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Glück und Glas – wie leicht bricht das

Eine Frage des Stils Glück und Glas – wie leicht bricht das

Wenn Flöten flöten gehen und Kelche geleert werden, kommt es nicht nur auf die Form an.

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Immer Durchblick: Gute Weingläser sind möglichst klar und dünn.

Quelle: Frank Wilde

Nicht jede Stilfrage ist auch ein Luxusproblem. Aber die Frage muss schon erlaubt sein: Wie sieht ein Glas aus, in dem Champagner angemessen zur Geltung kommt? Und weil das auch für ambitionierten Winzersekt, für Edel-Spumante und Nobel-Cava gilt, ist das richtige Glas nicht nur ein Problem für die „happy few“. Wer allerdings Schaumweine trinkt, deren Grundstoff weniger kostet als die obligate Sektsteuer, der kann auch Plastikbecher nehmen und hier aufhören weiterzulesen.

Bis vor Kurzem war die Antwort einfach, denn es herrschte Einverständnis, dass Sektschalen nur für Champagnercocktails oder zu süßen Asti angemessen sind. Oder um jene Gläserpyramide zu bauen, über die sich kaskadenförmig der Schaumwein ergoss, was in Hollywoodfilmen immer das Symbol für Verschwendung und lasterhaftes Treiben war. Neuerdings hört man aus der Neuen Welt von einem „coupe comeback“, aber man muss ja nicht alles nachmachen.

Und erst recht nicht mitmachen sollte man den Griff zur Sektflöte, also zu jener Glasform, die schon vor Jahrzehnten das Sekthaus Fürst von Metternich (das im Übrigen zum Haus Henkell gehört) in Deutschland populär machen wollte. Dreierlei spricht gegen diese Glasform: Wer sie in die Hand nimmt, erwärmt zwangsläufig mit seinen Fingern auch den Inhalt – was den Perlfluss rasch zum Erliegen bringt. Zweitens: Wie spült man so eine Flöte? Und drittens: Wie trocknet man sie ab? Es sieht schließlich ziemlich albern aus, wenn man in der Spülküche den Sektflöten mit einem Föhn zu nahe tritt.

Nein, die Ansage ist eindeutig: Ein angemessenes Champagnerglas ist tulpenförmig – und zwar mit oben noch leidlich geschlossener Blüte. Im vergangenen Jahr präsentierte Norbert Schu in seinem hannoverschen Nobellokal „Die Insel“ ein Champagner-Menü mit verschiedenen Krug-Champagnern, den elegantesten unter den edlen Champagnern. Die offiziellen Gläser des Hauses Krug waren eher klein, sie fassten (wenn man sie denn voll eingeschenkt hätte) geschätzt 0,2 Liter. Das war zu wenig Platz, den Charme dieser Edeltropfen spielen zu lassen. Weshalb Hausherr Norbert Schu neben geschmackssicher gewürztem Essen für den 1996er Krug Vintage (heruntergekühlte) Burgundergläser auftragen ließ. Volltreffer! Wer sich entfalten will, braucht eben Platz. Und das gilt nicht nur für Edelschaumwein: Für den Genießer bricht deshalb das Glück wie Glas (und eine Welt zusammen), wenn der Wein in ein Schmuckglas gegossen wird, das Kristallschliff oder einen Goldrand hat oder gar farbig ist.

Weil es um den Durchblick geht, ist ein gutes Weinglas immer glasklar und möglichst dünnwandig (dickwandige Gläser taugen nur zur Folklore). Als Grundform ist die Tulpe nie verkehrt, mal konvex im Abschluss, mal konkav. Für Burgunder ist ein bauchigeres Glas meist richtig – es muss ja nicht gleich Goldfischbeckengröße aufweisen. Längst ist die Glaskunde eine Wissenschaft für sich geworden. Einer ihrer prominentesten Professoren ist der Kufsteiner Glasbläser Georg Riedel, der schon seit Jahrzehnten die Lehre vertritt, dass die Glasform „wie ein Spiegel“ wirkt.

Wer den Vergleichstest macht, der wird staunen, wie unterschiedlich ein Wein aus verschiedenen Gläsern schmecken kann. Da ist ein österreichischer Veltliner in einem schlanken Glas auch geschmacklich schlank und frisch, in einem kugelförmigeren Glas dagegen fetter, breiter und alkoholintensiver. Und ein Pinot Noir ist im bauchigeren Burgunderglas tatsächlich runder als im Bordeauxglas, aus dem er kantiger und härter schmeckt.

Seither gibt es immer wieder neue Sensoriksensationen, aber manche vermeintliche Forminnovation verschwindet bald wieder vom Markt. Die große Vielfalt der Spezialgläser bringt uns Normalverbraucher in Nöte: nicht nur wegen des schwindenden Platzes im Gläserschrank, sondern auch wegen der Kosten. Ein Rotweinglas der nagelneuen, extrem filigranen Gläserserie „Wiener Gemischter Satz“ aus dem Haus Lobmeyr kostet glatte 50 Euro – die Champagnerschale auch, aber Champagnerschalen braucht ja niemand (siehe oben).

Natürlich sollte das Gefäß dem Inhalt angemessen sein, aber im Zweifelsfall gilt: Ein ungeeignetes Glas kann einen edlen Wein in seiner Wirkung begrenzen, doch ein edles Glas keinen schlechten Wein verbessern.

von Rainer Wagner

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