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Walversprechen eingelöst

Azoren mit dem Boot entdecken Walversprechen eingelöst

Wer Wale beobachten will, steuert die Azoren an: Bei 98 Prozent der Bootstouren rund um die portugiesischen Atlantikinseln sind die riesigen Meeressäuger gut zu beobachten.

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Für Kenner nicht zu verwechseln: Die Fluke ist der Fingerabdruck der Wale. Form, Muster und Kratzer der Schwanzflosse dienen Meeresbiologen zur Identifizierung der Tiere. Im Hintergrund Portugals höchster Berg: der Pico auf der gleichnamigen Insel.

Quelle: Azoresphotos.visitazores.com

Da! Blas auf neun!“ Norberto reißt das Lenkrad rum und gibt Gas. Das Schlauchboot bäumt sich auf und nimmt rasant die Kurve. Dann taucht plötzlich eine kleine Flosse auf: Backbord schwimmt ein Pottwal.
Die Fahrt endet ebenso abrupt, wie sie begann. Doch ehe die Kameras startklar sind, ist der Riese abgetaucht. Alle starren gebannt aufs Wasser. Norberto ahnt, was seine Gäste denken. „Der kommt gleich wieder“, verspricht der 59-Jährige. Seit rund 20 Jahren bietet der ehemalige Forschungstaucher Touren an – für Wissenschaftler, Touristen und Tauchprofis. Manche nennen ihn den Walflüsterer, eine Legende ist er in jedem Fall. Ein lautes Prusten gibt ihm recht. Noch dreimal taucht der Koloss auf, bevor er in den Fluten verschwindet.

Foto: Bis zu 14 Personen haben auf den wendigen und schnellen Schlauchbooten Platz. Für alle Fälle gilt Schwimmwestenpflicht.

Bis zu 14 Personen haben auf den wendigen und schnellen Schlauchbooten Platz. Für alle Fälle gilt Schwimmwestenpflicht.

Quelle: Lehmann

Bis 1000 Meter tief suchen Pottwale nach Nahrung. Sie sind verrückt nach Tintenfisch. Etwa eine Dreiviertelstunde dauert der Beutezug, dann kommen sie zum Luftschnappen an die Oberfläche. Genau auf diesen Moment warten die Boote.

König der Meere voraus

Aus dem Funkgerät dringen aufgeregte Stimmen. Norberto dreht ab. „Hinsetzen!“, befiehlt der Skipper. Und ab geht die Post. Zwei andere Boote jagen in die gleiche Richtung. Obwohl die See ruhig scheint, schlagen die Gleichgewichtssinne Alarm. Zum Glück hat jemand Reisekaugummi dabei.

Und dann kommt der Augenblick, für den allein sich die Reise lohnt. Dort, wo das Wasser türkis schimmert, schwimmt der König der Meere – ein Blauwal. Die zwei Blaslöcher und die hellen Hautflecken sind gut zu erkennen, als der Riese aus dem Wasser gleitet. Er muss deutlich länger als 20 Meter sein. Der Blauwal verkörpert Superlative. Er ist das größte Tier auf Erden. Der bisherige Rekord liegt bei 33 Metern. Sein Herz hat die Größe eines Kleinwagens. Er bläst die Atemluft bis zu zehn Meter hoch. Nur blau ist er eigentlich nicht. Vor den Azoren ist der Gigant nur Gast – allerdings ein ziemlich verfressener. Mit leerem Magen kommen die Tiere im März hier an. Während des Winters, den sie im Süden verbringen, leben sie nur von ihren Fettreserven.

Fotos: Grundregel für Landratten: Je größer der Wal, desto kleiner und weiter hinten die Rückenflosse.

Grundregel für Landratten: Je größer der Wal, desto kleiner und weiter hinten die Rückenflosse.

Quelle: Lehmann

Krill im Überfluss

Die Grundlage für ihre üppige Sommerfigur legen sie vor Faial und Pico. Hier finden sie Krill im Überfluss. Die zahnlosen Riesen lieben die Mini-Krebse. Sie filtern das Plankton tonnenweise aus dem Wasser. Wird der Atlantik wärmer als 18 Grad, ziehen die Krebse weiter Richtung Norden – und mit ihnen die Blauwale.

Whale Watching im Gummiboot

An Bord sind alle aus dem Häuschen. Auch wenn später auf den Fotos viel Meer und wenig Tier zu sehen ist. Den Blauwal zu toppen wird schwer. Doch Norberto ist Profi, der weiß, was Landratten wünschen. Er steuert das knallrote Gummiboot weit raus aufs offene Meer. Bis jemand ruft: „Delfine auf zwei.“ Schnell haben sich die Gäste an die Richtungsangabe nach der Uhr gewöhnt. Steuerbord ist eine ganze Gruppe der flinken Tiere zu sehen. Sie steuern direkt auf das Boot zu. Jetzt kommen auch die Fotografen zu ihrem Recht. Eskortiert werden die Schwimmer von einem Schwarm Gelbschnabel-Sturmtaucher. Beide jagen die gleiche Beute: Fisch. Aus Konkurrenten werden Komplizen. Die Vögel, die bis 16 Meter tief tauchen können, greifen von oben an. Die Delfine von unten. Satt werden beide Arten.

Foto: Norberto Serpa kennt den Atlantik wie seine Westentasche. Seit rund 20 Jahren fährt er mit Gästen raus aufs Meer.

Norberto Serpa kennt den Atlantik wie seine Westentasche. Seit rund 20 Jahren fährt er mit Gästen raus aufs Meer.

Quelle: Lehmann

Zurück in den Hafen von Horta

Nach mehr als drei Stunden läuft Norberto den Hafen von Horta an. Hier hat er Büro und Basis. Schwimmwesten und Ölzeug hängen neben Neoprenanzügen und Flossen. Die nächsten Gäste schleppen Tauchflaschen und riesige Unterwasserkameras an Bord. Sie begrüßen ihn wie einen alten Bekannten. Wer was erleben will, bucht den Mann mit Stirnband.

Hafenmauer als Gästebuch

Nach so viel Wasser kommt der Durst. Und den stillt man am besten in Peter’s Café Sport am Hafen. Stilecht wird mit einem Gin Tonic auf die Wale angestoßen. Am Nebentisch trinkt eine Segelcrew auf die nächste Etappe. 17 Tage war sie von der Karibik bis hierher unterwegs. Zu den Ritualen der Weltumsegler gehört nicht nur der Gin bei Peter, sondern auch das Verewigen auf den Hafenmauern. Die fantasievollen Zeichnungen mit Jahreszahl und Namen sollen Glück bringen für die Überfahrt. Tolle Fotomotive sind sie allemal.

Foto: Gästebuch an der Hafenmauer von Horta: Viele Segler können nicht nur mit Pinne und Fock umgehen, sondern auch mit Pinsel und Farbe.

Gästebuch an der Hafenmauer von Horta: Viele Segler können nicht nur mit Pinne und Fock umgehen, sondern auch mit Pinsel und Farbe.

Quelle: Lehmann

Walkunst hinter Glas

Über der Kult-Kneipe, in der nichts an ein Café erinnert, residiert ein Museum der besonderen Art. Kunst aus und auf Walzähnen ist hier zu sehen: Schnitzereien, die an Elfenbein erinnern und heute Seltenheitswert haben, aber auch eingeritzte Zeichnungen. Scrimshaw nennt sich das Ganze. Ein sterbendes Handwerk, dem das Rohmaterial langsam ausgeht. Besonders die bis 25 Zentimeter langen Frontzähne von Pottwalen verzierte man einst mit Bildern von Monsterwellen und mutigen Männern. Erst wurden die Riesen-Beißer poliert, dann graviert. Heute thronen die wertvollen Sammlerstücke in Vitrinen hinter Glas.

Foto: Horta mit seinem Hafen. 1800 Segelboote machen hier pro Jahr fest. Willkommener Stopp auf der Transatlantikroute.

Horta mit seinem Hafen. 1800 Segelboote machen hier pro Jahr fest. Willkommener Stopp auf der Transatlantikroute.

Quelle: Lehmann

Für reichlich Nachschub sorgte damals die Walfabrik von Porto Pim. Bis 1974 wurden hier in 30 Jahren rund 2000 Tiere verarbeitet. Alle per Hand gefangen. In zehn Meter langen Holzbooten zogen die Männer los, die letzten Meter bis zum Ziel rudernd und segelnd. Den gefährlichsten Job an Bord hatte der Harpunier. Nicht immer verlor der tonnenschwere Wal den Kampf. Längst ist das Haus ein Museum, das technikbegeisterten Besuchern Respekt abringt. Riesige Dampfmaschinen trieben Fleischwolf, Kocher und Mahlwerk an. Ein eindrucksvoller Film zeigt Fang und Verarbeitung der Wale. Im Kochtopf landeten die Meeressäuger auf den Azoren nicht. Das Öl galt als hervorragender Brenn- und Schmierstoff. Beste Qualitäten ließen sich aus dem Kopf der Tiere gewinnen. Sein Dickschädel wurde dem Pottwal hier zum Verhängnis.

Damals wimmelte es in der Bucht von Haien. Blut und Reste aus der Fabrik landeten im Wasser. Heute tummeln sich in dem glasklaren Wasser Familien und genießen das Wochenende an einem der schönsten Strände auf Faial.

Von Constanze Lehmann

Hin und Weg

Lage
Die Azoren liegen im Atlantischen Ozean – etwa 1400 Kilometer westlich vor dem europäischen Festland und 4382 Kilometer ostwärts von Nordamerika, genauer dem US-Bundesstaat Virginia. Die Eilande sind über eine Grundfläche von 2330 Quadratkilometern verteilt. Die neun größeren und mehrere kleine Inseln bilden eine autonome Region Portugals und gehören damit zur Europäischen Union. Fast die Hälfte der rund 250.000 Azorianer lebt auf der Hauptinsel São Miguel.

Anreise
Die portugiesische Fluggesellschaft Sata bietet eine Direktverbindung von Frankfurt am Main nach Ponta Delgada auf São Miguel an. Auch bei Air Berlin wird man fündig.

Walbeobachtung
Vor den Azoren gibt es 26 Walarten. Einige – wie der Pottwal – leben ganzjährig hier. Andere nur zeitweise, wie der Blauwal von März bis Mai/Juni. Drei Delfinarten tummeln sich das ganze Jahr lang vor den Inseln. Bei 98 Prozent der Bootstouren zu den Walen werden Tiere gesichtet. Dafür sorgen die Vigias, die Aussichtstürme an Land. Von hier aus ist der Blas der Wale kilometerweit zu sehen. Früher gaben die Männer vom Turm ihre Informationen an die Walfänger weiter, heute an die Walbeobachter.

Veranstalter
Die im Beitrag beschriebenen Orte sind Stationen der Reise „Azoren – grüne Inseln im Atlantik“ von Studiosus. Die zwölftägige Tour, die auf die Inseln São Miguel, Terceira, Faial und Pico führt, ist ab 2385 Euro pro Person im Doppelzimmer unter Telefon (00800) 24 02 24 02 (gebührenfrei) buchbar. www.studiosus.com

Weitere Informationen
www.visitazores.com

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