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Insel der Hoffnung

Kreta Insel der Hoffnung

"Es geht immer weiter. Krise hin oder her": Auf Kreta herrscht Zuversicht statt Zukunftsangst. Die griechische Insel setzt trotz aller Schreckensnachrichten vom Festland weiter auf den Tourismus.

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Einst eine wichtige Handelsbasis: In Chania erinnert nicht nur die Hafenanlage an die venezianische Herrschaft. Elegante Stadthäuser und Paläste sind architektonische Überbleibsel aus dem 13. bis 17. Jahrhundert.

Quelle: Schütze-Lill

Ein leichtes Kribbeln breitet sich im Körper aus – die Maschine wird es doch bis zur Landebahn schaffen …? Der Anflug über das offene Meer auf den Flughafen von Heraklion ist einfach spektakulär und immer wieder ein Erlebnis. Die Landung ist geglückt, aber was erwartet uns nun? Denn für viel mehr Nervosität als der Landeanflug sorgt zurzeit die politische Lage Griechenlands.

Zunächst empfängt uns das typisch griechische Chaos an der Gepäckausgabe, das rein gar nichts mit Schuldenkrise, Hilfsprogrammen und Reformen zu tun hat. Von den vier Gepäckbändern sind nur zwei in Betrieb. Die Halle füllt sich mit immer mehr Menschen, die auf ihre Koffer und Taschen warten. Es ist stickig. Mal zeigt die elektronische Anzeigetafel Band 3, dann wieder Band 4 an. Die Reisenden wechseln ohne Murren von einem zum anderen Band. Sie haben Urlaub und freuen sich auf Sonne und Meer.

Während der Fahrt zum Hotel erzählt Taxifahrer Jannis von der großen Unsicherheit im Land. Es gebe unzählige Fragen, die in diesen Tagen überall auf den Straßen und Plätzen, in den Tavernen und den Familien diskutiert werden und auf die zurzeit niemand eine Antwort weiß. Trotz allem wirkt Jannis entspannt und zuversichtlich. Er hat Verständnis für die Haltung Europas. „Wir Griechen verstehen schon, dass die EU für uns keine Ausnahme machen kann. Sonst könnten ja auch andere kommen und das Gleiche fordern.“

„Die Gesellschaft hört nicht einfach auf zu existieren."

Ähnlich optimistisch blickt Reiseführer Jorgos in die Zukunft. Er führt uns durch den Palast von Knossos – eine der Hauptattraktionen der Insel. Er sagt, Griechenland habe schon so viele schwierige
Zeiten erlebt, und immer sei es weitergegangen. „Die Gesellschaft hört nicht einfach auf zu existieren. Es geht immer weiter. Krise hin oder her.“

Vor der Krise ein gefragtes Urlaubsziel: Der Falassarna ist einer der beliebtesten Sandstrände an der Westküste Kretas, derzeit geht es dort eher ruhig zu. In der Ebene sind Obstplantagen, Olivenhaine und Gewächshäuser zu sehen.

Quelle: Schütze-Lill

Wir besichtigen die labyrinthartige Palastanlage des sagenhaften Königs Minos, nach dem eine ganze Kulturepoche, die minoische Kultur, benannt wurde. Rund um den lang gestreckten Zentralhof sind unzählige verwinkelte Räume für verschiedene Zwecke angelegt. Es gibt prächtige Privatgemächer mit farbigen Wandfresken, Vorratsräume mit mannshohen Tongefäßen, in denen Öl und Wein gelagert wurden, Werkstätten und Heiligtümer für kultische Rituale. Von hier aus wurde Handel mit dem gesamten Mittelmeerraum getrieben. Es ist auffällig leer auf dem Ausgrabungsgelände. Außer unserer Reisegruppe sind nur ein paar Individualreisende unterwegs. Jorgos bestätigt, dass er früher mehr Gruppen über die Insel geführt habe als heute. Sorgen um seinen Job mache er sich aber nicht, denn er sei nicht beim Staat angestellt.

Denn sollte Griechenland aus dem Euro ausscheiden und zur Drachme zurückkehren, wäre es durchaus möglich, dass der Staat vorübergehend keine Gehälter mehr an seine Angestellten zahlen kann. Das könnte zu eingeschränkten Öffnungszeiten oder gar Schließungen von Museen und Sehenswürdigkeiten führen. Derzeit sind aber noch alle staatlichen Museen geöffnet.

„Die Krise hat sogar etwas Gutes bewirkt.“

Rund um Knossos befinden sich unzählige Weinberge. Einheimische Rebsorten wie Mandilaria und Kotsifali werden angebaut, aber auch bekanntere Sorten wie Syrah und Chardonnay wachsen hier. Im Dorf Skalani betreibt die Firma Boutari ein Weingut. Die Weine sind gehaltvoll und kräftig. Vinologin Vivi Papaspirou führt über das Gut, erklärt Touristen die Produktion und lädt zur Verkostung ein. Bei einem Gläschen Wein erzählt sie, dass sich die wirtschaftliche Krise Griechenlands bisher kaum auf Boutari auswirke. „Sie hat sogar etwas Gutes bewirkt“, fährt die Expertin fort, „denn durch die Krise haben sich die Weinbauern der Region zusammengeschlossen und vermarkten ihre Weine gemeinsam.“

Bei so viel Zuversicht fällt es schwer, an den Ernst der Lage im Land zu glauben. Ein Blick in die führende griechische Tageszeitung „Kathimerini“ zeichnet hingegen ein anderes Bild. Man liest von Warteschlangen vor Bankautomaten und Tankstellen und von Hamsterkäufen in den Supermärkten seit der Einführung der Kapitalverkehrskontrollen.

"Spannungen existieren nur zwischen Regierungen, nicht zwischen Menschen": Fischer Stelios aus Kolymvari.

Quelle: Katrin Schütze-Lill

Die Angst vor dem Bankrott geht um im griechischen Volk. Auf Kreta scheint die Panik Athens jedoch noch nicht angekommen zu sein. Wir fahren entlang der Nordküste Richtung Westen nach Chania. In der zweitgrößten Stadt der Insel leben rund 65 000 Einwohner. Chania erlebte ihre Blütezeit unter venezianischer Herrschaft vom 13. bis zum 17. Jahrhundert, als sie venezianische Handelsbasis war. Die Besatzer haben die Altstadt architektonisch stark geprägt. Enge Gassen mit eleganten Palästen und Stadthäusern, die zum Flanieren einladen, winden sich um den Hügel rund um den Hafen. Besonderes Flair versprüht das alte Judenviertel mit seinen Tavernen und Cafés in romantisch verfallenen Ruinen, in denen man unterm Sternenhimmel speisen kann.

Überall spürt man das Bemühen, Normalität zu suggerieren.

Beim Rundgang durch die Altstadt fällt auf, dass auch hier wenige Touristen unterwegs sind. Es ist Juli und damit Hochsaison. Doch die Tavernen am Hafen sind leer. Langeweile auch in Shoppingmeilen wie der Stiefelgasse mit den vielen Lederwaren. In der Markthalle mit ihren Souvenirläden und Lebensmittelständen treffen wir vorwiegend auf Einheimische. Fragt man Ladenbesitzer und Restaurantbetreiber nach den Geschäften, halten sich alle auffallend zurück. Man sei zur falschen Tageszeit hier, heißt es unisono. Überall spürt man das Bemühen, Normalität zu suggerieren.
Die Gastfreundschaft wird nach wie vor hochgehalten. Panos Livadas, Generalsekretär der griechischen nationalen Tourismus Organisation (GNTO), hält diesen griechischen Wesenszug  für das größte Gut, das Griechenland von anderen Urlaubsländern unterscheidet. Und wahrhaftig, egal, wo wir hinkommen, werden wir herzlich empfangen. Den Griechen ist die Gastfreundlichkeit eine Herzensangelegenheit, keine rein touristische Notwendigkeit. Gerade die Kreter lieben ihre Insel und wollen sie Fremden gern zeigen. Fischer Stelios erzählt, dass er nie woanders leben könnte als in seiner Heimat Kreta. „Die Spannungen existieren nur zwischen den Regierungen, aber nicht zwischen den Menschen. Alle sind hier herzlich willkommen.“

Ungeachtet der vielen Attraktionen kommen doch die meisten Urlauber zum Baden hierher. Wir fahren ans Meer und besuchen einen der schönsten Sandstrände an der Westküste Kretas, Falassarna. Auch hier ist wenig los.

Man spüre von der Krise „eher nichts“.

Der marktführende Reiseveranstalter Tui erklärt zwar, dass die Buchungslage für Griechenland sehr gut sei und nur leicht unter den Rekordzahlen des Vorjahres liege. Auch brauche niemand Sorge um seine gebuchte Reise zu haben, versichert der Tui-Verantwortliche für die Region Griechenland, Florian Fleischer, denn die Durchführung aller Reisen sei sichergestellt. Das bestätigen DER-Touristik und Neckermann: Man spüre von der Krise „eher nichts“.

Eine mögliche Erklärung für die gefühlte Leere vor Ort liefert Andreas Andreadis, Geschäftsführer des griechischen Tourismusverbands Sete. Die Last-minute-Reisen, die in der Hochsaison bis zu 120 000 Buchungen ausmachten, seien seit der Einführung der Kapitalverkehrskontrollen um bis zu 40 Prozent eingebrochen. Sollten diese Buchungsrückgänge zu Preissenkungen führen, könnten sich für Kurzentschlossene interessante Reiseschnäppchen ergeben. Denn mit der Herzlichkeit seiner Einwohner, den schönen Sandstränden und vielen Sehenswürdigkeiten ist Kreta nach wie vor ein wunderbares Reiseziel.

Von Katrin Schütze-Lill

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