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Ein Land auf der Suche nach Normalität

Nepal Ein Land auf der Suche nach Normalität

Das schwere Erdbeben vom vergangenen Jahr hat in Nepal zahlreiche historische Bauten zerstört. Doch der größte Teil des Weltkulturerbes im Tal von Kathmandu blieb standhaft – und ist mehr denn je einen Besuch wert.

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Irgendwann werden die Touristen zurückkommen: Nepals historische Sehenswürdigkeiten wie der Tempel von Kathmandu haben unter dem Erdbeben gelitten, beeindruckt aber nach wie vor mit seiner Schönheit.

Quelle: Pohl

Holzpfosten im alten Zentrum der nepalesischen Königsstadt Bhaktapur zeugen von der Macht der Natur. An mehreren Gebäuden stützen sie Außenmauern, in die sich deutliche Risse gefressen haben – Auswirkungen des schweren Erdbebens vom 25. April 2015 und der darauf folgenden Nachbeben. Der Durbar Square, Teil des nepalesischen Unesco-Weltkulturerbes und bereits 1934 bei einem Beben schwer in Mitleidenschaft gezogen, hat weitere Beschädigungen erfahren. Zwar können Besucher weiterhin das berühmte Goldene Tor am früheren Königspalast bestaunen; gleich gegenüber jedoch ist eine Pagode in sich zusammengefallen. Andere werden durch die Pfosten vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Foto: Haltung bewahren: Balken stützen den Durbar Square in Bhaktapur.

Haltung bewahren: Balken stützen den Durbar Square in Bhaktapur.

Quelle: Pohl

Das erste Beben dauerte nur knapp eine Minute, doch für die Menschen in Nepal hat diese eine Minute Entscheidendes verändert: Erdstöße der Stärke 7,8 erschütterten am 25. April um 11.56 Uhr das Kathmandutal, Nachbeben folgten. Nach offiziellen Angaben starben insgesamt mehr als 8700 Menschen, 22.000 wurden verletzt. Häuser stürzten ein, Teile des Unesco-Welterbes in Kathmandu, Bhaktapur und Lalitpur brachen in sich zusammen oder wurden zumindest schwer beschädigt. In den Bergregionen des Himalajas begruben herabfallende Trümmer eine ganze Gruppe Bergsteiger.

Krise nach dem Beben

Für Dinesh Bhadel und seine Frau Purna Laxmi Bhadel war das Beben vor allem ein finanzieller Schlag. Das Ehepaar betreibt in Bhaktapurs Altstadt einen Andenkenladen – Postkarten, Gebetsmühlen, auch nepalesische Schals hängen an den Wänden. Doch die Nachfrage ist inzwischen gering. Weil wegen des Bebens auch der Tourismus einbrach, bleibt die Kundschaft seitdem aus. „Wir mussten in den vergangenen Monaten sparsam leben, haben teilweise nur Brot gegessen“, sagt Purna Laxmi Bhadel. Die Hoffnung aber gäben sie nicht auf. „Irgendwann werden die Touristen zurückkommen.“

Foto: Die Nachfrage in den Geschäften ist ohne die Touristen inzwischen gering geworden.

Die Nachfrage in den Geschäften ist ohne die Touristen inzwischen gering geworden.

Quelle: Pohl

Kultur des früheren Königreichs

Hoffnung scheint das größte Gut der Nepalesen zu sein. Wo man auch hinkommt, ist sie zu spüren, hält die Menschen aufrecht. Das frühere Königreich zwischen Indien und China gilt als eines der ärmsten Länder der Erde. Durch das Beben hat es nicht nur viele Menschenleben verloren, sondern auch eine Reihe der für den Tourismus immens wichtigen historischen Gebäude. Und doch blickt man überall zuversichtlich auf das, was noch kommen mag. Einzelne historisch wertvolle Bauwerke mögen im vergangenen Jahr zerstört worden sein. Das weitaus meiste aber hat dem Beben standgehalten. Und was noch steht, bildet nach wie vor eine einzigartige Szenerie der nepalesischen Kultur.

Indra Mainali erlebte die schrecklichste Minute des Jahres 2015 in seinem Haus nahe Kathmandu. Weder ihm noch seiner Familie sei etwas passiert, sagt er noch immer erleichtert, lediglich sein Haus habe einige Risse bekommen. Doch Indra stockt: „Ich habe an diesem Tag überlegt, ob ich meinen Beruf angesichts der Zerstörung aufgeben sollte.“ Mainali ist Reiseleiter, und die Geschehnisse des 25. April haben ihm die Entscheidung beinahe abgenommen. Nur eine Woche sei er im vergangenen Jahr beschäftigt gewesen, erzählt er. Mangels Touristen fehlten die Aufträge. Ein ganzes Land, das wird deutlich, ist angewiesen auf ein Wiederbeleben des Fremdenverkehrs.

Hoffen auf Besucher

Darauf hofft man auch in der Hauptstadt Kathmandu. Der dortige Durbar Square ist so etwas wie das historische Herz der Stadt. Er strahlt durch seine beeindruckenden Gebäude nach wie vor etwas Mystisches aus – durch den Palast, zahlreiche Tempel sowie die Gaddi Baithak, die Audienzhalle der Malla-Könige. Doch sind die Zerstörungen deutlich sichtbar. Am Mahendra-Museum etwa, gleich um die Ecke, ist eine Mauer in sich zusammengefallen. Es fällt vielen nicht leicht, sich an die Geschehnisse jenes Tages zu erinnern. Doch auch hier blicken die meisten nach vorn, wohlwissend: Wenn die Touristen nicht zurückkehren, hat das Land wirtschaftlich keine Chance.

Rund 800.000 Besucher zählt das Land üblicherweise jährlich, sagt Sunil Sharma, PR-Direktor des Nepal Tourism Board. „Durch das Beben haben wir etwa 25 bis 30 Prozent weniger“ lautet seine Prognose. Genaue Zahlen lassen auf sich warten – wie vieles auf sich warten lässt. Auch mehr als ein Jahr nach dem Beben sind die großen Wiederaufbauprojekte nur zögerlich in Gang gekommen. Innenpolitische Debatten um eine neue Verfassung legten viele Entscheidungen lahm. Vier Milliarden Dollar internationaler Spenden warten weiter darauf, eingesetzt zu werden.

Foto: Stück für Stück werden zerstörte Gebäude restauriert.

Stück für Stück werden zerstörte Gebäude restauriert.

Quelle: Pohl

Touristisch half dem Land eine kuriose Tatsache: Weil nach dem Beben viele Rettungskräfte und Helfer aus dem Ausland kamen, litten zum Beispiel Hotels weit weniger unter Umsatzrückgang. Ganz gezielt wirbt das Nepal Tourism Board nun in modernen Videoclips vor allem um Trekkingtouristen für die malerischen Bergregionen des Landes. Und auch um historisch interessierte Besucher: „Wir schätzen“, sagt Sharma, „dass rund zehn bis 15 Prozent der historischen Bausubstanz zerstört wurden.“ Im Umkehrschluss: Das weitaus meiste steht noch. Und ist einen Besuch wert.

Aufbau unter strengen Vorgaben

„Es wird Jahre dauern, bis alles wieder aufgebaut ist“, vermutet Reiseleiter Mainali. Aus Gründen des Denkmalschutzes und der Unesco-Vorgaben dürften nur passende Materialien verwendet werden. Aber wie verhindert man, dass ein mögliches weiteres Beben den Wiederaufbau zunichtemacht?

Handwerker ausbilden

Urs Herren befasst sich längst mit den Lehren daraus. Der Schweizer Botschafter in Nepal war selbst vor Ort, als die Katastrophe über das Land hereinbrach. Sein Botschaftsgebäude wurde so stark beschädigt, dass es abgerissen werden muss. „Das Wichtigste ist nun, eine ausreichende Zahl von Leuten im Konstruieren erdbebensicherer Häuser auszubilden“, betont Herren. Unter anderem sein Land hat für solche Maßnahmen bereits Millionen bereitgestellt. Doch es fehle an geeignetem Personal: „Viele junge Nepalesen sind mangels Arbeit in Golfstaaten gezogen“, berichtet der Botschafter. Dort würden sie auf Baustellen Geld verdienen, das ihre Familie daheim zum Überleben dringend benötige. Für den Wiederaufbau des Landes stünden sie nicht zur Verfügung.

Wie lange die Holzpfosten noch die Geschichte eines ganzen Landes stützen müssen? Auf den historischen Plätzen von Kathmandu und Bhaktapur ahnt man es – bis alle Schäden beseitigt sind, vergehen noch Jahre.

Von Michael Pohl

Hin und Weg

Anreise
Ab Deutschland gibt es keine Direktflüge nach Nepal. Air India fliegt viermal wöchentlich ab Frankfurt via Delhi nach Kathmandu. Wer einen längeren Zwischenstopp in Delhi plant, kann sogar täglich ab Frankfurt fliegen.

Beste Reisezeit
September bis April. Die Monsunzeit dauert meist von Juni bis Anfang September.

Einreise
Es genügt ein Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist. Am Flughafen muss ein kostenpflichtiges Visum beantragt werden, das direkt vor Ort erteilt wird. Dafür können trotz neuer Einreiseautomaten zwei Passbilder notwendig sein.

Sicherheit
Das Himalaya-Gebiet gilt insgesamt als stark erdbebengefährdet. Zudem ist das Straßennetz nur unzureichend ausgebaut. Es muss mit Staus und langen Fahrtzeiten auch für kurze Strecken gerechnet werden.

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