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„Ein Garten ist immer ein Lehrer“

Leben im Grünen „Ein Garten ist immer ein Lehrer“

Für Wolf-Dieter Storl ist das eigene Grün nicht nur eine wichtige und sichere Nahrungsquelle, sondern auch ein besonderer Ort für die Seele. Der Selbstversorger und Buchautor über den Unsinn von englischem Rasen und die Beziehung zu Natur und Pflanzen.

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„In einem Garten kann man nicht sagen, ich habe heute keinen Bock“: Bei Wolf-Dieter Storl kommt auf den Tisch, was der Garten hergibt.

Quelle: Fuhrer (4)

Herr Storl, Sie leben mit Ihrer Frau umgeben von wuchernden Pflanzen auf einem einsamen Hof mitten in der Natur. Welche Gedanken hegen Sie, wenn Sie an einem Häuschen mit feinstem englischen Rasen und kugelrund geschnittenen Hecken vorbeispazieren?

Ich empfinde es als Zeichen der Entfremdung – nicht nur von der Natur, sondern auch von sich selbst. Denn: Wie man mit der Natur umgeht, so geht man auch mit sich selbst um. Es ist wohl ein Versuch, unserer natürlichen Umgebung den menschlichen Geist aufzuzwingen, um sie zu beherrschen. Damit kann ich nicht viel anfangen. Ich finde, man sollte besser im Einklang mit der Natur leben. Ich freue mich in meinem Garten über alles – auch über Insekten, Schmetterlinge oder Blindschleichen. Diese Dinge machen das Leben bunter.

Warum sehen denn viele Vorgärten heutzutage überhaupt so aus?

Ich denke, dass die Menschen einfach kaum noch Zeit haben. Die Leute arbeiten ja wie verrückt. Die Wenigsten gönnen sich die Momente, um die Natur richtig aufzunehmen. Das sollte man aber besser machen, denn sie ist voller heilender Kräfte. Und damit meine ich nicht nur die Wirkstoffe in den Kräutern. Studien haben gezeigt, dass es Büroangestellten schon gut tut, wenn sie von ihrem Arbeitsplatz aus ins Grüne schauen können.

Jeder Garten muss irgendwann angelegt werden. Was war denn die erste Pflanze, die Sie hier gesät haben, nach dem Sie 1989 ohne Hab und Gut mit Ihrer Familie auf dem Hof ankamen und Hunger hatten?

Pflanzen, die einen gut ernähren. Kartoffeln, Topinambur und dergleichen. Als ich ich den USA einmal in einer ähnlichen Situation einen Garten anlegen musste, habe ich es mit schnellwachsenden Pflanzen wie Gemüsemelde und Senf versucht. Die haben wir dann jeden Tag gegessen. Das Resultat war, dass mir auf einmal die Nieren weh taten und die Zähne durchsichtig wurden. Das lag an der enthaltenen Oxalsäure. So lernt man mit der Zeit am eigenen Körper, was gut ist und was nicht.

Sie hatten als studierter Ethnobotaniker und Kulturanthropologe auch vorher schon ein großes Pflanzenwissen. Was konnten Sie durch die Praxis in Ihrem Selbstversorgergarten noch dazulernen?

Ein Garten ist immer ein Lehrer. Es war aber sicher keine Romantik, sondern vielmehr Pionierarbeit, als wir hier ankamen. Wir haben uns diesen Ort regelrecht erarbeitet. Da, wo heute der Garten steht, wucherte eine Brennnesselwildnis mit einem riesigen unterirdischen Wurzelwerk. An den ersten Tagen habe ich kaum mehr als einen Quadratmeter nutzbar machen können. Ich wollte schon aufgeben, aber meinte Frau mahnte: „Du musst das jetzt machen, wir brauchen etwas zu essen“. Das war eine harte Schule.

Wenn man sich hier bei Ihnen umschaut, stellt man fest, die Arbeit hat sich gelohnt. Haben Sie denn noch einen Überblick, was da rund ums Haus so alles wächst?

Ja, weil ich mich viel mit Pflanzen beschäftige. Ich würde sagen, ich kenne 99 Prozent in unmittelbarer Umgebung und weiß auch, wie man was anwendet. Das sind ja alles zugleich Heilpflanzen. Und dabei geht es nicht um Glaube oder Aberglaube, vieles ist inzwischen wissenschaftlich belegt. Oftmals haben die Pflanzen auch viel weniger Nebenwirkungen als unsere Synthetika. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Wildpflanzen, gerade in der Ernährung: Brennnesseln, Wegerich – der schmeckt toll in der Suppe – oder Giersch, den die meisten Gärtner so hassen. Der wird hier bei uns einfach aufgefressen (lacht).

Lassen Sie den Giersch auch in den Beeten wachsen?

Nein, aber außerhalb. Wenn etwas irgendwo wächst, wo es nicht hingehört, ist das auch für mich ein Unkraut. Aber um noch mal auf das Wissen um die Pflanzen zurückzukommen. Es gibt einem eine gewisse seelische Sicherheit, wenn man weiß, dass man auch in Notzeiten überleben könnte. Wenn man in der Stadt wohnt und keine Ahnung hat, dann ist man vollkommen von der Lebensmittelversorgung abhängig – und damit auch von Großkonzernen und Agrarriesen, denen es in erster Linie nur ums Geld geht. Essen, das sollten wir uns immer klarmachen, ist im Leben etwas Fundamentales.

Welche Fähigkeiten braucht denn ein Selbstversorger? Kann das grundsätzlich jeder lernen?

Ja, jeder kann gärtnern. Man fängt aber klein an und sollte jeden Schritt mit dem Bewusstsein begleiten. Man lernt und lernt und lernt. Was ganz wichtig ist und häufig fehlt, das sehe ich oft bei Idealisten, ist das Durchhaltevermögen. In einem Garten kann man nicht sagen, ich habe heute keinen Bock. Man muss die Dinge zur richtigen Zeit erledigen. Es ist schnell zu spät, um etwas auszusäen oder umzupflanzen.

Neben dem Gefühl der Unabhängigkeit – was kann es denn für einen Sinn machen, sich größtenteils selbst zu versorgen, wo doch in Geschäften alles so einfach zu bekommen ist?

Nicht zu übertreffen ist die Frische der Produkte, die man nirgendwo kaufen kann. Darin liegt auch Vitalität. Das wäre das eine. Außerdem nährt der direkte Kontakt zur Erde die Seele. Und dann stellt sich die Frage, wie lange das mit unserer Agrarwissenschaft noch gutgeht. Ich war kürzlich zu Besuch im mittleren Westen in den USA, wo ich früher gelebt habe, und sah endlose Flächen von Monokulturen – Mais, Soja, Mais, Soja.

Dazwischen wächst kein Unkraut, dafür sorgen Pestizide.

Ja, und das Saatgut ist durch Genveränderungen auf einer sehr ähnlichen genetischen Basis. Nun muss nur ein angepasster Pilz oder eine plötzliche Klimaveränderung kommen und alles ist dahin. Eine Hungerkatastrophe wäre nicht zu verhindern. In der Menschheitsgeschichte gibt es leider viele solcher Beispiele. Alleine deshalb wäre es wichtig, wenn es wieder viel mehr kleine funktionierende Gärten geben würde.

Wie sieht es denn mit dem Platz aus? Wie viel Fläche benötigt beispielsweise eine vierköpfige Familie, um sich weitestgehend mit Obst und Gemüse selbst zu versorgen?

Wenn man weiß, wie man es macht, braucht man nicht viel. Da reichen schon 500 Quadratmeter für Gemüse, Beeren und Kartoffeln. Will man Hühner haben, braucht man noch ein bisschen mehr Fläche, hat dann aber auch wertvolle Hühnerjauche für den Kompost.

500 Quadratmeter sind allerdings viel, wenn man in der Stadt wohnt.

Klar, aber das ist dann eine ganz andere Frage. Dafür hat der Dr. Schreber seinerzeit die Schrebergärten erfunden. Das ist eigentlich eine feine Sache.

So ganz ohne Einkaufen ging es ja aber auch bei Ihnen nicht. Was mussten Sie denn früher gelegentlich noch einkaufen?

Damals haben wir Getreide in großen Säcken gekauft und hier jeden Abend mit einer kleinen Handmühle gemahlen, um Brot backen zu können. Milch haben wir beim benachbarten Bauern geholt, das Salz aus einem kleinen Laden unten im Dorf. Selbstversorgung ist ja nichts Autistisches. Manchmal haben wir viel zu viel Kohl oder Salat. Das gebe ich dann den Weidepächtern, den Jägern oder dem Nachbarn, der einen Bienenstock hat. Dafür kriegen wir selbstgemachten Käse, Wurst, Fleisch oder Honig. So entsteht auch eine Gemeinschaft. Man kann ja nicht alles selbst machen. Jeder macht das, was er am besten kann.

Sie schreiben in Ihren Büchern, dass Sie zu Pflanzen eine besondere Beziehung pflegen, dass sie sogar mit ihnen meditieren. Wie darf man das verstehen?

In der Schule machen wir die Pflanzen zu analysierbaren Gegenständen. Da geht etwa um Wirkstoffe und Physiologie. Ich hatte immer schon eine intuitive Beziehung zu den Pflanzen. Was es damit auf sich hat, wurde mir aber erst klar, als ich bei den Indianern war und merkte, dass diese nicht über, sondern mit den Pflanzen sprachen. Für die Cheyenne hat das auch einen seelischen Aspekt.

Welchen denn?

Die Indianer sagen, sie gehen in ein Tippi mit den Pflanzen, das heißt, sie versinken quasi in der Pflanze und verändern ihren eigenen Bewusstseinszustand. Das Ganze wird eingekleidet in Symbole und Sprache, was für uns mystisch klingt. Es ist aber nur eine weiterreichende Sichtweise. Die Pflanze hört ja auch nicht an ihren physischen Grenzen auf, sie ist über ihr Chlorophyl mit der Sonne und über ihre Wurzeln mit der Erde verbunden. Wir fangen gerade erst an, die Pflanzen in ihrer Komplexität zu verstehen. Und diese beinhaltet eben auch diesen geistig-seelischen Aspekt. Pflanzen sind ansprechbar, allerdings auf einer anderen Ebene. Wenn sie anfangen, richtig zu reden, sollte man sich trotzdem besser fragen, ob man nicht einen Knacks da oben hat. (lacht)

Wenn ich umgekehrt aber mit meinen Tomaten auf dem Balkon rede, dann ist das in Ordnung?

Das ist völlig legitim. Es ist die Äußerung einer positiven Beziehung. In der Anschauung der Indianer oder Inder kriegen das die Pflanzen auch mit. Es gibt ja diese Leute mit dem grünen Daumen. Bei einigen wachsen die Blumen prächtig, bei den anderen unter den gleichen Voraussetzungen überhaupt nicht. Da muss also eine Beziehung sein, die sich nicht im rationalen Bewusstsein erklären lässt.

Sie haben in den vergangenen Jahren viele Bücher zum Thema veröffentlicht. Was machen Sie eigentlich lieber? In die Tasten hauen oder den Garten umgraben?

Ich mache beides gerne. Ich schreibe im Winter, da gibt es Schnee und Ruhe. Und es ist jedes Mal ein geistiges Abenteuer. Im Sommer arbeite ich draußen. Da schreibe ich nicht so gerne, weil es mich von der Natur ablenken würde.

Interview: Stephan Fuhrer

Zur Person

Als Wolf-Dieter Storl 1989 auf seinem zukünftigen Hof nahe Isny im Allgäu ankam, hatte die Familie weder Geld noch etwas zu essen. Also schnappte sich der deutsch-US-amerikanische Kulturanthropologe und Ethnobotaniker eine Schaufel, um auf dem abgelegenen Gelände einen fruchtbaren Garten anzulegen, der die Familie viele Jahre ernähren sollte. Seine Gartenerfahrungen schrieb der 73-Jährige etwa in den Ratgeberbüchern „Der Selbstversorger“ (GU, 192 Seiten, 19,90 Euro) und „Der Selbstversorger – Mein Gartenjahr“ (GU, 128 Seiten, 19,99 Euro) nieder.

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