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Spurensuche mit Inspektor Barnaby

Kanalinseln Spurensuche mit Inspektor Barnaby

Mehr als spektakuläre Klippen, bunte Blumen und exzellentes Essen: Ein Besuch auf der Kanalinsel Jersey mit dem Schauspieler und Historiker John Nettles.

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Postkartenmotiv an der Küste Jerseys: Der Leuchtturm von Corbiere ist eines der Wahrzeichen der Insel.

Quelle: Visit Jersey

Wenn hinter dem Leuchtturm von Corbière die Sonne im Meer verschwindet, legen sich Tag für Tag Hobbyfotografen auf die Lauer. Der filigrane, weiße Betonbau ragt auf einem Felsen vor der Westküste Jerseys 19 Meter empor und ist zu einem der beliebtesten Fotomotive der Insel geworden. Der Leuchtturm ist auf Postkarten zu sehen, auf Kalenderblättern und sogar auf älteren Fünf-Pfund-Noten und 20-Pence-Münzen. Ein reines Idyll – ganz dem Image der Kanalinseln vor der Küste Frankreichs entsprechend.

Inseln der Betontürme

Eines aber fehlt üblicherweise auf diesen Motiven: Nur ein Stück weiter, etwas oberhalb des exzellenten Gasthauses Corbière Phare, ragt ein Betonturm fragwürdiger Schönheit empor. Er stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und wirkt aus heutiger Sicht in etwa wie ein Hochhaus im Schrebergarten; eindeutig fehl am Platz. 17,80 Meter hoch, dank seiner zwei Meter dicken Wände und der Stahlstreben darin standfest wie die Felsen, auf denen er errichtet wurde. Allein auf Jersey existieren noch mehr als 300 Bunker, Türme und Flakvorrichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Betongewordene Zeichen von Hitlers Wahn, die Atlantikküste Europas mit einem massiven Verteidigungswall zu schützen.

Foto: Bei Dreharbeiten auf Jersey entstand John Nettles Interesse an der Geschichte der Insel – die sich bis heute in Form zahlreicher Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt.

Bei Dreharbeiten auf Jersey entstand John Nettles Interesse an der Geschichte der Insel – die sich bis heute in Form zahlreicher Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt.

Quelle: Pohl

„Sprengen kann man sie nicht“, erklärt der Schauspieler und Historiker John Nettles. Deshalb haben die Insulaner lernen müssen, mit diesen Hinterlassenschaften zu leben. Nettles ist vielen in Deutschland vor allem wegen seiner Rolle als Inspektor Barnaby bekannt. Doch er hat enge Bindungen zu Jersey. Hier lebte er von Beginn der Achtzigerjahre an für zwölf Jahre, hier wohnt noch heute seine Tochter mit seinen beiden Enkeln, und hier legte er mit 87 Folgen der Krimiserie „Bergerac“ so etwas wie den Grundstein seiner Karriere. Detective Sergeant Jim Bergerac, gespielt von Nettles, klärt darin auf Jersey einen Mord nach dem anderen auf.

Foto: Auf Jersey existieren noch mehr als 300 Bunker, Türme und Flakvorrichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Auf Jersey existieren noch mehr als 300 Bunker, Türme und Flakvorrichtungen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Quelle: Pohl

„Bergerac“ genoss vor allem in Großbritannien Kultstatus. Umso erstaunlicher war es für manche, als Nettles kürzlich sein Buch „Hitlers Inselwahn“ vorstellte und damit eine eher unbekannte Seite zeigte – die des Autors und Historikers. Der Ehrendoktor der Universität von Plymouth zeigt darin die Geschehnisse auf den Kanalinseln während ihrer fünfjährigen Besatzungszeit durch die deutsche Armee auf. Am 30. Juni 1940 landeten deutsche Soldaten auf Jersey und den anderen Kanalinseln und verwandelten sie in den folgenden Jahren zu einer Art Festung.

Nutzung der Festungsanlage

Im Nordwesten der Insel ist dies noch heute deutlich zu sehen. Unweit der dortigen Pferderennbahn gibt es einen der zahlreichen Bunker. Tony Pike von der Channel Islands Occupation Society kennt sich hier bestens aus. Gemeinsam mit seinen Vereinskollegen versucht er, die Hinterlassenschaften der Besatzungszeit für alle erlebbar zu machen. Und auch, neue Nutzungsmöglichkeiten für sie zu finden. „Ein Motorradclub hatte hier eine ganze Zeit sein Domizil”, erinnert sich Pike. Erst als der Bau innen ausbrannte, zog der Club um. Seitdem steht das Gebäude leer.

Hummer aus dem Bunker

Sean Faulkner pflegt eine sehr besondere Nutzung für einen der massiven Bunker: Er züchtet darin Hummer. Faulkner’s Fisheries an der Westküste ist auf der Insel zum Inbegriff für gute Meeresfrüchte geworden. Austern, Jakobsmuscheln, Hummer – Faulkner tischt vor seinem Bunker auf, was andernorts eher in Feinschmeckerlokalen auf der Karte steht. Der heute 62-Jährige war viele Jahre auf Kreuzfahrtschiffen beschäftigt und zog irgendwann zurück auf seine Heimatinsel Jersey. Warum dann ausgerechnet eine Hummerzucht im Bunker? „Ich bin einfach verrückt gewesen“, sagt Faulkner und lacht. Sein Fischbunker aber ist für viele der insgesamt 100.000 Jersianer heute kaum noch wegzudenken.

Foto: Hummer, frisch aus dem Bunker: Sean Faulkner’s Fisheries an der Westküste ist auf der Insel zum Inbegriff für gute Meeresfrüchte geworden.

Hummer, frisch aus dem Bunker: Sean Faulkner’s Fisheries an der Westküste ist auf der Insel zum Inbegriff für gute Meeresfrüchte geworden.

Quelle: Pohl

„Mich persönlich interessieren weniger die Bauten als vielmehr die historischen Begebenheiten“, räumt Autor Nettles ein. Zeitzeugen, Briefe, Tagebücher haben ihm geholfen, ein sehr detailliertes Bild vom Alltag auf den Kanalinseln während des Zweiten Weltkrieges zu zeichnen. Und damit ist er nicht immer auf Beifall gestoßen. Die Rolle Großbritanniens ist in diesem Zusammenhang sehr umstritten und wird von Nettles auch deutlich kritisiert: „London hat die Inseln 1940 zur entmilitarisierten Zone ernannt“, erläutert der 72-Jährige. Doch habe man es versäumt, dies kundzutun. Statt sie kampflos aufzugeben, lud man die gegnerische Armee so unfreiwillig dazu ein, Bomben auf Guernsey und Jersey zu werfen. „Menschen starben, weil niemand Bescheid wusste“, ärgert sich Nettles.

Labyrinth im Inselinneren

Die Jersey War Tunnels sind eine der aufwendigsten Aufarbeitungen der Kriegszeit auf den Inseln. Die deutsche Armee ließ hier im Inselinneren von 1941 an durch Zwangsarbeiter ein Labyrinth an Tunneln in einen Berg sprengen. Zunächst sollte es dem Schutz vor Bombenangriffen dienen, später wurde es in ein unterirdisches Krankenhaus umfunktioniert. Allein: Die Angriffe erfolgten nie. Großbritannien nahm die Kanalinseln am 9. Mai 1945 kampflos zurück, zwei Tage nach der Kapitulation der Wehrmacht.

Heute geben die War Tunnels einen bedrückenden Einblick in den Alltag der Besatzungszeit. Tondokumente, Fotos und Videos zeichnen ein sehr genaues Bild der damaligen Zustände. Das Interesse an ihnen ist auch bei Besuchern groß. „Die Tunnel sind längst die Hauptattraktion Jerseys“, berichtet Simon Watkins, gebürtiger Jersianer und Verleger von Nettles‘ Buch.

Schauspieler beschreibt Geschichte

Für John Nettles ist die Geschichte indes noch nicht vollständig aufgearbeitet. Er schreibt an einem weiteren Buch über die Besatzungszeit der Kanalinseln, verrät der Historiker. Es basiere auf Tagebuchaufzeichnungen mehrerer Personen. Einen Bestseller erwartet er auch in diesem Fall nicht unbedingt. Doch sei es nun mal das, was ihn besonders interessiere.

Foto: John Nettles wurde in Deutschland vor allem in seiner Rolle als Inspektor Barnaby bekannt. Seine erste große Rolle aber war Bergerac, der auf Jersey ermittelte.

John Nettles wurde in Deutschland vor allem in seiner Rolle als Inspektor Barnaby bekannt. Seine erste große Rolle aber war Bergerac, der auf Jersey ermittelte.

Quelle: Archiv

Kehrt er vielleicht doch noch einmal als Inspektor Barnaby zurück auf die Bildschirme? „Keinesfalls“, sagt Nettles, ohne zu zögern. Dreimal habe er sich noch überreden lassen für weitere Staffeln, jetzt sei endgültig Schluss. Er genieße lieber die Zeit daheim in Cornwall, mit mehreren Pferden und Eseln. Und er kehrt regelmäßig zurück dorthin, wo er sich längst zu Hause fühlt: nach Jersey.

Von Michael Pohl

Hind Weg

Anreise
Mit Air Berlin noch bis Ende September einmal wöchentlich direkt ab Hannover, Düsseldorf, Berlin und Stuttgart, mit Eurowings ab Düsseldorf, mit Lufthansa ab München. Sonst via London-Gatwick oder London-Stansted mit Easyjet oder British Airways nach Jersey (auf eventuellen Flughafenwechsel achten!). FlyBe fliegt via Birmingham.

Beste Reisezeit
Zwischen März und Oktober sind alle Touristenattraktionen geöffnet und es ist warm – aber auch voll. Die Winter sind mild und man hat mehr Ruhe als im Sommer. Dann sind Hotels oftmals auch deutlich günstiger. Frost oder gar Schnee gibt es auf den Kanalinseln so gut wie nie.

Unterkunft
Malerischer Ausblick: Hotel Cristina, Le Mont Felard, St. Aubin, Telefon: (0044) 15 34 75 80 24.
Ferienwohnung im alten Radio Tower: La Corbière.
www.cristinajersey.com
www.jerseyheritage.org/holiday/radio-tower

Führungen
Die Channel Islands Occupation Society hat einige Bunker für Besucher geöffnet und bietet auch geführte Touren an.
www.ciosjersey.org.uk

Weitere Informationen
Jersey Prospektversand
Postfach 30 02 60
63110 Rodgau
Telefon: (06106) 7 17 18
E-Mail: jersey@expertpr.de
www.jersey.com

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