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Rotwein - Die Verführung

Rot wie die Liebe

Spätburgunder gibt bei deutschen Rotweinen den Ton an.
Blaue Trauben für roten Wein

Blaue Trauben an einer Rebe in Wallhausen an der Nahe

© Rainer Dröse

Der Weg vom Möchtegernsnob zum Ignoranten kann sehr kurz sein. Es genügt der Satz „Ich trinke keine deutschen Rotweine“. Das war vor zehn Jahren schon eine kurzsichtige Entscheidung, heute aber zeugt sie nur noch von Blindheit. Denn es ist viel passiert in den vergangenen Jahren. Und damit ist nicht jene Modewelle gemeint, die dazu führte, dass zuletzt viele Winzer Weißweinreben rodeten und dafür Rotwein pflanzten – sehr oft Dornfelder, aber dazu später.

Spitzenreiter in Qualität und Quantität ist in Sachen deutscher Rotwein der Spätburgunder. Kaiser Karl III., der den unter Gourmands durchaus beliebten Beinamen „der Dicke“ führt, soll im Jahr 884 die ersten Pinot-Noir-Reben aus dem Burgund nach Deutschland (genauer: an den Bodensee) gebracht haben. Im Weinbaugebiet Baden hat der Spätburgunder nach wie vor seine Heimat: Dort wird mehr Spätburgunder erzeugt als Müller-Thurgau, Grauburgunder und Riesling zusammen.

Noch viel tonangebender, prozentual gesehen, ist der Spätburgunder im sehr kleinen Anbaugebiet Ahr, wo er mehr als 60 Prozent der allerdings nur 552 Hektar Rebfläche besetzt. Mengenmäßig liegt allerdings der Rheingau mit 3097 Hektar noch vorne, in dem der Spätburgunder nur 12,5 Prozent der Weinberge bedeckt. Rheingau und Rotwein? Da stutzt mancher, dabei ist die Rotweintradition im Rheingau sehr alt. Und auch die Mosel, bei der alle immer nur an Weißweine denken, hat eine lange Geschichte als Rotweinregion.

Dass die deutschen Spätburgunder so deutlich an Qualität gewonnen haben, hat viel damit zu tun, dass sich die Winzer auf ein paar Grundregeln besonnen haben: reduzierte Erntemengen, genauere Beobachtung der optimalen Reife, Auswahl der besten Klone, längere Maischezeit, in der der Most den Beerenhäuten die Gerbsäure und andere Extraktstoffe entzieht. Und auch der Umgang mit den neuen Holzfässern, der vor zwei Jahrzehnten noch manchmal auf den Holzweg führte, ist längst geübt – wobei nicht jeder Spätburgunder im Barrique reifen muss.

Einige Winzer wie Karl Johner am Kaiserstuhl haben auch mit dem Prinzip der Umkehrosmose experimentiert, bei der dem Most Wasser entzogen wird. Puristen gilt das als Manipulation, Kenner wissen, dass auch renommierte Chateaux im Bordelais bisweilen dieses Verfahren anwenden. Doch in Zeiten des Klimawandels dürfte sich das Problem sowieso erledigen. In Jahren wie 2003, in denen phänomenale Rotweine in Deutschland wuchsen (und teilweise höchst problematische, weil zu schwergewichtige Weiße), erledigt sich die Frage der Substanz von selbst.

Fakt ist, dass süffige Spätburgunder für Trinkspaß stehen und dass ausgewählte Weine (von Bercher, Salway, Johner oder Huber in Baden, von Lang im Rheingau, von Meyer-Näkel oder Stodden an der Ahr, um nur einige zu nennen) den Vergleich mit edlen Burgundern nicht scheuen müssen. Leider manchmal auch im Preis.

Wenn es eher um Quantität als Qualität geht, kommt man in Deutschland um den Dornfelder nicht herum, die wohl erfolgreichste Neuzüchtung der vergangenen Jahrzehnte. Pech nur, dass Züchter August Herold seinen Namen schon für die weit weniger erfolgreiche Heroldrebe vergeben hatte, so kommt wenig vom Ruhm seiner Rotwein-Schöpfung auf ihn. Immerhin hat seine Kreuzung aus Helfensteiner (wiederum eine Kreuzung aus Frühburgunder und Trollinger) und der Heroldrebe (eine Kreuzung aus Portugieser und Lemberger) fast alle deutschen Rotweinrebsorten im Stammbaum – und vorzugsweise deren gute Eigenschaften übernommen, was den Winzer vor allem im Weinberg freut.

Zunächst war Dornfelder vor allem als Deckwein beliebt – das ist nichts Unanständiges, sondern bezieht sich darauf, dass der auffallend dunkle Dornfelder (selbst das Fruchtfleisch ist rötlich) gerne helleren Roten eine kräftigere Farbe verleihen durfte. Der Dornfelder bleibt eine Herausforderung für ambitionierte Winzer, hat aber damit zu kämpfen, dass Überproduktion sein Image verwässert hat.

Dieses Problem hat auch die Nummer drei unter den deutschen Roten: der Portugieser, der den Winzer erfreut – er reift früh und bringt viel. Das meiste davon landet als Weißherbst in Gläsern, aber er kann auch unkomplizierte Zechweine ergeben.
Das trifft auch auf den Trollinger und den Lemberger zu, die prompt den Ehrgeiz einiger Winzer wecken. Wiederentdeckt wurde der Schwarzriesling, vielleicht auch nachdem sich herumgesprochen hatte, dass diese Rebsorte als Pinot Meunier edlen Champagner schmückt. Ein Neuling ist die erst seit 1996 offiziell zugelassene Neuzüchtung Regent, die pilzresistent ist und deshalb die Winzer beruhigt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich vom Regent (ebenso wie von der für Südafrika so typischen Rebsorte Pinotage) erst noch überzeugt werden muss.

Wobei wir spätestens jetzt beim Ausland wären. Und bei allem Stolz auf die gelungeneren deutschen Roten: Wenn es um Rotwein geht, kann kein Weinschmecker Chauvinist bleiben. Dafür wachsen zu viele gute Rote im Ausland.

Das beginnt schon jenseits den Rheins. Wenn es um die Frage Burgund oder Bordeaux geht, verhalten sich viele Genießer wie Glaubenskrieger. Beatles oder Stones? Domingo oder Pavarotti? Die Wahl zwischen einem Clos de Vougeot oder einem Cos d’Estournel ist eine ähnliche Entscheidung, die vielen dadurch erleichtert wird, dass die ganz großen Qualitäten für die meisten Weinfreunde unter uns ziemlich unerschwinglich sind. Aber es gibt ja Entdeckungen zu machen; nicht zuletzt in Weinbaugebieten, die eher einen mittelprächtigen Ruf genießen. Was für deutsche Weiße Rheinhessen ist, ist für französische Rote beispielsweise das Languedoc. Innovative Winzer gibt es überall, man muss sie nur suchen und finden. Selbst italienischen Valpolicella gibt es in erstaunlicher Qualität.

Welche Facetten die Allerwelts- und In-aller-Welt-Traube Cabernet Sauvignon aufweist, das ist ebenso spannend wie die Frage, warum ein Syrah alias Shiraz seinen Charakter unabhängig von der Herkunft stärker bewahrt als ein Merlot. Ohne Nebbiolo wäre die Weinwelt konturenärmer, ohne feurig-weichen Tempranillo kälter. Und, und, und. Rot ist vielschichtig, Rot ist die Liebe.

von Rainer Wagner

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