List. Wer sein Restaurant „Domus Aurea“ nennt, der geht in mancher Hinsicht ein Risiko ein. Die Domus Aurea, das war der Palast des römischen Kaisers Nero. Dieses „goldene Haus“ muss ein wahres Wunderwerk der Architektur gewesen sein: eine riesige Landvilla mitten in der Stadt mit einem künstlichen See und Parkanlagen, im Inneren verschwenderisch ausgestattet und mit Hunderten von Statuen versehen. Der Speisesaal hatte eine drehbare Kuppel. Und darüber erhob sich ein fast vierzig Meter hohes Standbild Neros. Dieser soll gesagt haben, nun fange er endlich an, wie ein Mensch zu wohnen. Aber wer nicht gerade Kaiser war, konnte hier gar nicht mehr wohnen: Für die Domus Aurea wurde ein ganzes Stadtviertel niedergelegt, die Bewohner vertrieben.
Das „Domus Aurea“ in der List beruft sich zwar innenarchitektonisch auf Neros Prachtbau, kann da aber natürlich nicht mithalten. (Dabei hätte sich der Baum, der früher einmal in der Mitte des Raums stand, ganz gut in das Ambiente eingefügt.) Neros Nachruhm in der Geschichte ist nicht gerade der beste, und da passt es denn auch, dass man sich ansonsten von seiner Zeit entfernt. Die Küche ist italienisch, und diese hat mit der altrömischen kaum etwas gemein: Kein Römer wusste etwas von Pizza oder Pasta. Der lateinische Untertitel des Restaurants, „cibus et vinum“, führt da etwas in die Irre. Und mit einem Ausschnitt aus Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ aus der Sistina oder Canovas Skulptur der Paolina Borghese-Bonaparte auf der Geschäftskarte ist man zwar noch nicht in der Pizza-Zeit angelangt, wohl aber in Italien.
Und jetzt ist mehr Rühmliches zu berichten als über Nero und seine Gastmähler, die aus heutiger Sicht oft eine abstoßende Völlerei waren. Die Karte, Standard mit wechselnden Empfehlungen, setzt nicht auf exotische Ausreißer, sondern auf erprobtes Solides, und dieses mit Erfolg. Pizza und Pasta zu Preisen von 6,50 bis 11 Euro gibt es zwar auch, aber wir haben darauf verzichtet. Stattdessen begannen wir unseren ersten Besuch mit einem Fischcarpaccio von drei Arten (12,50 Euro). Wir waren damit sehr zufrieden, wie auch mit den Hauptgerichten sowie mit den Bestellungen bei unserem zweiten Besuch. Vorspeisen zu essen, empfiehlt sich schon deshalb, weil frisch gekocht wird, und es Wartezeiten gibt. Deshalb haben wir bei unserem zweiten Besuch einen vegetarischen Teller (8,50 Euro) gewählt, der schon etwas ungewöhnlich war: mariniertes Gemüse (ziemlich sauer), eingelegte Tomaten und Zwiebeln, Kartoffelscheiben, Aubergine und Polenta. Die Portion ist so reichlich bemessen, dass sie für zwei Esser reicht.
Bei unserem ersten Besuch bestellte ich Risotto mit Meresfrüchten (12,50 Euro). Es schmeckte gut und hatte genau die richtige Konsistenz zwischen nicht zu feucht und nicht zu trocken. Meine Mitesserin entschied sich für Kalbsfilet (23,50 Euro); es war zart und auf den Punkt gebraten. Beim zweiten Besuch aß sie Lammfilet in Barolo-Sauce mit einer Wirsingroulade, gefüllt mit Gemüsepüree (33,50 Euro). Auch hier war das Fleisch gut, die Sauce drohte jedoch dessen Eigengeschmack zu überlagern. Ich hatte gegrillten Wolfsbarsch (22,50 Euro), nachtränglich mit (etwas zu viel) Öl übergossen.
Bei unserem ersten Test tranken wir einen offenen Pinot Grigio (0,5 l kosten 8 Euro), beim zweiten eine Flasche roten Sedara aus Sizilien (22 Euro), einen Wein, den auch Hugh Johnson offenbar nicht kennt. Er sollte das nachholen. Eine Weinkarte ist in Vorbereitung, Aperitifs werden nicht angeboten.
Neros Domus Aurea wurde von den flavischen Kaisern teil abgerissen, teils zugeschüttet. Auf ihrem Areal entstand das Colosseum, auch nicht gerade ein Fall von sozialem Wohnungsbau. „Dort, wo die Claudier-Säulenhalle weiten Schatten wirft, da war der letzte Teil des ferne sich verlaufenden Palasts“, dichtete Martial. Dessen unterirdische Reste sind heute mal zugänglich, mal nicht. Die neue „Domus Aurea“ befindet sich in einem Haus, das schon viele Wirte hat kommen und gehen sehen. Es ist ihr zu wünschen, dass sie das Schicksal der alten nicht teilt.
Ekkehard Böhm
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