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Das Las Vegas Asiens

Unterwegs in Südchina Das Las Vegas Asiens

Macau ist die Glücksspieloase Chinas – doch auch das portugiesische Kolonialerbe ist noch sichtbar. Eine Erkundungstour ...

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Glitzerndes Lichtermeer: Casinos prägen das Stadtbild von Macau am Südchinesischen Meer.

Quelle: Pohl

Manchmal genügt schon eine Kleinigkeit, um den Charme einer ganzen Nation zu entdecken. In Macau geht man dazu am besten in eine eher unscheinbare Bäckerei auf der Insel Coloane und bestellt eine Egg Tart. Diese kleinen Puddingtörtchen werden vor Ort fast schon im Akkord produziert – und sie sagen viel aus über das Leben hier in der südchinesischen Sonderverwaltungszone.

Überall portugiesisches Erbe

Man legt hierzulande viel Wert auf gutes, kreatives Essen. Hergestellt werden die Egg Tarts aus einer Kombination von Blätterteig und einer Eicreme. Zuckersüß sind sie, wie der beschauliche Alltag im wohlbehüteten Macau. Unkompliziert zu essen noch dazu – den auffallend entspannten Macanesen ist nichts fremder als unnötig komplizierte Vorgänge. Was wohl eine Begründung für die Tatsache ist, dass Macau das Gebiet mit der zweithöchsten Lebenserwartung der Welt ist: 84,5 Jahre. Und nicht zuletzt steckt eine Menge Geschichte in den Egg Tarts: Das Rezept stammt eigentlich aus Portugal, wo die Törtchen unter dem Namen Pastel de Nata von Lissabon aus die Herzen der Portugiesen eroberten. Macau war gut 450 Jahre portugiesische Kolonie, erst Ende 1999 übernahm China hier wieder die Herrschaft.

Schlange stehen für Egg Tarts

Insofern ist es umso erstaunlicher, dass diese kleinen Törtchen erst 1989 so richtig Einzug in den Alltag Macaus hielten, als nämlich ausgerechnet der Brite Andrew Stow die erste Egg-Tart-Bäckerei in Coloane eröffnete: Lord Stow’s Bakery. Andrew starb 2006, doch seine Küchlein haben ihn überdauert. Rund 200 000 Stück entstehen inzwischen Tag für Tag in den Öfen der von ihm gegründeten Bäckerei. Und die Kunden stehen bereitwillig Schlange, um sie mit nach Hause zu nehmen. Tagein, tagaus.

Foto: Kulinarische Leckerbissen: Egg Tarts. Ein Muss für Macau-Urlauber.

Kulinarische Leckerbissen: Egg Tarts. Ein Muss für Macau-Urlauber.

Quelle: Pohl

Mini-Portugal in Asien

Wer durch die schmalen Straßen Coloanes schlendert, kann die enge Bindung an Portugal aber auch ohne Törtchen bestens nachvollziehen. Schmale, helle Häuser stehen hier dicht zusammen, immer wieder stößt man auf jene Fliesen, die auch in Lissabon an jeder Ecke zu finden sind. Die Bewohner mögen zwar nur ein bisschen jener Melancholie ausstrahlen, die Portugiesen gern nachgesagt wird; aber dafür eine Menge von deren Gelassenheit. Dass hier wie im Rest Macaus sämtliche Straßenschilder zweisprachig beschriftet sind – außer chinesisch auch portugiesisch –, ist da fast schon nebensächlich. Die Macanesen pflegen auch unter chinesischer Verwaltung alte Traditionen. Was fast schon anachronistisch wirkt, denn viele dieser Erinnerungen konnten nur erhalten werden durch eine überaus moderne Einnahmequelle.

Stadt der Kasinos

Anders als in Festland-China ist in Macau das Glücksspiel bereits seit dem 19. Jahrhundert legal. Nachdem 2002 auch noch das Glücksspielmonopol gefallen war, entwickelte sich die Sonderverwaltungszone zu so etwas wie dem Monte Carlo Asiens. Heute würde man eher sagen: dem zweiten Las Vegas. Die wichtigsten Kasinos aus den USA haben inzwischen auch in Macau Depandancen errichtet, mehr als 30 sind es insgesamt. Sie heißen MGM, Venetian oder Sands – und sie sind ihren Vorbildern in Las Vegas teilweise bis ins Detail nachempfunden. Gerade entsteht an der Kasino-Meile Cotai Strip ein Ableger des „Paris“ in Las Vegas, Wahrzeichen: eine rund 160 Meter hohe Kopie des Eiffelturms. Mit prägnanten Zeichen wie diesem bringt sich Macau bewusst ins Gespräch. Erst im vergangenen Jahr wurde gleich nebenan das Golden Reel, das erste Riesenrad der Welt in Form einer Acht, eröffnet. Zwischen Puddingtörtchen und Kolonialbauten positioniert sich Macau gezielt als Vergnügungsstandort von Weltrang.

Längst bestimmt das Glücksspiel rund 50 Prozent der Staatseinnahmen. Zusammen nehmen die Kasinos fast 2 Milliarden Euro monatlich ein – und damit ein Vielfaches von denen in Las Vegas. Gespielt werden kann 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Und dies entspricht in etwa der Nachfrage: Vor allem aus China und dem benachbarten Hongkong reisen Gäste ausschließlich dafür an, Bustransfer von der Grenze direkt bis zum Kasino inbegriffen.

Foto: Gebäude mit Geschichte: Die stattlichen Häuser am Senatsplatz im Zentrum von Macau stammen aus dem  19. und 20. Jahrhundert.

Gebäude mit Geschichte: Die stattlichen Häuser am Senatsplatz im Zentrum von Macau stammen aus dem  19. und 20. Jahrhundert.

Quelle: Macau Tourism

Der Reiz des Kontrastes

„Der Kontrast ist es, der den Reiz Macaus ausmacht“, betont Harald Brüning. Der Journalist stammt eigentlich aus Helmstedt, landete jedoch vor 35 Jahren für eine amerikanische Nachrichtenagentur in Macau – und blieb. Heute verlegt Brüning die englischsprachige Zeitung „Macau Post Daily“. Und er ist noch immer angetan von der Mischung aus portugiesischer Vergangenheit, chinesischem Alltag und den immer präsenter werdenden Parallelen zur amerikanischen Glücksspieloase Las Vegas. „Es wäre langweilig, wenn das hier ausschließlich portugiesische Einflüsse hätte“, sagt der Verleger. Die Mischung macht’s.

Glücksspiel – eine Art Lebensversicherung

Für die Einwohner ist das Glücksspiel längst eine Art Lebensversicherung. „Die gesamten Einnahmen bleiben hier vor Ort“, erläutert Antonio de Sousa, der als Touristenführer in den höchsten Tönen von seiner Heimat schwärmt. Nichts gelange an die Zentralregierung in Peking, ganz so, wie es der Sonderstatus Macaus vorsieht. „Wir haben hier kostenlose Bildungseinrichtungen, kostenlose medizinische Versorgung, und viele müssen nicht einmal Steuern bezahlen.“ Im Gegenteil: Die Regierung schenkt zweimal jährlich eine Art Bonus aus: einmal zur sofortigen Verwendung – rund 1000 Euro pro Einwohner im vergangenen Jahr – und einmal als Rentenzahlung auf ein Konto.

Welterbe der Unesco: Macaus Altstadt

Der Reichtum führt zu einem angenehmen Umfeld: Es ist auffallend sauber, in den vergangenen Jahren entstanden ganze Straßenzüge mit neuen Gebäuden, dazu wird aber auch das koloniale Erbe penibel erhalten – allen voran die Ruinen der Pauluskirche, deren Fassade nach einem Brand im 19. Jahrhundert zum Wahrzeichen Macaus geworden ist. Zusammen mit rund drei Dutzend weiteren Gebäuden, Gärten und Plätzen in der Altstadt zählt die Kirche seit 2005 zum Welterbe der Unesco.

Foto: Zerfallen und doch berühmt: Die Ruine der Pauluskirche zählt zu Macaus Wahrzeichen.

Zerfallen und doch berühmt: Die Ruine der Pauluskirche zählt zu Macaus Wahrzeichen.

Quelle: Pohl

„Asien light“ nennt Bastian Breuer dies. Der Food-and-Beverage-Manager des noblen Ritz-Carlton-Hotels stammt aus Bochum und lebt seit mehr als einem Jahr in Macau. Einerseits sei man durch die Nähe zu Hongkong – das nur rund eine Stunde Fährfahrt entfernt liegt – mittendrin im Geschehen. Andererseits fühle er sich wie am Mittelmeer, obwohl er mitten in Asien lebe. „Ein schöner Mix”, sagt Breuer. Es mag auch an diesem Lebensgefühl liegen, dass das kleine Macau inzwischen einen Exportschlager geboren hat: die Egg Tarts. In Hongkong gibt es sie längst, doch hat Lord Stow inzwischen noch weiter in Asien expandiert. Auch in Japan und auf den Philippinen schätzen die Kunden inzwischen die süßen Desserts aus Coloane.

Von Michael Pohl

Hin und Weg

Anreise
Mit Cathay Pacific nonstop von Frankfurt am Main und Düsseldorf nach Hongkong, mit Lufthansa nonstop ab Frankfurt am Main. Vom Flughafen Hongkong gibt es mehrmals täglich ein Schnellboot nach Macau.

Reisezeit
Ganzjährig. Im Winter können die Temperaturen abends einstellig werden, im Sommer dagegen ist es eher heiß.

Währung
In der früheren portugiesischen Kolonie gilt die Macau-Pataca (MOP), deren Umrechnungskurs in etwa dem des Hongkong-Dollars entspricht – allerdings kann die MOP außerhalb Macaus nicht genutzt werden.

Sprache
Meist wird Mandarin gesprochen, Amtssprache ist aber nach wie vor auch Portugiesisch. Mit Englisch kommt man in der Innenstadt, den Kasinos und Hotels gut durch.

Weitere Informationen
http://de.macautourism.gov.mo/index.php

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