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Von wegen „Pfui Spinne!“

Nützlinge im Garten Von wegen „Pfui Spinne!“

Gefürchtet, aber so nützlich. Dieser Tage sind wieder viele Spinnen unterwegs. Doch statt ihnen mit Schlappen und Besen zu Leibe zu rücken, rät Experte Jason Dunlop, sich den scheuen Achtbeinern mit Respekt und Interesse zu nähern.

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Nicht zerstören: In Spinnennetzen verfangen sich auch viele Schädlinge – Mücken etwa und Fliegen.

Quelle: Pixabay

Hannover. Sie sind äußerst flink, unnahbar und für eine beträchtliche Anzahl an Menschen ein echter Graus: Wenn die Temperaturen draußen sinken und die Luftfeuchtigkeit steigt – so wie dieser Tage –, dann werden Spinnen mobil und verlassen ihre gewohnten Lebensräume. Allen voran die Männchen – so kommt derzeit etwa die weitverbreitete Hauswinkelspinne auf der Suche nach einem paarungswilligen Weibchen verstärkt aus ihrem Versteck gekrabbelt.

Sie zählt mit einer Beinspannweite von bis zu zehn Zentimetern zu den größten der etwa 1000 einheimischen Spinnenarten. Und entgegen unzähligen Behauptungen ist auch diese Art nahezu ungefährlich für den Menschen: „Wenn sie sich bedroht fühlen, etwa wenn man nach ihnen greift, dann können sie zwar auch mal beißen, aber grundsätzlich haben Spinnen mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen haben müssten“, sagt Jason Dunlop, Spinnenexperte am Museum für Naturkunde in Berlin, und weist zugleich auf den beträchtlichen Wert der Spinnen als Insektenfresser innerhalb des Ökosystems hin.

Vorsicht, giftig!

Die einzige Spinne hierzulande, von der man tatsächlich besser die Finger lassen sollte, ist der Ammen-Dornfinger, eine eingewanderte Spinne aus dem Mittelmeerraum, die derzeit verstärkt in Brandenburg und im Süden Deutschlands auf dem Vormarsch ist. „Ihr bevorzugter Lebensraum ist Trockenrasen“, sagt der Spinnenexperte Dunlop. „Vorsicht sei angebracht, aber es bestünde kein Grund zur Panik“, heißt es vonseiten des Naturschutzbundes (Nabu).
Zu erkennen ist die etwa 1,5 Zentimeter lange Spinne an ihrem grünlich gelben bis bräunlich gelben Schimmer. Sie ist hierzulande die einzige Spinnenart, die in der Lage ist, mit ihren Kieferklauen die menschliche Haut zu durchdringen und so ihr Gift zu injizieren. „Ihr Biss kann beim Menschen Schüttelfrost und Übelkeit auslösen“, erklärt Dunlop. In gut bewässerten und zurückgeschnittenen Gärten ist diese giftige Spinne allerdings eher selten anzutreffen, da sie es trocken und eher hochgrasig mag.

Wichtiges Glied in der Nahrungskette

Sie wirken regulierend auf andere Wirbellose und gelten daher als wichtiges Glied innerhalb der Nahrungskette. So stehen Fliegen, Wespen, Mücken und auch Schmetterlinge auf dem Speiseplan der Achtbeiner – das macht sie unter anderem auch für Gartenbesitzer so interessant: „Indem sie etwa Schmetterlinge verspeisen, können diese keine Eier mehr legen und so Raupen produzieren, die einer Vielzahl von Blättern im Garten zu Leibe rücken“, sagt Spinnenexperte Dunlop. Bis zu fünf Millionen Tonnen Biomasse vertilgen deutsche Spinnen Experten zufolge jährlich. Um Blattläuse allerdings machen sie in der Regel einen großen Bogen: „Die haben eine Chemikalie im Körper, die den Spinnen nicht so bekommt“, weiß Dunlop.

Wer die Spinnen im Garten halten will, sagt Dunlop, der solle sie mit Respekt behandeln. Das heißt auch, ihre Netze zu erhalten – auch wenn diese oftmals an bei Garteninhabern nicht so geschätzten Plätzen gesponnen werden – an Türrahmen, Fenstern oder im Terrassenbereich etwa. Statt die Spinnen aus dem Blickfeld zu vertreiben, rät Dunlop dazu, sich ihnen mit Interesse zu nähern. Gerade auch Kinder zeigten eine besondere Neugierde an den Achtbeinern – so wie er einst auch – Berührungsängste habe er nie gehabt.

So empfiehlt Dunlop, sich mal die Form der Netze genauer anzuschauen. Manche spönnen eine Art Trichternetz, wie auch die Hauswinkelspinne, um darin bestimmte Tiere aus der Luft zu fangen. Dann gebe es zahlreiche Springspinnen, wie die Gemeine Springspinne, die sich durch ihre große Augen auszeichneten.

Ein Laubhaufen muss her

Was aber macht einen spinnen- und generell insektenfreundlichen Garten aus? „Er sollte möglichst vielfältig sein und viele Versteckmöglichkeiten bieten“, sagt der Spinnenexperte. Ein Garten, der vor allem aus Rasenfläche bestehe, sei nicht nur für Spinnen, sondern auch für viele andere Insekten unattraktiv. Marja Rottleb, Gartenexpertin beim Naturschutzbund (Nabu), etwa rät gerade im Herbst zu einer ganz naheliegenden Lösung: „Ein Laubhaufen an einer geschützten Stelle im Garten bietet Nützlingen wie eben Spinnen, aber auch Igeln, Spitzmäusen und Ohrenkneifern einen behaglichen Lebensraum“ – wobei vor allem Letzteren im Garten eine besondere Rolle zukommt.

Wer sich in dieser Saison etwa über die unzähligen Schnecken im Garten geärgert hat, der sollte gerade den Bestand an Ohrenkneifern im Garten fördern, denn „die sind super, weil sie Schädlingen wie etwa der nervigen Spanischen Wegeschnecke, effektiv zu Leibe rücken“, betont Rottleb – im Gegensatz zu den oftmals empfohlenen Bierfallen, die zögen die bei Gartenbesitzern unbeliebten Kriechtiere eher an. Ebenso wie die Kadaver bereits getöteter Schnecken übrigens, denn: „Schnecken sind Kannibalen und verspeisen mit Vorliebe bereits verstorbene Artgenossen“, sagt Rottleb und rät statt zu teuren Schneckenzäunen zu Ablenkungspflanzen wie Tagetes. Die seien bei Schnecken auch äußerst beliebt und „halten sie von dem angepflanzten Gemüse fern“.

Klima bringt mehr Schädlinge hervor

Entgegen dem allgemeinen Trend, dem starken Rückgang von Insekten um bis zu 80 Prozent, haben der milde Winter und der feuchtwarme Sommer laut Experten dazu geführt, dass es in diesem Jahr wieder nicht nur mehr Nützlinge, sondern eben auch deutlich mehr Schädlinge gibt. Mücken gehören wie Schnecken, beide schätzen feuchtwarmes Klima, ebenfalls dazu – die umherschwirrenden Plagegeister machen dem Menschen den Genuss lauer Spätsommerabende in der freien Natur derzeit nahezu unmöglich. Sobald die Dämmerung hereinbricht, werden die Mücken aktiv, suchen sich einen Wirt und stechen zu. Auch fremde Arten, wie die aus dem Mittelmeerraum stammende Sandmücke, die die Infektionskrankheit Leishmaniose überträgt, oder die Kriebelmücke mit ihrem giftigen Speichel und schmerzhaften Bissen, nehmen zu.

Wer sich die Lästlinge vom Hals halten will, kann nicht nur die Fenster mit entsprechenden Schutzgittern versehen, sondern auch im Garten mit mückenunfreundlicher Bepflanzung gegensteuern. „Lavendel und Duftgeranien etwa schätzen Mücken gar nicht“, weiß Gartenexperten Rottleb. Weil Mücken ihre Larven zudem bevorzugt in Wasserstellen ablegen, rät sie dazu, Regentonnen abzudecken und auch die verbliebenen Regenreste aus Sandförmchen und Blumentöpfen sofort zu entfernen – oder eben Spinnen im Garten oder Fensterbereich willkommen zu heißen. Auch in ihren Netzen, wie etwa dem besonders großflächigen Gespinst der Zitterspinne, die in ihrem Aussehen den langbeinigen Weberknechten ähnelt, verfängt sich eine Vielzahl an Mücken.

Von Carolin Burchardt

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