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Wenn die Weißheit brilliert

Weißwein - Die helle Freude Wenn die Weißheit brilliert

Unter den deutschen Weißweinen ist der unverwechselbare Riesling ist die Nummer eins – und auch im Ausland begehrt.

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Der Riesling gilt als der König der deutschen Weißweine und ist auch im Ausland begehrt.

Quelle: iStock

Er ist der König der deutschen Weißweine, doch es gibt auch unter Weinfreunden Gegner der Monarchie. Selbst die müssen anerkennen, dass der Riesling in Deutschland die Nummer eins ist. Zumindest wenn es nach Zahlen geht: Mehr als 20 Prozent der Rebflächen für Keltertrauben waren im vergangenen Jahr mit Riesling bepflanzt. Wenn den meisten Weintrinkern beim Stichwort Riesling zuerst die Weinbaugebiete Rheingau und Mosel einfallen, dann ist das kein Zufall: Im Rheingau dominiert der Riesling mit 78,5 Prozent, an der Mosel immerhin noch mit 58,7 Prozent, aber Gruppensieger unter den Weißen ist er auch an der Hessischen Bergstraße, am Mittelrhein, in Württemberg und in der Pfalz.

Zwar gibt es Rieslingweine in der ganzen Welt, doch nicht alle, die diesen Namen tragen, sind auch wirklich Rieslinge (der Welschriesling gehört noch zu den edleren Namensvettern). Aber der deutsche Riesling ist tatsächlich unverwechselbar, auch wenn es etwa im australischen Eden Valley erstaunlich stählerne Rieslinge gibt. Noch immer ist es für den ausländischen Winzer ein Lob, wenn man seinen Riesling als deutsches Produkt einschätzt (der Portugiese Dirk van der Niepoort hat mir erst vor ein paar Tagen stolz erzählt, dass man seinen Riesling vom Douro-Tal für einen deutschen Riesling gehalten hat). Rieslinge sind rassig, elegant, brillant, lebendig, sie spiegeln wie kaum eine zweite Rebsorte die Unterschiede der Böden und der Klimaverhältnisse. Rieslinge ergeben obendrein langlebige Weine – und damit sind nicht nur die edel-süßen Beeren- und Trockenbeerenauslesen gemeint.

Dass übereifrige (oder raffgierige) Winzer in den sechziger Jahren mit plumpen und pappig-süßen Rieslingen kurzfristig den Ruf der Rebsorte beschädigten, ist gottlob vergessen. Wobei man bei der (Rest-)Süße genauer hinschmecken sollte. Gerade an der Mosel und noch mehr an Saar und Ruwer gibt es nämlich Rieslinge, die in der „halbtrockenen“ Version harmonischer schmecken können. Da hilft gelegentlich der Blindversuch, sein eigenes Vorurteil zu überlisten: Wenn ein Riesling acht, neun oder gar zehn Gramm Restsäure aufweist, können ein paar Gramm Zucker mehr ganz hilfreich sein – zumal bei den nicht so knochentrockenen Weinen der Alkoholgehalt deutlich niedriger ist (die Gärung zaubert aus dem Fruchtzucker Alkohol). Schließlich macht auch das den Reiz manches Rieslings aus: dass er duftig leicht daherkommt.

Die Nummer zwei unter den deutschen Weißweinen ist der Müller-Thurgau mit 13,5 Prozent der Rebfläche. Der Züchter Hermann Müller im Schweizer Kanton Thurgau wollte vor mehr als 125 Jahren die Qualität des Rieslings mit der Verlässlichkeit des Silvaners kreuzen. Dass er in Wirklichkeit entweder eine Chasselas-Variante oder die Madeleine royale statt des Silvaners benutzt hat, hindert die Winzer nicht, insbesondere jugendfrische Müller-Thurgau-Weine als Rivaner zu vermarkten. Hinter dem Rieslaner steckt übrigens die Kreuzung aus Silvaner und Riesling; das Ergebnis erbringt vor allem in Franken charaktervolle Weine.

Große Karriere in Deutschland machte der Müller-Thurgau erst in Wirtschaftswunderzeiten: Er brachte viel Leistung, zumindest in Sachen Quantität. Kein Wunder, dass er vorübergehend den Riesling verdrängte – er lieferte gelegentlich die doppelte Erntemenge. Viel davon floss in Massenware wie die Liebfrauenmilch, aber mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass man mit Ertragsbegrenzung und früherer Ernte auch aus dem Massenträger M-Th angenehm duftige Weißweine machen kann – was etwa Österreicher und Südtiroler können (oder Bodenseewinzer), das können auch hiesige Weinmacher, wenn sie die Sache nur ernst(er) nehmen.

Nummer drei unter den deutschen Weißweinen ist mit deutlichem Abstand der Silvaner, der nur in Rheinhessen und an der Saale-Unstrut über dem bundesdeutschen Durchschnitt (5,2 Prozent der Rebfläche) liegt – und natürlich in Franken, wo der Silvaner immerhin ein Fünftel der Rebfläche halten kann (der Müller-Thurgau bringt es hier auf 30 Prozent). Tatsächlich ist ein fränkischer Silvaner, möglichst in der knochentrockenen Version (die etwas außer Mode zu kommen droht), ein kerniger, charaktervoller Wein mit eigenem, fülligem Charme und mit Substanz. Wenn man allerdings Pech hat, ist der Silvaner eher unauffällig, aber immerhin süffig.

Auf Platz vier folgt dann der Grauburgunder, der es eigentlich nur in Baden deutlich über den deutschen Durchschnittswert von 4,3 Prozent der Rebfläche bringt. Der Pfälzer Kaufmann Johann Ruland propagierte diese Rebsorte vor etwa 300 Jahren, weshalb der Grauburgunder oft Ruländer genannt wurde. Den aktuellen Trend, den halbtrockenen Wein aus dieser Rebsorte als Ruländer, den durchgegorenen als Grauburgunder zu bezeichnen, dürften aber längst nicht alle Weinfreunde durchschauen.

Manche Weinschmecker schwärmen lieber vom elsässischen Pinot Gris. Und kurioserweise gibt es Konsumenten, die den Grauburgunder ablehnen, aber den identischen Pinot Grigio genießen. Zugegeben, es gibt auch sehr guten Pinot Grigio, nur vieles, was unter diesem Namen verkauft wird, ist den Schoppenpreis nicht wert. Knapp hinter dem Grauburgunder kommt der Kerner (3,8 Prozent), den die deutsche Weinwirtschaft unter dem Slogan „Justinus K.“ wieder ins Gespräch bringen will.

Viel spannender ist der Weißburgunder, der mit 3,5 Prozent der Rebfläche knapp hinter dem Kerner liegt. In Frankreich heißt er Pinot Blanc, im Elsass bei Traditionalisten auch Clevner. Vielleicht liegt es daran, dass der Weißburgunder im rechtsrheinischen Baden besonders gepflegt wird. Er kann duftig-würzige, elegante Weine ergeben. Und wenn man ihm auf die Sprünge helfen will, wagt man Cuvées mit seinem engen Verwandten, dem Chardonnay. Weil wir mittlerweile umringt sind von einer Flutwelle des Chardonnay (die für Individualisten zum Slogan ABC führte: Anything But Chardonnay), ist hilfreich, daran zu erinnern, dass Chardonnay-Reben in Deutschland erst 1991 offiziell zugelassen wurden (das Thema Weingesetz und seine Anwendungen könnte einem auf den Magen schlagen).

Und was ist mit all den anderen Rebsorten? Ein Teil von ihnen ist durch Überproduktion schlechter Qualitäten in Verruf geraten, dabei kann ein rosenblättriger Gewürztraminer ebenso ein Genuss sein wie ein duftiger Traminer. Ein Elbling ist eine ebenso knorrige Variante wie der Auxerrois, ein Muskateller kann einen famosen Wein etwa zum fruchtigen Dessert ergeben. Deutsche Winzer wagen sich erfolgreich an den Sauvignon Blanc – und eine gelungene trockene Spätlese von der Scheurebe kann mit fast jedem neuseeländischen Sauvignon Blanc mithalten.

Aber sind wir Weißweinfreunde denn alle Chauvinisten? Niemals! Wir denken dabei nicht nur an große Burgunder und die Vielfalt anderer Franzosen: Solange es die Qualitätsunterschiede beim österreichischen Grünen Veltliner gibt (und die können groß und großartig sein), solange in der Schweiz der Chasselas zu Entdeckungen reizt, solange in Spanien Albariño und in Italien der Trebbiano reift, Südafrika sich für den unterschätzten Chenin Blanc einsetzt und die Neue Welt viele Entdeckungen bietet, gibt es noch genug Weis(s)heit im Wein zu entdecken. Es ist längst nicht alles gesagt und getrunken.

von Rainer Wagner

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