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Allein mit 21 Mönchen

Südfrankreich Allein mit 21 Mönchen

Côte d’Azur, Nizza, Cannes. Was nach Promis, einer Menge Touristen und vor allem nach viel Trubel klingt, ist, bevor am Mittwoch das berühmteste aller Filmfestivals beginnt, eine überraschend ruhige Urlaubsgegend. Ein Besuch rund um Cannes.

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Mit der Fähre gut erreichbar: Die Leriner Inseln liegen in der Bucht vor Cannes an der Côte d’Azur und sind ein lohnendes Ziel.

Quelle: Kelagopian

Nur von der Inselspitze lässt sich ein vager Blick auf die Küste erhaschen. Weiß leuchtet dort ein Gebäudeklotz vor wolkenverhangenem Horizont. Das muss „Le Bunker“ sein, wie die Cannois ihr Festivalpalais ein wenig despektierlich nennen. Rund um Pfingsten wird dort wieder der Wahnsinn toben, wenn schwarze Limousinen anrollen, Stars im Stundentakt auf der Strandpromenade La Croisette ausladen und diese die Palaistreppe emporsteigen.

Foto: Weltbekannt: Ein Spaziergang auf der legendären Promenade de la Croisette vorbei an den Grand Hotels, in denen während des Festivals die Stars wohnen, ist ein Muss für jeden Cannes-Besucher.

Weltbekannt: Ein Spaziergang auf der legendären Promenade de la Croisette vorbei an den Grand Hotels, in denen während des Festivals die Stars wohnen, ist ein Muss für jeden Cannes-Besucher.

Quelle: Kelagopian

Der Stadt entfliehen

In diesem Augenblick aber könnte das berühmteste aller Filmfestivals kaum weiter weg sein. Auf der Insel Saint-Honorat rauschen die Wellen, irgendwo kräht ein Fasan, eine Möwe schreit im Wind. Das Pinienwäldchen verströmt einen würzigen Duft. Kaum zu glauben, dass dieses Plätzchen zu Cannes gehört. In gut 20 Minuten hat uns die Fähre auf die eineinhalb Kilometer lange und einen halben Kilometer breite Insel gebracht. Im Sommer fliehen die Cannes-Bewohner vor der aufgeheizten Stadt hierher und packen im Schatten von karstigen Felsen ihre Picknickkörbe aus. Aber jetzt, an diesem grauen Regentag an der Côte d’Azur, ist man allein unterwegs.

Ruhe auf der Insel der Mönche

Beinahe jedenfalls. 21 Mönche leben auf der Insel zwischen Weinfeldern, Olivenbäumen und Lavendelbüschen. Den Zisterziensern gehört die nach Sainte-Marguerite zweitgrößte Leriner Insel in der Bucht von Cannes. Die Mönche sind die einzigen Bewohner, der jüngste ist noch keine 30 Jahre alt, der älteste über 80. Sie bitten sich Ruhe aus auf ihrem Eiland. Ungastlich sind die Mönche aber nicht. Jeder darf sie besuchen, um die schlichte Klosterkirche oder den imposanten Festungsturm zu besichtigen. Mit der letzten Fähre am frühen Abend aber müssen die Besucher wieder verschwinden. Die Mönche wollen sich konzentrieren – auf Gott, aber auch auf ihre Arbeit auf dem Feld.

Edle Weine

„Mehr als 40 000 Flaschen Wein produzieren die Mönche pro Jahr“, sagt Samuel Bouton. Im einzigen Inselrestaurant La Tonnelle lädt er zur Weinprobe ein. Zu Recht ist er voll des Lobes für die nicht ganz billigen Tropfen namens „Saint Pierre“ oder „Saint Sauveur“. Bouton ist die Verbindung der Mönche zur Außenwelt. Die Zisterzienser haben sich zum Schweigen verpflichtet. Die Kommunikation lässt sich dennoch unproblematisch erledigen – per E-Mail. Besonders Ruhebedürftige dürfen sich im Gästetrakt des Klosters einmieten. Zuvor müssen sie einen Antrag stellen.

Foto: Edle Erzeugnisse: Die 21 Mönche, die auf der Leriner Insel Saint-Honorat leben, produzieren auch Wein.

Edle Erzeugnisse: Die 21 Mönche, die auf der Leriner Insel Saint-Honorat leben, produzieren auch Wein.

Quelle: Kelagopian

Rückzugsort für Autoren

Die Krimiautorin Christine Cazon, die seit sechs Jahren in Cannes lebt, gehörte zu jenen, die eine Woche lang Aufnahme fanden. Die gebürtige Deutsche war so angetan von ihrem Rückzugsort, dass sie den Mönchen keinen fiktiven Inselmordfall unterschieben mochte. Ihren soeben erschienenen dritten Roman „Stürmische Côte d’Azur“ siedelte sie auf der nur ein paar hundert Meter entfernten Nachbarinsel Sainte-Marguerite an.

Foto: "Sie können uns glauben: Wir haben hier unsere ganz alltäglichen Sorgen“, sagt Autorin Christine Cazon.

Alltag im Pardies: "Sie können uns glauben: Wir haben hier unsere ganz alltäglichen Sorgen“, sagt Autorin Christine Cazon.

Quelle: Stéphanie Melbe

Bekannter Inselbewohner

Auf der Insel thronte einst sogar ein Staatsgefängnis mit Meeresblick. Der berühmteste Gefangene war der „Mann mit der Eisernen Maske“. Ein gutes Jahrzehnt war er im 17. Jahrhundert in einer Zelle mit Kamin und Diener eingesperrt, die sich besichtigen lässt. Die Identität des Inhaftierten ist bis heute nicht gelüftet worden. Handelte es sich tatsächlich um einen Zwillingsbruder von Ludwig XIV., der sich den Rivalen um den Thron Frankreichs vom Leibe halten wollte? Natürlich wird auch diese Episode in Cazons aktuellem Krimi erwähnt. Ihre Bücher lassen sich als eine Art alternativer Cannes-Reiseführer verwenden. In ihrem ersten Roman stand das Filmfestival im Mai im Zentrum. Ein toter Regisseur im Kinosaal, erschossen während der Vorstellung seines eigenen Werkes: Das gab es in der Wirklichkeit bei dem Festival noch nie.

Beschauliches Cannes

Noch sind in Cannes aber keine Anzeichen vom Festival zu sehen. Noch hängen keine Kinoplakate am Edelhotel Carlton, noch fehlt die weiße Zeltstadt am – jedes Jahr wieder neu aufgeschütteten – Sandstrand, noch muss niemand Slalom zwischen Absperrgittern laufen.

Vom Fischerdorf zum mondänen Badeort

So haben die wenigen Spaziergänger viel Auslauf auf der Croisette. Die Luxusmarken Dior, Chanel oder Prada putzen noch ihre Geschäfte heraus. Schräg gegenüber vorm Casino spielen Rentner so entspannt Boule, als sei die Kongressstadt Cannes noch immer das Fischerdorf, das 1834 vom britischen Baron Brougham auf dem Weg nach Nizza zufällig entdeckt wurde. Wenig später folgte dem einflussreichen Baron der englische Adel ans französische Mittelmeer. Binnen Jahrzehnten entwickelte sich Cannes zum mondänen Badeort – und ist dies bis heute geblieben, auch wenn die Touristikabteilung sich müht, die Attraktivität der 70.000-Einwohner-Stadt für jüngere und weniger gut betuchte Gäste zu steigern. 

Foto: Beste Lage: Der alte Hafen von Cannes ist ein guter Ausgangspunkt, um die Stadt zu erkunden. Foto: Fabre

Beste Lage: Der alte Hafen von Cannes ist ein guter Ausgangspunkt, um die Stadt zu erkunden. Foto: Fabre

Quelle: Fabre

Wie ist es denn nun, in einer Stadt zu leben, die weltweit für Glanz und Glamour steht? „Davon bekommen wir Einheimischen gar nicht so viel mit“, sagt Krimiautorin Cazon. „Sie können uns glauben: Wir haben hier unsere ganz alltäglichen Sorgen.“ Die meisten Cannois, auch sie selbst, leben nach ihren Worten „jenseits der Schnellstraße“, die das Zentrum durchschneidet: Die Croisette mit ihren Strandrestaurants passiert die Autorin, wenn überhaupt, mit dem Fahrrad.

Frische Kichererbsen-Pfannkuchen

In der parallel dahinter verlaufenden Einkaufsstraße Rue d’Antibes kann Cazon sofort kostengünstige Boutiquen empfehlen. Und einen Ort sucht sie besonders gern auf, den auch Touristen lieben: die Markthalle in der Altstadt. „Da verkaufen auch heute noch Mütterchen ihr Gemüse“, sagt Cazon. Frischen Fisch gibt es dort ebenso: Die lokalen Fischer verkaufen ihren Tagesfang. Muränen, Doraden, den ein oder anderen Thun- oder Schwertfisch haben sie im Angebot, gerade ist Seeigel-Saison. Einheimische versorgen sich auf dem Marché Forville gern bei dem stets scherzenden Thomas Pietri mit frisch aus dem Backofen gezogenen Kichererbsen-Pfannkuchen, Socca genannt. Dann lassen sie sich in einem der umliegenden Cafés bei einem Gläschen Rosé nieder. Cannes ist Stress und Trubel? Ach, woher denn.

Von Stefan Stosch

Mit dem Flugzeug bis nach Nizza

Anreise
Mit dem Flugzeug bis Nizza, dann etwa 45 Minuten mit dem Bus nach Cannes.

Unterkünfte
In nur 20 Minuten zu Fuß bis zum Festivalpalais: La Bastide de l’Oliveraie.
Schlafen mit Meerblick in der ersten Reihe: Hotel Splendid.
www.bastidedeloliveraie.com
splendid-hotel-cannes.com

Fähren
cannes-ilesdelerins.com
trans-cote-azur.com

Literaturtipp
Christine Cazon: „Stürmische Côte d’Azur“ (Cannes-Krimi), Kiepenheuer & Witsch, 9,99 Euro.

Weitere Informationen
Atout France – Französische Zentrale für Tourismus
www.france.fr

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