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Den Atlantik immer vor Augen

Unterwegs in Portugal Den Atlantik immer vor Augen

Natur pur im Südwesten Portugals: Auf dem Pfad der Fischer können Urlauber entlangwandern und eine beeindruckende Küstenlandschaft mit Fauna und Flora entdecken.

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Alles so schön weit hier: Die Costa Vicentina gehört zu den wenigen weitgehend unbebauten Küstenabschnitten Europas.

Quelle: Privat

Die Störche an dieser wilden Küste müssen einen Hang zum Exzentrischen haben. Vielleicht wollen sie es den Fischadlern gleichtun oder sie wollen beweisen, dass sie mehr können als nur klappern. Jedenfalls haben sie hoch über den anrollenden Atlantikwellen ihre Nester auf schroffe Klippen gebaut. Nirgendwo sonst zeigen ihre Artgenossen so viel Wagemut. Ein Wunder, dass die Horste nicht hinabstürzen ins tosende Meer, noch verwunderlicher, dass die Küken nicht weggeweht werden im Sturm.

Foto: Diese Küstenstörche lieben da s Risiko: Sie nisten auf den Felsen direkt über dem tosenden Meer – nirgendwo sonst kommen sie auf solche Ideen.

Diese Küstenstörche lieben da s Risiko: Sie nisten auf den Felsen direkt über dem tosenden Meer – nirgendwo sonst kommen sie auf solche Ideen.

Quelle: Privat

Der Nachwuchs hat hier im Südwesten Portugals nur eine einzige Chance: Wenn er erstmals seine Schwingen hoch über dem Wasser ausbreitet, dann muss der Premierenflug klappen – und er klappt oft, wie die vielen Störche im „Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina“ beweisen, die über bunte Blumenwiesen staksen oder an seichten Lagunen auf Beute lauern. Sie sind mit ihren kunstvollen Flugmanövern die Stars in diesem Naturpark, dessen Küste allein Wanderern vorbehalten ist.

Das Meer an stets an der Seite

Über beinahe 100 Kilometer führt der Trilho dos Pescadores, der Fischerpfad, eine Teilstrecke des Fernwanderweges Rota Vicentina. Die endlose Weite des Atlantiks haben die Wanderer bei jedem Schritt auf zumeist sandigen Wegen im Blick – einst galt diese Steilküste als das Ende der Welt. 50 Meter und mehr stürzen die Felsen in die Tiefe. Ab und an führt der Pfad hinunter in kleine oder größere Buchten, deren Strände so einsam daliegen, dass Robinson Crusoe sich wie zu Hause fühlen würde.

Weicht der Weg doch einmal ein paar Meter von der Küste ab, dringt einem sogleich der Geruch von Lavendel, Thymian, Rosmarin und Wacholder in die Nase. Oder man schnuppert den lieblichen Duft eines Pinienwäldchens.

Vom Massentourismus unberührt

Hotels in der ersten Reihe? Asphaltierte Straßen? Wohnmobile, die den Blick aufs Meer versperren? Fehlanzeige. Diese Küste gehört zu den letzten unberührten in Südwesteuropa. Bau- und Betonsünden sind an ihr weitgehend vorübergegangen. Die Costa Vicentina ist so naturbelassen, dass man beinahe davor zurückscheut, zu sehr von ihr zu schwärmen, um dieses Refugium für Individualtouristen nicht zu gefährden. Aber dann schwärmt man eben doch.

Die Villa der Königin des Fados

Nur ganz selten ist ein Haus an den Klippen zu entdecken. Hoch oben auf dem Plateau zwischen Zambujeira do Mar und Odeceixe thront eine weiße Villa: Hier logierte Amália Rodrigues, die Königin des Fados, wie die Portugiesen sie bewundernd nennen. Der 1999 gestorbenen Sängerin war der exklusive Aussichtsplatz gegönnt.

Foto: Markierung des Fischerpfad s: Wanderer achten auf grün-blaue Zeichen.

Markierung des Fischerpfads: Wandererachten auf grün-blaue Zeichen.

Quelle: Privat

Ohne engagierte Streiter wäre die Costa Vicentina wohl längst nicht mehr so paradiesisch. Rudolfo Müller weiß das genau. Er zählt gewissermaßen zu den Erfindern des 2012 eröffneten Fischerpfades, und er hat sich auch für dessen Verlängerung im Süden starkgemacht: Dort führt durch Korkeichen- und Eukalyptuswälder der Caminho Histórico, der Historische Weg. Er endet beim Cabo de São Vicente bei Sagres, wo Heinrich der Seefahrer seine Karavellen Anker lichten ließ.

350 Kilometer Wanderstrecke

So kann der Wanderer insgesamt eine Distanz von 350 Kilometern zurücklegen, eingeteilt in Tagesetappen von rund 20 Kilometern. Abends warten, wenn es gewünscht ist, schon die vorbestellte Herberge und das per Taxi transportierte Gepäck auf die müden Ankömmlinge.

Ein Schweizer für Portugal

Der 54-jährige Rudolfo ist Schweizer, aber im Herzen mindestens ebenso sehr Portugiese: Vor mehr als 30 Jahren hat es ihn hierher an den Rand Europas verschlagen. Und dann hatte er die Idee: Wie wäre es, Naturfreunde in eine der ärmsten Gegenden Portugals zu locken?

„Der Beginn war hart“, sagt Rudolfo, seines Zeichens Vizepräsident der Rota Vicentina, einer Vereinigung von Hotels, Restaurants, Naturschutzverbänden und Behörden. Anfangs hatte es Rudolfo mit zweifelnden Kommunalpolitikern zu tun, mit störrischen Großgrundbesitzern und mit Fischern, die ihre angestammten Rechte behaupten wollten. Schließlich wanderten die Gäste ja über ihre alten Pfade.

Gut ausgewiesene Wege

Nach und nach holte Rudolfo alle ins Boot. Abschnitt um Abschnitt wuchs die Rota Vicentina zusammen. Und wenn ein Landbesitzer bis heute partout keine grün-blauen (Fischerweg) oder rot-weißen (Historischer Weg) Markierungen auf seinem Eigentum akzeptieren will, dann häufelt Rudolfo Steine zu kleinen Pyramiden. Die helfen dem Wanderer auch.

Akazien-Plage

Zu tun gibt es immer noch mehr als genug, auch wenn Rudolfo heute stolz auf Wanderkarte und Wanderführer für die Rota Vicentina verweisen kann. Eine Säge hat er im Rucksack stets dabei: Immer wieder kappt er ritsch-ratsch eine ausgreifende Akazie. Diese Baumart war ursprünglich aus Australien importiert worden, um die Felder vor den heftigen Winden zu schützen. Inzwischen ist die Akazie zur Plage geworden.

Bunter Blumenteppich

Ähnliches gilt für die aus Südafrika eingeführten Mittagsblumen, die im Frühjahr wie ein bunter Teppich ganze Küstenabschnitte überwuchern. „Treten Sie ruhig drauf“, sagt Rudolfo  und rupft wie ein niemals zu entmutigender Sisyphos ein paar Stängel aus der Erde. Nebenbei sammelt er Plastikmüll ein, der sogar in diese einsame Ecke der Welt vorgedrungen ist.

Fotos: Besonders im Frühjahr ist der Boden mit bunten Blumen überzogen: „Treten Sie ruhig drauf“, sagt Guide Rudolfo Müller, wenn es sich um Mittagsblumen handelt.

Besonders im Frühjahr ist der Boden mit bunten Blumen überzogen: „Treten Sie ruhig drauf“, sagt Guide Rudolfo Müller, wenn es sich um Mittagsblumen handelt.

Quelle: Privat

Rudolfos jahrelange Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Während des größten Teils der Strecke hat der Wanderer allein weißschäumende Wellen als Begleiter. Ab und an trifft er unten am Strand Fischer, die mit Sardinenköder und Eisenforke dem Oktopus nachstellen. Entenmuschel-Sammler im Neoprenanzug haben sich auf glitschige Felsen bis weit in die Brandung vorgewagt. Zumeist aber staunt und freut sich der Wanderer ganz einfach über diese einmalige Naturkulisse – und über die exzentrischen Störche.

Von Stefan Stosch

Hin und Weg

Anreise
Zum Beispiel mit TAP Portugal nach Lissabon oder Faro, dann weiter mit Bus, Bahn oder Mietwagen.
www.flytap.com

Beste Reisezeit
Reisen sind ganzjährig möglich, wenig zu empfehlen sind aber die heißen Sommermonate Juli und August. Im Winter sinken die Temperaturen selten unter 11 Grad Celsius, es regnet allerdings mehr.

Weitere Informationen
Wissenswertes über den Fernwanderweg, Unterkünfte und Transportmöglichkeiten. Auch Wanderkarte und Wanderführer lassen sich auf der Website bestellen.
www.rotavicentina.com

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