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Ewige Jugend auf dem Zauberberg

Schweiz Ewige Jugend auf dem Zauberberg

Die Schatzalp in Davos ist zum Hotel geworden, hat aber noch etwas von einem Luxussanatorium

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Majestätische Berglandschaft: Von der Schatzalp aus blicken Reisende auf Davos.

Quelle: fotolia/gevisions

Tische und Stühle verbergen sich unter weißem Tuch, das Silberbesteck ist akkurat um Teller, Weingläser und Stoffservietten gruppiert: Im Speisesaal der Schatzalp sieht es aus wie vor hundert Jahren. Die riesigen Kerzenständer, die Flügeltüren mit der Glasmalerei im Jugendstil, die hohen Fenster, die Säulen und Bögen – all das versetzt den Besucher in die Atmosphäre jenes Luxussanatoriums, das Thomas Mann einst zu seinem Bildungsroman „Der Zauberberg“ inspiriert hat.

Wie im Roman

Es ist, als ob jeden Moment Hans Castorp an einem der weiß gedeckten Tische Platz nehmen könnte, um sich ein Zehn-Gänge-Dinner servieren zu lassen. Kinogänger können hier derzeit andere Gäste tafeln sehen. Denn die legendäre Schatzalp ist seit 2014 gleich zweimal Schauplatz großer Spielfilme geworden, die um den Glanz vergangener Zeiten kreisen. Aus gutem Grund. Das Flair der Belle Epoque ist hier noch lebendig – ob im Konversationszimmer mit dem großen Kamin und den bleiverglasten Jugendstilfenstern oder in der altehrwürdigen Concierge-Loge. Und wer draußen unter den Arkaden einen Kaffee trinkt und den Blick über die schneebedeckten Gipfel der Graubündner Alpen schweifen lässt, darf sich wie ein König fühlen. Schließlich thront die Schatzalp 300 Meter über Davos und 1862 Meter über dem Meeresspiegel.

Foto: Schriftsteller Thomas Mann (rundes Bild) hat die ganz besondere Atmosphäre zu seinem 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ inspiriert. Im Speisesaal der Schatzalp sieht es noch aus wie zu der Zeit, als der „Zauberberg“ entstand.

Schriftsteller Thomas Mann (rundes Bild) hat die ganz besondere Atmosphäre zu seinem 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ inspiriert. Im Speisesaal der Schatzalp sieht es noch aus wie zu der Zeit, als der „Zauberberg“ entstand.

Quelle: Thies, Archiv

Schöne Kulisse mit Geschichte

Aber der äußere Schein trügt. Hinter ihrer eleganten Kulisse war die Schatzalp eine Klinik zur Behandlung von Lungentuberkulose. Da wurde gehustet, geröchelt und gestorben. Die Leichen beförderte man nachts heimlich ins Tal – im Winter per Bobschlitten, weil dann die Wege nicht befahrbar waren, wie der „Zauberberg“-Leser weiß.

„Ohne Schwindsucht kein Davos“, erfahren heute die Teilnehmer einer Schatzalp-Führung. In der Tat: Die Behandlung der Tuberkulose – im Volksmund Schwindsucht – hat der Gemeinde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einen beispiellosen Aufstieg beschert: Die Zahl der Einwohner stieg zwischen 1870 und 1909 von 2000 auf 10.000, und 26 Sanatorien schossen in wenigen Jahren aus dem Boden – darunter 16 private wie die Schatzalp oder das Waldsanatorium, wo 1912 Katja Mann drei Monate lang therapiert wurde und Besuch von ihrem Mann bekam. Die Manns waren bei weitem nicht die einzigen Prominenten. Auch Hermann Hesse, Hermann Löns, Christian Morgenstern, Arthur Conan Doyle, Clara Schumann, Peter Tschaikowski und Albert Einstein waren in Davos zu Gast oder wie der Maler Ernst Ludwig Kirchner viele Jahre hier. Wilhelm II. dagegen ließ sich nicht blicken. Gleichwohl war für den Kaiser auf der Schatzalp dauerhaft eine Suite reserviert – ein geräumiges Eckzimmer mit beheizbarer Klobrille, das noch zu besichtigen ist.

Als aus Kliniken Hotels wurden

In eine schwere Krise geriet der Luftkurort, als Mitte der Vierzigerjahre Medikamente gegen die Tuberkulose auf den Markt kamen. Die Sanatorien leerten sich. In den Fünfzigerjahren wurden die meisten in Hotels umgewandelt. Das Waldsanatorium firmiert heute zum Beispiel als Waldhotel und lockt mit Zimmern, die nach den Hauptfiguren aus dem „Zauberberg“ benannt sind – allerdings nur im Winter, wenn die Skilifte laufen. Die Jugendherberge dagegen hat das ganze Jahr geöffnet. Sie ist ebenfalls aus einem Sanatorium hervorgegangen.

Foto: Die Fassade der Schatzalp sieht mit ihren vielen nebeneinander liegenden Balkonen noch aus wie in den Zeiten, als das Gebäude ein Luxus-Sanatorium war.

Die Fassade der Schatzalp sieht mit ihren vielen nebeneinander liegenden Balkonen noch aus wie in den Zeiten, als das Gebäude ein Luxus-Sanatorium war.

Quelle: Thies

Die Schatzalp ist wie das Waldsanatorium Anfang der Fünfzigerjahre zum Hotel geworden. Trotzdem sind viele Eigenheiten aus der Zeit der Tuberkulose-Therapie erhalten geblieben – die langen düsteren Korridore mit den Briefkästen für die Langzeitbewohner ebenso wie die Balkone mit den Liegen für die Liegekuren. An die Stelle des Röntgenzimmers ist zwar eine Bar getreten, aus dem OP ist eine Sauna geworden, die Architektur des Sanatoriums aber besteht fort.

Geschichte verpflichtet

Die Schatzalp, so spürt man auf Schritt und Tritt, ist der Historie verpflichtet. Doch das hat seinen Preis. Seit 1963 ist das Gebäude nicht mehr durchgängig renoviert worden. Von manchen Decken rieselt der Putz, die meisten Zimmer sind eher spartanisch eingerichtet. Aber viele Gäste kommen ja vor allem wegen des „Zauberberg“-Ambientes und verzichten gern auf neuzeitliche Wellnessangebote.

Die Davoser selbst waren noch lange empört über den Roman von Thomas Mann, der Sanatoriumsärzte als tönende Geldschneider schilderte und den Kurort in Verbindung mit Sterben und Tod brachte. Ein Hofrat und früherer Chefarzt des Sanatoriums hatte sogar gedrängt, Thomas Mann wegen Rufschädigung zu verklagen. Die Klage unterblieb zwar, doch Davos weigerte sich bis Anfang der Achtzigerjahre, zum Schauplatz einer „Zauberberg“-Verfilmung zu werden. Der Film von Hans W. Geißendörfer wurde schließlich unter anderem im nahen St. Moritz gedreht.

Im Bademantel vor Alpenpanorama

Foto: Von der Aussichtsterrasse unter den Arkaden bietet sich ein grandioser Blick auf die Berge um Davos

Von der Aussichtsterrasse unter den Arkaden bietet sich ein grandioser Blick auf die Berge um Davos.

Quelle: Thies

Dafür ist die Schatzalp jetzt Schauplatz anderer Kinoproduktionen geworden. Der neapolitanische Regisseur Paolo Sorrentino drehte hier 2014 den Film „Ewige Jugend“ – eine melancholische Tragikomödie um das Älterwerden mit betagten Hollywoodstars wie Michael Caine, Harvey Keitel und Jane Fonda. Surreale Szenen wie der Aufmarsch von Hotelgästen in Bademänteln lassen Schatzalp und Bergwelt in einem bizarren Licht erscheinen. Ob Speisesaal, Park oder der alte Fahrstuhl – das historische Ambiente spielt mit. Gleich nach „Ewige Jugend“ wurde auf der Schatzalp „Die Frau im Mond“ verfilmt, ein internationaler Bestseller von Milena Agus. Roman und Film erzählen von einer Bauerntochter aus Sardinien, die von der großen Liebe träumt – und schließlich nach langer trister Ehe das große Glück bei einer Thermalkur zu finden scheint.

Mitten in der imposanten Bergwelt

Wer die Spuren von Poesie und Belle Epoque in Davos-Platz sucht, wird enttäuscht. Das Zentrum der Gemeinde mit den vielen Ortsteilen, „Fraktionen“ genannt, ist eng bebaut, laut und ziemlich seelenlos. Aber es ist leicht, sich aus der Stadt in die freie Natur zu katapultieren. Die Fahrt mit dem Lift zur Schatzalp dauert nur zwei Minuten, und schon einige hundert Meter vom Ortskern entfernt führen Wanderwege durch eine imposante Bergwelt. Wer sich den Aufstieg ersparen will, kann mit der Davos-Inklusive-Card, die es bei mindestens einer Übernachtung kostenlos gibt, die Bergbahnen im Sommer gratis nutzen. Zum Beispiel hinauf zum 2528 Meter hohen Rinerhorn. Von dort aus kann man auf einem Panoramawanderweg knapp zwei Stunden gemütlich ins Sertig-Dörfli wandern – vorbei an gleichmütig glöckelnden Kühen, rauschenden Bächen, Enzian und Alpenrosen; mit grandiosen Ausblicken auf das weite Tal des Flüsschens Landwasser. Bei guter Sicht sieht man auch die Stafelalp, wo einst der Maler Kirchner lebte und viele seiner Bilder malte.

Versöhnt mit Thomas Mann

Auch die Schatzalp lässt sich aus der Ferne ausmachen – im „Zauberberg“ beschrieben als „langgestrecktes Gebäude mit Kuppelturm, das vor lauter Balkonlogen von weitem löchrig wirkte wie ein Schwamm“. Noch mehr Zitate dieser Art lassen sich auf dem Thomas-Mann-Weg finden, der vom Waldhotel zur Schatzalp führt. Die zehn dazugehörenden Tafeln wurden erst 2008 aufgestellt. So lange hat es gedauert, bis sich Davos mit dem Verfasser des „Zauberberg“ ausgesöhnt hat.

Von Heinrich Thies

Hin und Weg

Anreise
Swiss Air fliegt von vielen deutschen Städten mehrmals täglich nach Zürich. Die Deutsche Bahn bietet Europa-Spezial-Sparpreise unter anderem bis Zürich oder Chur. In der Schweiz empfiehlt es sich, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Die Bahnfahrt von Zürich nach Davos dauert im besten Fall gut zweieinhalb Stunden. Die Schweizer Bahn bietet einen Swiss Pass mit Pauschalen für 3, 4, 8 oder 15 Tage oder nur für An- und Abreise an.

Unterkunft
Eine ansprechende Alternative zu den zahlreichen Davoser Hotels ist die Jugendherberge, ein am waldigen Hang in City-Nähe gelegenes früheres Sanatorium. Ein Doppelzimmer kostet in der Sommersaison rund 100 Euro inklusive Frühstücksbuffet. Auch das Hotel Schatzalp mit nostalgischem Charme und weitem Blick übers Tal ist erschwinglich.

Aktivitäten
In einem an den historischen Sanatoriumstil angepassten Neubau – flach, sicher vor Dachlawinen, mit einem Wasserabfluss in der Dachmitte – befindet sich seit 1992 das Kirchner-Museum mit Malereien, Grafiken und Skulpturen des Malers. Ernst Ludwig Kirchner lebte ab 1918 bis zu seinem Tod 1938 in dem Bergort. Begraben ist er auf dem Waldfriedhof im Ortsteil Frauenkirch.

Veranstaltung
Junge Musiker aus der ganzen Welt sind vom 5. bis 19. August 2017 beim Davos-Festival in wechselnden Kammermusikformationen zu hören. Mitte Juli finden die Jazz-Tage in Davos statt. Auf der Schatzalp werden auch Liegekonzerte angeboten.

Weitere Informationen
www.davos.ch
www.graubuenden.ch
www.myswitzerland.com
www.schatzalp.ch

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