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Aus dem Giftschrank in den Garten

Mit der Chemiekeule Aus dem Giftschrank in den Garten

Wenn das Unkraut die mühevoll gepflegten Blumen überragen und Schnecken sich durch die Beete fressen, greifen Hobbygärtner nicht selten zu Unkrautbekämpfungsmitteln mit Glyphosat.

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Frisch gespritzt: 596 Pflanzenschutzmittel sind in Deutschland erhältlich. Manche Hersteller versprechen wahre Wunder, verschweigen aber die möglichen Gefahren.

Quelle: Fotolia

Es gibt Momente, die treiben so manchem Hobbygärtner die Tränen in die Augen. Wenn die ehemals so prächtigen Salatköpfe von einem Tag auf den nächsten bis auf den Stumpf abgefressen sind. Wenn die hübschen Rosen den Kopf hängen lassen, schwer und schwarz vor Läusen. Oder wenn die Blätter des liebevoll gepflegten Buchsbaums plötzlich gelblich vor sich hinwelken, eingesponnen von Raupen, deren Nachkommen alles auffressen, was die Pflanze zu bieten hat. Und dann dieses Unkraut: Immer und immer wieder müssen Giersch und Vogelmiere ausgerissen werden.

Chemiekeule gegen unliebsame Gartenbewohner

Foto: Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln scheint, dank des großen Angebotes, die schnellste Lösung zu sein.

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln scheint, dank des großen Angebotes, die schnellste Lösung zu sein.

Quelle: dpa

Manch einer greift dann frustriert zur chemischen Keule. Das Angebot ist groß: 596 Pflanzenschutzmittel sind derzeit auf dem deutschen Markt für den Gebrauch in Haus und Garten zugelassen. Je nach Art wirken sie gegen Läuse, Milben, Schnecken, Pilze oder auch unliebsame Pflanzen, die da wachsen, wo sie nicht wachsen sollen.

Viel genutztes Pestizid

Weit verbreitet im Kampf gegen Unkraut ist das Pestizid Glyphosat, über dessen Wiederzulassung derzeit in der EU gestritten wird. Der Hersteller Monsanto ließ den Wirkstoff zu Beginn der Siebzigerjahre als Unkrautbekämpfungsmittel patentieren und vertreibt ihn seitdem weltweit erfolgreich, auch unter dem Namen „Roundup“. In Deutschland können Hobbygärtner aktuell zwischen mehr als 40 glyphosathaltigen Unkrautvernichtern wählen. Gespritzt, gegossen oder auch als Gel auf die Blätter aufgetragen, dringt der Wirkstoff dabei über die grünen Pflanzenteile bis tief in die Wurzelspitzen ein. In der Pflanze blockiert Glyphosat ein bestimmtes Enzym, das für ihren Stoffwechsel wichtig ist. Die Folge: Die Pflanze verwelkt und geht ein.

Auf versiegelten Flächen verboten

Doch kann ein Wirkstoff, der Gewächse so umfassend abtötet, einfach eingesetzt werden? In Baumärkten und Gartencentern unterliegen Pflanzenschutzmittel dem Selbstbedienungsverbot, Verkäufer sind gesetzlich verpflichtet, ihre Kunden vor dem Kauf ausführlich zu beraten. „Grundsätzlich gilt: Pflanzenschutzmittel vorsichtig verwenden. Vor Verwendung stets Etikett und Produktinformationen lesen“, so die Empfehlung des Herstellers Monsanto auf seiner Internetseite. Auf versiegelten Flächen wie Wegen oder Einfahrten ist die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln verboten und kann mit Bußgeld geahndet werden.

Glyphosat-Rückstände im Körper

Foto: In einer Studie wurden Rückstände des Pflanzenschutzmittels Glyphosat in Muttermilch gefunden.

In einer Studie wurden Rückstände des Pflanzenschutzmittels Glyphosat in Muttermilch gefunden.

Quelle: dpa

In die Kritik geriet der Wirkstoff Glyphosat zuletzt wegen verschiedener Studienergebnisse: Im Sommer 2015 sorgte eine von den Grünen in Auftrag gegebene Untersuchung zu Glyphosat in Muttermilchproben für Aufregung, Anfang dieses Jahres fand das Münchner Umweltinstitut Rückstände des Wirkstoffs in 14 Biersorten. Zuletzt ließ die Bürgerinitiative Landwende Urinproben von 2000 Probanden auf Glyphosat testen. Demnach sind Kinder und Jugendliche belasteter als andere Altersgruppen und Männer mehr als Frauen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung gibt derweil Entwarnung: Dem „Spiegel“ sagte dessen Präsident Andreas Hensel, es sei „doch gut, wenn der Urintest zeigt, dass das Glyphosat unverändert durch den Körper geht, anstatt zu akkumulieren.“ Einen Grund zur Besorgnis sehe er nicht. Glyphosat werde seit über 40 Jahren in der Landwirtschaft eingesetzt, ohne dass es auch nur einen einzigen ernst zu nehmenden Hinweis auf schädliche Nebenwirkungen gebe.

Pestizide schädigen Bienen

Imkerverbände verweisen hingegen darauf, dass es sehr wohl Belege für schädigende Wirkungen von Pestiziden gebe. So kämen Honigbienen regelmäßig in Berührung mit Pestiziden, denn auch in der Umgebung von gespritzten Feldern könne Glyphosat im Nektar von Wildpflanzen nachgewiesen werden. Einer Studie zufolge, die deutsche und argentinische Wissenschaftler im letzten Jahr vorlegten, führt die Aufnahme von Glyphosat bei Bienen dazu, dass ihr Orientierungssinn gestört wird. Bienen, die mit Glyphosat in Kontakt gekommen waren, brauchten für den Rückweg zu ihrem Stock signifikant länger als die Tiere, die dem Wirkstoff nicht oder nur in geringeren Mengen ausgesetzt waren. Eine ähnliche Untersuchung leitete ein Forscherteam um den Neurobiologen Professor Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin. Die Versuchsbienen bekamen drei Arten von Neonicotinoiden zu fressen, Wirkstoffe, die in einigen Pflanzenschutzmitteln gegen Läuse, Milben und andere Insekten eingesetzt werden. Auch hier zeigte sich, dass sich schon kleine Mengen des Pestizids auf das Nervensystem der Bienen auswirkten: Bedeutend weniger Bienen, die Neonicotinoide aufgenommen hatten, fanden erfolgreich zum Stock zurück und ihre Flugwege waren insgesamt weniger direkt.

Foto: Pestizide können Bienen in ihrer Lebensweise beeinträchtigen.

Pestizide können Bienen in ihrer Lebensweise beeinträchtigen.

Quelle: dpa

„Selbst wenn die Bienen durch die Aufnahme von Pestiziden nicht sterben, wird dadurch ihr Immunsystem geschwächt“, sagt Corinna Hölzel vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Bienen würden dadurch anfälliger für Parasiten und Krankheiten wie die Varroamilbe, die als Hauptursache für das Bienensterben gilt.

„Bewusste Verbrauchertäuschung“

Dass auf Verpackungen von Pflanzenschutzmitteln, die nachweislich schädliche Stoffe für Bienen enthalten, der Aufdruck „nicht bienengefährlich“ stehe, empfindet Hölzel als „bewusste Verbrauchertäuschung“: „Das suggeriert eine totale Ungiftigkeit. Verbraucher denken, keine Biene trägt einen Schaden davon.“ Das Düsseldorfer Landgericht entschied in diesem Zusammenhang kürzlich, dass der BUND auch weiterhin über zwei von Bayer hergestellte Produkte mit dem Neonicotinoid-Wirkstoff Thiacloprid sagen darf, sie seien schädlich für Bienen. Bayer verzichtete darauf, gegen dieses Urteil Berufung einzulegen. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit: „Beide Produkte sind sowohl von Bayer intensiv getestet als auch von der staatlichen Zulassungsbehörde, dem deutschen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, umfassend geprüft und daraufhin als ‚nicht bienengefährlich‘ eingestuft worden.“

Diese Untersuchungsmethoden kritisiert der BUND jedoch als veraltet. „Wechselwirkungen mit anderen Mitteln werden dabei außer Acht gelassen“, sagt Hölzel. Auch werde die Langzeitwirkung nicht beachtet, wenn Bienen über den ganzen Sommer hinweg Giftstoffe aufnehmen.

Von Alena Hecker

Gärtnern ohne Chemie

Wer Unkraut auf umweltfreundliche Weise beseitigen will, kommt um Körpereinsatz nicht herum. Am einfachsten lassen sich unliebsame Gewächse nach dem Regen entfernen, wenn der Boden aufgeweicht ist. Dann kann man viele Pflanzen sogar ohne Werkzeug herausziehen.

Schnecken brauchen Feuchtigkeit und glatten Boden zum Fortkommen. Je größer die Abstände zwischen den Salatköpfen und je gröber und trockener der Boden dazwischen, desto geringer ist die Gefahr, dass Schnecken das ganze Gemüsebeet zerstören. Für kleinere Beete eignen sich Schneckenzäune oder Einfassungen aus Abwehrpflanzen wie stark duftende Kräuter.

Läuse schaden den Pflanzen erst einmal nicht und hindern sie auch nicht am Blühen. Wer trotzdem nicht warten will, bis die Tiere von selbst verschwinden oder von Marienkäfern gefressen werden, kann mit Wasser nachhelfen und sie vorsichtig von der befallenen Pflanze abwaschen.

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