgemäldes steht nicht etwa Heinrich III. oder Barbarossa, sondern Wilhelm I. selbst.Profane Pracht: Vom Treffpunkt der Mächtigenim Mittelalter hat sich die Kaiserpfalz in Goslarzum Denkmal deutscher Geschichte gewandelt.

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Foto: Auf den schönsten Wegen durch die Region Hannover - mit der App "Fahr Rad!". Vorgestellt von den HAZ-Redakteuren Thorsten Fuchs (links) und Bernd Haase.

Modernes Radwandern: Die neue App „Fahr Rad!“ ist erschienen und bringt die Faltkarte für die Region Hannover aufs Smartphone.mehr

HAZ-Redakteur/in Heinrich Thies

Anzeige

Meistgelesen in Ausflüge

Anzeige