Südstadt. Wie überzeugt kann jemand von einem Projekt sein, dem er den Namen „Zauberlehrling“ gibt? In Goethes Ballade mit eben diesem Titel überschätzt sich bekanntermaßen ein vorwitziger Bengel und kommt aus der Bredouille nur wieder heraus, weil ihm am Ende sein Chef hilft. Frage eins: Mit welcher Bredouille rechnet Roderick von Berlepsch schon von vornherein? Und zweitens: Wer ist der Meister, der dem frisch gebackenen Südstädter Restaurantbesitzer zu Hilfe eilen soll?
Seit knapp drei Monaten betreibt der Sohn des hannoverschen Theatergranden James von Berlepsch jetzt sein Lokal in der Geibelstraße. Viel Glas und Stein bestimmen das Ambiente des Gastraums in dem Neubau auf der Ecke, den zu übersehen schwerfällt. Doch trotz dieser kühlen Zutaten ist die Atmosphäre innen warm und gemütlich, nicht zuletzt wegen des flackernden Kamins und der ausgeklügelt diffusen Beleuchtung. Der Chef selbst begrüßt seine Gäste, nimmt ihnen die Garderobe ab – und wirkt in seiner jungenhaft-zerstreuten Art tatsächlich ein bisschen wie der Juniorpartner des eigentlichen Bosses. Doch den gibt es nicht, von Berlepsch höchstselbst hat das Gebäude errichten lassen und sich dort seinen Traum vom eigenen Restaurant mit regionaler Küche (und dem Penthouse unterm Dach) erfüllt.
Unseren Erstbesuch machen wir an einem Sonntagabend. Das Lokal ist ausgebucht, was leider zu ungebührlich langen Wartezeiten beim Service führt. Ich habe meine Eltern im Schlepptau, kritische Esser und zugleich große Fans der niedersächsischen Küche. Meine Mutter lobt denn auch in den höchsten Tönen die Rinderroulade (16,50 Euro) und die dazu gereichten hausgemachten Kräuterspätzle. Der Kabeljau in Senfsauce (16,50 Euro), den mein Vater gewählt hat, ist dagegen ein wenig fad geraten. Ich wiederum bin mehr als zufrieden mit meiner Wahl: Rosa gebratene Scheiben vom Heidschnuckenrücken zu Graupenrisotto und Wirsing ergeben ein stimmiges Bild, an dem nicht das Geringste auszusetzen ist.
Glücklicherweise hatte ich vorweg schon den gratinierten Ziegenkäse (8 Euro), der mit einem appetitlichen Salatbukett serviert wird. So wird mir die reichliche Stunde, die wir auf die Hauptgerichte warten müssen, nicht gar so lang. Natürlich habe ich mein Glas Rotwein (0,2 Liter für 6 Euro) schon vor der Zeit leergetrunken, was aber auch daran liegt, dass mir die Pfälzer Cuvée namens „Roter Fritz“ sehr gut gefällt. Da ich an diesem Abend Chauffeuse bin, kann ich im umfänglichen Weinangebot des „Zauberlehrlings“ keine großen Schnörkel machen und beschränke mich auf ein weiteres Glas Fritz, der netterweise auch in 0,1-Liter-Portionen ausgeschenkt wird. Gut gesättigt beschließen wir, uns ein Dessert zu teilen. Zum „Kalten Hund“, dem Kindergeburtstagsklassiker aus Butterkeks und Schokolade, können wir uns nicht durchringen und freuen uns stattdessen an einer weißen Mousse mit feinem Schokosorbet.
Beim zweiten Mal kehren wir, dieses Mal nur zu zweit, an einem Sonnabendabend ein, und wiederum brummt der Laden. Den Zauberspruch zur Aktivierung sämtlicher Geister scheint der Chef also schon zu beherrschen. Nur, wie sie bändigen? Erneut fällt auf, dass trotz der nicht eben schlechten Besetzung der Servicemannschaft alles ein wenig unkoordiniert abläuft. Gleichwohl kümmern sich sämtliche Kellner freundlich um uns. Die Vorspeisen, eine Heidelammsülze (10,50 Euro) für meinen Begleiter und die getrüffelte Petersiliencremesuppe aus dem Tagesmenü (6,50 Euro) für mich, kommen auch recht zügig. Beide sind wir begeistert, er von der ausgewogenen feinsäuerlichen Würze der Sülze und ich von der zartcremigen Konsistenz der köstlichen Suppe.
Danach heißt es aber wieder gedulden. Mein Mittester nutzt die Gelegenheit, die Raucherlounge im ersten Stock aufzusuchen und kommt schwer beeindruckt zurück. Der Trick hilft aber nicht, noch lange kein Hauptgang in Sicht. Schließlich kommen dann aber doch der Hirschrücken (25 Euro) für ihn und das Weideochsenfilet (26 Euro) für mich. Letzteres ist ein weiterer Volltreffer. Eine reichliche Portion perfekt gebratenes Rinderfilet, nappiert mit einer aromatischen Soße und kombiniert mit glasiertem Gemüse und einem kleinen Bratkartoffeltürmchen sind jeden Euro wert.
Der Hirsch auf dem Teller gegenüber hätte indes etwas heißer an den Tisch kommen können. Und auch die Beigaben, Herzoginkartoffeln und Rosenkohlblätter, lassen insgesamt doch ein wenig Raffinesse vermissen. Zum Dessert teilen wir uns eine rote Grütze mit Tongkabohneneis (7 Euro) und finden die Grütze erstklassig, das Eis mit seinem sehr speziellen Aroma jedoch eher störend. Da ich erneut Auto fahren muss, bin ich in Sachen Wein beim Roten Fritz geblieben, der auch diesmal gut zum Essen passt. Vielleicht ließe sich aus dem umfänglichen Weinkeller ja noch die eine oder andere Sorte mehr in den offenen Ausschank nehmen.
Ziemlich satt und ziemlich zufrieden blasen wir schließlich zum Aufbruch und werden vom Chef persönlich verabschiedet. Was aber vor allem daran liegt, dass er unsere Mäntel wegen Überfüllung der Garderobe aus einem Ausweichquartier im Obergeschoss holen muss. Gibt’s da keinen Zaubertrick? Offenbar nicht. Aber noch ist er ja auch nur der Lehrling …
Stefanie Gollasch
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