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Neue Lust auf Wald Zurück zur Wurzel

Der Förster Peter Wohlleben macht den Deutschen wieder Lust auf den Wald: Sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit Wochen auf der Sachbuch-Bestsellerliste.

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Der Wald ruft: Spaziergänger in Hannovers Stadtwald Eilenriede.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Bäume sprechen miteinander. Sie stillen ihre Kinder. Sie helfen sich in Notzeiten. Sie haben sogar Gefühle, bilden Freundschaften. Und sie kuscheln miteinander. Wow. Wenn Peter Wohlleben bei Waldführungen, in Talkshows oder Seminaren über das Sozial- und Liebesleben von Eiche und Co. redet, wird der Wald plötzlich sexy. Sein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit Wochen auf der Sachbuch-Bestsellerliste, der Förster aus Hümmel in der Eifel gibt Interviews und wandelt in dieser Woche durch den Blätterwald der Frankfurter Buchmesse statt durch sein Revier. „Das ist fast schon unheimlich“, gibt der 51-Jährige zu. Wieso sind die Deutschen plötzlich wild auf Wald? „Keine Ahnung, dieser Erfolg kam völlig überraschend. Aber Bäume kennt jeder. Bisher gab es eher negative Schlagzeilen, über Abholzung, Baumsterben. Ich schreibe etwas Positives, es geht um die Faszination dieser Lebewesen, ohne esoterischen Hintergrund.“

Wohlleben übersetzt "Bäumisch" in unsere Sprache

Denn der Mann ist kein weltfremder Waldschrat, der mit Bäumen spricht („Die würden mich eh nicht verstehen“). Peter Wohlleben ist studierter Forstwirt, seine Thesen beruhen auf Erfahrungen und wissenschaftlichen Studien. Die sind nicht neu, doch wenn man erklärt, dass Bäume Symbiosen bilden, dass sie über das Wurzelsystem Nährstoffe austauschen, bestimmte Duftstoffe aussenden, um andere Artgenossen vor Schädlingsbefall zu warnen, dass der Wald ein ausgeklügeltes Ökosystem ist – fangen die Leute an zu gähnen. Also übersetzt Wohlleben Bäumisch in unsere Sprache. Und bringt Licht ins Dickicht. Etwa über die Kinderstube des Waldes. Winzige Keimlinge findet man unter den uralten Buchen in seinem Revier. Doch weil das Blätterdach der Eltern übermächtig ist, können die Lütten sich nicht entwickeln. Also „stillt“ Mama sie über die Wurzeln mit einer Art Zuckersaft. Erst mit dem Tod der Alten wird Platz frei für den Nachwuchs, und die Youngster entfalten sich.

Forscher sprechen vom Wood Wide Web

Überhaupt, die Wurzeln. Die weltweit größte Untergrundbewegung, denn über die Wurzeln nehmen Bäume Kontakt zu ihren Nachbarn auf. Pilzgeflechte vernetzen Bäume wie das Internet unsere Computer. Forscher sprechen vom Wood Wide Web, dem waldweiten Netz. Wie gesagt, keine neuen Erkenntnisse, aber von Wohlleben populär unters Volk gebracht. Denn der Mann, den die Presse schon mal „Robin Hood der Eifel“ oder „Waldrebell“ nennt, hat eine Mission: „Ich möchte den Menschen den Wald wieder nahebringen und sie begeistern, mit den Büchern erreiche ich viel mehr als in meinen Seminaren.“ Und als Förster kämpft er für eine naturnahe Bewirtschaftung der Wälder, gegen Plantagenpflanzungen.

"Viele Kollegen bezeichnen mich als Spinner"

Schon als Kind will Peter Wohlleben Naturschützer werden. Er studiert Forstwirtschaft, wird Beamter im Landesforst Rheinland-Pfalz, erhält sein eigenes Revier: einen uralten Buchenwald in Hümmel. Er zieht mit der Familie ins Forsthaus, bewirtschaftet den Wald nach herkömmlichen Kriterien. Der Wald als Holzlieferant, mehr nicht. „Aber das war nicht mein Weg, ich habe andere, ökologische Methoden gesucht.“ Er bietet Führungen und Seminare an und lässt 2003 einen der ersten deutschen Ruheforste anlegen. Als er nicht mehr für den Landesforst arbeiten will, weil es seinen Vorstellungen widerspricht, will die Familie auswandern. Hümmels Bürgermeister bietet ihm an, dass die Gemeinde den Wald selbst bewirtschaftet mit Wohlleben als Förster.
„Viele Kollegen bezeichnen mich als Spinner“, sagt er. Dabei steht der Mann mit beiden Beinen auf dem Waldboden. Natürlich lässt auch er Bäume fällen: „Wir heizen selbst mit Holz.“ Aber es fährt kein schweres Gerät über den Boden, wie früher übernehmen Pferde die Arbeit. Wohlleben pflanzt wieder Buchen statt Fichten und erschließt andere Einnahmequellen. Manager zahlen etwa dafür, dass sie Blockhütten bauen dürfen.

Der schönste Arbzeitsplatz der Welt

Mehr als 3000 Menschen ließen sich schon unter Bäumen bestatten. Wohlleben macht Gewinn mit seinem Revier, er wird zum Botschafter seines Waldes, reist zu Seminaren, schreibt mehrere Bücher – und kommt schließlich an seine Grenzen. Burn-out. „Ich muss ein bisschen auf die Bremse treten“, sagt Wohlleben, der nicht nur sein Revier betreut, sondern sich mit seiner Frau Miriam und zwei Kindern auch weitgehend selbst versorgt. Auch darüber hat er gerade ein Buch geschrieben. Sehr praxisorientiert – auf das Kapitel über Kaninchenhaltung folgt ein Kaninchenrezept samt Anleitung zum Schlachten.

„Ich bin kein Dogmatiker. Wichtig ist der Respekt vor jedem Lebewesen, ob Tier oder Baum“, erklärt er. Dass er den schönsten Arbeitsplatz der Welt hat, sieht Wohlleben als großes Privileg – und hat sich selbst auch schon einen Baum für die letzte Ruhe ausgesucht: eine 200 Jahre alte Buche. Doch bis zum Umzug dorthin vergeht hoffentlich noch viel Zeit, in der er weiterhin Waldeslust verbreitet. Und überhaupt: Wann waren Sie das letzte Mal im Wald?

Peter Wohlleben: „Das geheime Leben der Bäume“, Verlag Ludwig, 223 S., 19,99 Euro.

Von Petra Haase

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