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Helgoland: Eine Insel erfindet sich neu

Reisetipps, Helgoland Helgoland: Eine Insel erfindet sich neu

Fast wäre sie vor 70 Jahren durch eine riesige Explosion in der Nordsee verschwunden, doch es kam anders – glücklicherweise. Heute kann man zusammen mit Kegelrobben und Seehunden am weißen Strand liegen und den Flair einer - vermeintlichen - Hochseeinsel genießen.

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Der Nordstrand der Helgoländer Düne - hier dösen fast immer Kegelrobben.

Quelle: C. R. Guelde

Weit weg vom Trubel und nicht einmal zwei Quadratkilometer groß: Helgolands Hauptinsel und die vorgelagerte Düne sind vielleicht die exotischsten Orte Deutschlands. Wo sonst kann man mit Seehunden und Kegelrobben zusammen am weißen Strand liegen und bereits beim Fahrradfahren zum Gesetzlosen werden? Seit Dezember des vergangenen Jahres ist die sehenswerte Insel, die nach dem Zweiten Weltkrieg fast vor ihrem Ende stand, besonders umweltfreundlich und komfortabel zu erreichen.

Dafür sorgt die „werftfrische“ Fähre „MS Helgoland“ , die dank eines modernen Flüssiggas-Antriebes gegenüber Schiffen mit konventionellem Diesel-Antrieb deutlich weniger Stick- und Schwefeloxide sowie Kohlendioxid ausstößt und die berüchtigten Feinstaubemissionen sogar völlig vermeidet.

„Hinsichtlich der Fahreigenschaften ist der neue Antrieb für uns aber keine große Umstellung“ , erklärt Kapitän Ewald Bebber, der uns auf die Brücke eingeladen hat, damit wir einen Blick über seine Schulter werfen können. „Da der Rumpf optimiert ist, sind die im Vergleich zu unseren älteren Schiffen eher kleinen Motoren völlig ausreichend, sodass wir locker 20 Knoten erreichen.“ Der gebürtige Helgoländer ist seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Reederei Cassen Eils unterwegs, die neben der „MS Helgoland“ noch vier weitere Schiffe im Einsatz auf der Nordsee hat.

Jetzt im Winter ist die neue „MS Helgoland“ jedoch das einzige Schiff, das vom Sitz der Reederei in Cuxhaven aus die Versorgung der kleinen Insel sicherstellt. Vom Frühjahr bis zum Herbst bietet Cassen Eils weitere Linienverbindungen nach Helgoland von den Häfen Bremerhaven, Büsum und Hooksiel.

Keine Angst vor Seekrankheit

Dank der 20 Knoten Maximalgeschwindigkeit der neuen Fähre dauert die 65 Kilometer lange Fahrt von Cuxhaven hinaus in die offene See nach Helgoland nur zweieinhalb Stunden. Die Furcht vor Seekrankheit, die viele bislang von einer Reise nach Helgoland abgehalten hat, kann dabei künftig an Land zurückbleiben. Selbst wenn die Wellen beachtliche Höhen erreichen, liegt die „MS Helgoland“ stabil im Wasser. Allenfalls sehr empfindliche Landratten könnten bei kabbeliger See noch ein flaues Gefühl in der Magengegend bekommen.

„Der optimierte Rumpf unseres neuen Schiffes sorgt nämlich nicht nur für Schnelligkeit, sondern auch für ein sanftes Eintauchen. Zudem können wir bei Bedarf Stabilisatoren ausfahren, um das Rollverhalten bei erhöhtem Seegang deutlich zu reduzieren“ , beruhigt Kapitän Bebber und fügt schmunzelnd hinzu: „Der Verbrauch an Spucktüten ist auf unserem neuen Schiff um gut 90 Prozent gesunken.“

Uns beeindrucken aber nicht nur die Seetüchtigkeit und Umweltfreundlichkeit des 83 Meter langen und knapp 13 Meter breiten Neubaus, sondern auch die komfortable Ausstattung der acht Salonbereiche. Insgesamt bietet die „MS Helgoland“ rund 1200 Sitzplätze, verteilt auf drei Decks sowie drei Oberdeckbereiche mit barrierefreiem Zugang. Und da sich nun bei den meisten Passagieren statt der Seekrankheit ein gesunder Appetit einstellt, gibt es auch reichlich Möglichkeiten an Bord, etwas Leckeres zu essen. Wir decken uns mit Fischbrötchen ein und verbringen die restlichen Seemeilen bei strahlender Februarsonne und einer steifen Brise fröhlich kauend auf dem Oberdeck.

Rote Felsen und bunte Häuser

Bald schon erahnen wir die Umrisse Helgolands am Horizont, die sich sehr schnell – 20 Knoten! – zu einem konkreten Bild einer Insel mit roten Felsen, grünen Wiesen und bunten Häusern formen. „Wow! – Deutschlands einzige Hochseeinsel!“, denkt man einmal mehr. Aber es wird deswegen nicht richtiger, weder seerechtlich noch geografisch. Kein internationales Gewässer trennt Helgoland vom Rest Deutschlands, und Helgoland gehört, wie die gesamte Deutsche Bucht, zum Bereich des Festlandsockels. Aber spielt das eine Rolle, wenn man die sturmumtosten roten Klippen aus der wilden Nordsee aufragen sieht? Gefühlt ist Helgoland hundertprozentig eine Hochseeinsel – eine für deutsche Verhältnisse sehr exotische obendrein.

Helgoland überlebte nur knapp

Dass es noch einen Grund gibt, in die offene Nordsee hinauszufahren, um Helgoland zu besuchen, ist ein Glücksfall. 1947 stand die Insel vor dem Aus, einem ausgesprochen existenziellem Aus. „Die Vernichtung der Insel dürfte beschlossen und nicht mehr aufzuhalten sein“, schrieb „Die Zeit“ bereits am 22. August 1946 unter dem Titel „Nachruf auf eine Insel“. Mit der bis heute größten nichtatomaren, von Menschen gewollten Explosion zerstörten die Briten dann am 18. April 1947 die militärischen Bunkeranlagen sowie die dort gelagerte Munition und nahmen dabei die komplette Vernichtung Helgolands in Kauf. Doch dazu kam es nicht. Zwar veränderte die Insel durch die Sprengung ihr Aussehen nachhaltig, doch der poröse Sandstein Helgolands, der die Druckwelle entweichen ließ, verhinderte die vollständige Zerstörung der Insel.

Nachdem die Briten Helgoland 1952 der noch jungen Bundesrepublik Deutschland übergaben, erfolgte der Neustart dieser mindestens seit dem 7. Jahrhundert bewohnten Insel. Er war erfolgreich, nicht zuletzt dank einer Bebauung, die zwar den Charme der 1960er- und 1970er-Jahre ausstrahlt, der aber mit ihrer Ausrichtung nach der Windbelastung historisch gewachsene Strukturen zugrunde liegen.

Zu Gast bei einer berühmten Familie

Wir wohnen im Hotel Rickmers Insulaner, nur wenige Minuten Fußweg vom Liegeplatz der „MS Helgoland“ entfernt. Rickmers ist auf Helgoland ein bedeutender Name, und entsprechend selbstbewusst, aber nicht weniger herzlich präsentiert sich das Vier-Sterne-Hotel, das seine besondere Atmosphäre auch der hochwertigen Kunstsammlung zum Thema Helgoland verdankt. Exakt an der Stelle, an der das Hotel heute steht, wurde der spätere Werftgründer und Reeder Rickmer Rickmers zum Bootsbauer ausgebildet. Und auch heute noch heißt der Inhaber des Hotels Rickmers und trägt damit den Namen einer Familie, zu der auch der auf Helgoland geborene Kinderbuchautor James Krüss gehört. Kein Wunder, dass ein weiteres, dieser Tage eröffnetes Hotel der Familie nach einer seiner Erzählungen benannt ist. Hummerklippen soll, so die Betreiber, ein Hotel voller Bücher und Geschichten werden, die einen Bogen von Lichtenberg bis Fitzek spannen. Dazu passt, dass alle Zimmer statt Nummern die Namen berühmter Autoren tragen, die über oder zumindest auf Helgoland geschrieben haben. Wer demnächst nach Helgoland reist, der sollte die Eröffnungslesung im Hotel Hummerklippen am Gründonnerstag, 24. März 2016, nicht verpassen.

Jede Hausnummer gibt es nur einmal

Die Häuser auf Helgoland tragen allerdings Nummern, jedoch nicht wie üblich straßenweise, denn jede Hausnummer gibt es nur einmal. Das Zollamt auf der Frachtmole hat die 1, das Hotel Rickmers Insulaner die 2 und so weiter – bis hinauf in den Tausender-Bereich, der den Hafen-Gebäuden vorbehalten ist. Das ist jedoch noch lange nicht die einzige Besonderheit auf Helgoland. Mindestens ebenso eigenartig ist, dass – bis auf wenige Sonderregelungen – nicht nur Autos, sondern sogar Fahrräder verboten sind; was damit begründet wird, dass die für einen geregelten Fahrradverkehr erforderlichen Schilder das Ortsbild beeinträchtigen würden. So kommt es, dass man immer wieder Erwachsene vergnügt auf einem Tretroller durch die Gegend sausen sieht.

Wenig verwunderlich ist dann auch, dass es nur zwei Ampeln gibt, wohl aber der Umstand, dass sie vor landenden Flugzeugen warnen. Sie stehen auf der von der Hauptinsel mit einem kleinen Boot innerhalb von zehn Minuten zu erreichenden Düne, wo sich neben einem kleinen Flugplatz auch der Lieblingsstrand zahlreicher Seehunde und Kegelrobben befindet. Die Wildtiere haben sich hier so sehr an den Menschen gewöhnt, dass man sich ihnen bis auf 30 Meter nähern kann. Man sollte nur nicht aufdringlich werden. Das ist generell ein guter Rat für einen Besuch auf Helgoland, schließlich halten die rund 1500 Helgoländer gut 2200 Gästebetten bereit und teilen gerne ihr Paradies. Und das soll auch so bleiben.

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