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Ist Grau das neue Grün?

Gartentrends Ist Grau das neue Grün?

Kies ist eine feine Sache. Man kann damit Wege oder Sitzplätze gestalten. Doch wer denkt, dass er seinen Garten nun nicht mehr pflegen müsse, der irrt.

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Quelle: istock

Hannover. Finden kann man sie überall, besonders häufig in Neubaugebieten: Gärten, in denen Pflanzen fehlen oder auf die Rolle eines Fremdkörpers reduziert worden sind. Meist handelt es sich um Vorgärten – jene Quadratmeter, die oft Visitenkarte des Hauses genannt werden. Diese Visitenkarte präsentiert sich dann in Grau und in verschiedenen Korngrößen. Sind Pflanzen vorhanden, wachsen sie oft in so großem Abstand voneinander, dass sie verloren wirken. Man kann sich kaum vorstellen, dass diesen Gewächsen in dieser lebensfeindlich anmutenden Umgebung eine vitale Zukunft beschieden ist. Die meisten dieser weitgehend pflanzenlosen Flächen strahlen nicht die meditative Ruhe eines behutsam komponierten Zengartens aus, sondern wirken wie Gestalt gewordene Gedankenlosigkeit. Doch warum werden Flächen vor dem Haus zunehmend „verschottert“?

Mode oder Missverständnis?

Vielleicht ist alles nur Geschmackssache: Der eine mag Rasen und Rosen, der andere Gräser und Stauden oder von allem etwas. Und wer Gartenzwerge aufstellt, wird als Spießer belächelt. Oder sind Gartenzwerge 2017 fast schon wieder ein lässiges Zitat aus einer längst vergangenen Zeit? Mode ist kompliziert und erlaubt ist, was gefällt – auch im Garten. Oder etwa nicht? Beim Anblick versteinerter Pflanzflächen entsteht dennoch bei manchen Menschen ein wenig Unbehagen. Auch bei jenen, die hauptberuflich Gärten anlegen.

Der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) rief in diesem Jahr nicht nur die Initiative „Rettet den Vorgarten“ ins Leben, sondern gab bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) eine repräsentative Umfrage in Auftrag. Das Ergebnis: Rund 15 Prozent der deutschen Vorgärten sind überwiegend gepflastert oder mit Kies und Schotter bedeckt. Trotzdem gab die Mehrheit der Besitzer dieser Flächen zu Protokoll, dass sie bepflanzte Gärten schön findet. Warum werden dann häufig auch jene Reste versiegelt, die nach Abzug von Mülleimer- und Autostellflächen für Pflanzen übrig bleiben würden? Laut besagter Umfrage steckt hinter 80 Prozent dieser Gärten das Motiv der Pflegeleichtigkeit. Das „P-Wort“ gilt in der Branche längst als Unwort, weil sich dahinter häufig der missverstandene Wunsch nach einem pflegefreien Garten verbirgt. Diesen Anspruch kann auch eine Fläche ohne Pflanzen nicht erfüllen.

Steine machen Arbeit

Am Anfang mögen Schotter und Kies wenig Aufwand erfordern. Doch spätestens im Herbst – es lässt sich nicht ausschließen, dass in der Umgebung noch der eine oder andere Laubbaum wächst – fallen Blätter auf die homogenen Flächen. Sie abzusammeln kann lästiger als Unkrautjäten sein. Und selbst vor dieser Tätigkeit sind Besitzer einer Kiesfläche nicht gefeit: Meist sprießen nach zwei bis drei Jahren zwischen den Steinchen ungeplante Gewächse, die sich manchmal nur mühsam entfernen lassen. Davor schützt nicht einmal Unkrautvlies, denn viele Pflanzen kommen mit den winzigen, sich unweigerlich anreichernden Erdspuren aus und bahnen sich den Weg ans Licht. Und die Steine selbst? Hier lagern sich Staub und Algen ab, besonders auffällig ist dieser normale Prozess bei strahlend weißem Marmorkies. Das gefällt nicht jedem. Mag sein, dass zwischen den Absatzzahlen von Dampfstrahlern und Laubsaugern und dem Trend zu Kies und Schotter im Garten ein Zusammenhang besteht.

Wege aus der Erstarrung

Gerade nach dem Neubau eines Hauses mag das Abkiesen einer Fläche als verlockend einfache Alternative zur Anlage eines Beetes erscheinen. Vielleicht würde eine Prise Gelassenheit dem Garten trotzdem gut stehen. Es ist keine Schande (noch) nicht zu wissen, wie der Garten aussehen soll, oder gerade keine Zeit für ihn zu haben. Statt in Gestalt von Steinen könnte sich diese verständliche Ratlosigkeit auch als Gründüngung präsentieren. Jene bunten Saatgutmischungen kosten nur ein paar Euro und enthalten unkomplizierte Arten wie Ringelblumen oder Bienenfreund.

Wer die Einjährigen einsät, gewinnt nicht nur Zeit: Sie bedecken und verbessern den Boden und bereiten ihn für eine spätere Pflanzung vor, die zum jeweiligen Standort passt. In einem eher schattigen Garten bietet sich unter anderem die Elfenblume an. Sie bewächst den Boden so dicht, dass Unkraut kaum noch eine Chance hat. Auf sonnigen Flächen mit einem von Natur aus eher durchlässigen Boden, könnten lebendige Kiesgärten entstehen: Hier gedeihen trockenheitsverträgliche Gewächse wie Blauraute, Fetthenne oder Katzenminze. Sie werden so dicht gepflanzt, dass der Kies schon nach wenigen Jahren unter dem Pflanzenteppich verschwindet.

Wer tatsächlich ein Liebhaber eines von Steinen geprägten Gartens ist, möge ihn erhalten. Alle anderen, die sich eigentlich über die Blüten und Blattgrün freuen, sollten sich wegen vergeblich erhoffter Pflegeleichtigkeit nicht selbst um die Freude an einem bepflanzten Garten betrügen. Auch die heimischen Insekten werden es danken.

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