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In der Heimat von Heidi

Schweiz entdecken In der Heimat von Heidi

Dunkle Tannen, grüne Wiesen im Sonnenschein – wenn schweizer Bergdörfer zu Drehorten werden: Kinofilme lenken den Blick auf die Schönheiten und Traditionen Graubündens.

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Im Albula-Tal: Das Dorf Bergün  hat sich seine Tradition und Ursprünglichkeit bewahrt.

Quelle: Thies

Die anderen Kinder nennen ihn scherzhaft „Geißen-Peter“. Tatsächlich hat Flurin einiges mit dem Ziegenhirten aus dem Heidi-Buch von Johanna Spyri gemeinsam: Flurin ist vor 14 Jahren hoch in den Schweizer Bergen auf einer Alm zur Welt gekommen und mit Ziegen, Schafen und Kühen aufgewachsen. Noch vor zwei Jahren hat er den Sommer auf einer Alm verbracht, ist von einer Bergwiese zur anderen gezogen. „Schön“ sei das gewesen, sagt der Junge mit dem modischen T-Shirt. „Sehr schön. Wunderbare Aussichten.“

Orte wie eine Traumkulisse

Mittlerweile lebt er mit seiner Schwester und seinen Eltern auf einem Bergbauernhof in Latsch, einem 1588 Meter hoch gelegenen Ortsteil der Gemeinde Bergün. Hier, im Albula-Tal im Herzen Graubündens, ist 2014 der neue „Heidi“-Film mit Bruno Ganz als Großvater gedreht worden, und hier sieht es auch ohne Kulissen so aus, wie man sich Heidis Heimat vorstellt: dickwandige Häuser mit verwitterten Steintreppen und Holzbänken, schmale Gassen aus Kopfsteinpflaster, umgeben von steilen Hängen mit Blumenwiesen. Es liegt eine große Stille über dem kleinen Dorf, bisweilen durchbrochen vom Geläut der Kirchenglocken. Die kleine Dorfschule wurde während der Dreharbeiten für „Heidi“ noch einmal wie früher zum Lernort. Heute dient sie als dörfliches Kulturzentrum. Insgesamt leben nur rund 30 Menschen dauerhaft in Latsch, manche Häuser stehen leer, andere werden nur als Zweitwohnungen genutzt. Flurins Familie lebt in einem 300 Jahre alten Bauernhaus mit Sonnenuhr. Seine Mutter ist gerade mit der Heuernte beschäftigt. Um die Dreharbeiten habe sie sich nicht gekümmert, sagt die Frau in den Gummistiefeln. „Das war ja auch im Unterdorf.“

Foto: Die Darsteller der neuen Heidi-Verfilmung: Heidi (Anuk Steffen), Almöhi (Bruno Ganz) und Geißenpeter (Quirin Agrippi)

Die Darsteller der neuen Heidi-Verfilmung: Heidi (Anuk Steffen), Almöhi (Bruno Ganz) und Geißenpeter (Quirin Agrippi).

Quelle: Werner

Ganz anders hat der Gemeindearbeiter Jumbo Battaglia, der gerade auf dem Friedhof im 300 Meter entfernten Unterdorf Gras mäht, die Dreharbeiten erlebt. „Ich habe die Leute vom Film rumchauffiert“, erzählt der 60-Jährige mit der Schubkarre. „Mit Bruno Ganz habe ich auf der Bank gesessen und geplaudert. Ein wunderbarer Mensch.“ Das ganze Dorf sei „mit einem Riesenaufwand“ auf alt getrimmt worden, erzählt der Mann – mit Vorbauten und einer zehn Zentimeter dicken „Pampe“ über den Wegen. Trotzdem habe der Film den Alltag von Dorf und Alm gut eingefangen.

Ein Film bringt Schwung ins Tal

Alle geraten ins Schwärmen, wenn sie von dem neuen Heidi-Film sprechen. Das Kinoepos ist schließlich auch eine großartige Fremdenverkehrswerbung für die Gemeinde im Albula-Tal. Hinweisschilder, die auf die Drehorte hinweisen, sucht der Tourist allerdings vergeblich. Auch Heidi-Nippes wird in Bergün und Umgebung nicht angeboten. Wer Heidi-Puppen und -Puzzles sucht, muss ins touristisch aufbereitete Heididorf nach Maienfeld bei Landquart fahren. Bergün bietet dagegen einen authentischen Einblick in das Leben eines Graubündner Dorfes, dessen Einwohner einst als Zuckerbäcker in den Metropolen Europas zu Wohlstand gelangt sind. Von dem Wohlstand zeugen noch heute die schönen Häuser mit den schmiedeeisernen oder kunstvoll gedrechselten Balkonen und den Wandbildern. Sehenswert ist vor allem die reformierte Kirche von Bergün, die 1188 im romanischen Stil erbaut wurde. Fresken aus der Renaissance stellen an den Wänden eindrucksvoll die Passionsgeschichte dar.

Ähnlich wie Bergün ist auch das Engadiner Bergdorf Guarda durch die Verfilmung eines Kinderbuchs zu Ehren gekommen. Schellen-Ursli heißt der Held des Bilderbuchs, der in der Schweiz so bekannt wie Heidi ist: „Hoch in den Bergen, weit von hier, da lebt ein Büblein so wie ihr …“. Es geht um einen armen Bauernjungen, der beim Umzug zur Vertreibung des Winters nur die kleinste Kuhglocke ergattert und in seiner Enttäuschung allein aufbricht, um sich aus der Almhütte seines Großvaters hoch in den Bergen eine Riesenschelle zu holen.

Foto: Wurde nach Drehschluss wieder zur Berghütte: Die Sommeralp aus dem Film über Schellen-Ursli.

Wurde nach Drehschluss wieder zur Berghütte: Die Sommeralp aus dem Film über Schellen-Ursli.

Quelle: Thies

Ein Leben wie im Bilderbuch

Ein bewegendes Abenteuer, das in einer Tradition wurzelt, die noch heute im Unterengadin lebendig ist. Nach wie vor nämlich ziehen die Kinder am 1. März zum Chalandamarz mit ihren Schellen von Haus zu Haus. Natürlich auch in Guarda, dem Wohnort der Kinderbuchautorin Selina Chönz (1910 bis 2000), der Mutter von Schellen-Ursli. Etliche Häuser, die bogenförmigen Haustüren mit den Holzschnitzereien oder Brunnen erinnern in Guarda an die Zeichnungen, die der Illustrator Alois Carigiet zu dem Bilderbuch beisteuerte. Bei der Suche nach dem passenden Dorf für den ersten Kinofilm über Schellen-Ursli fiel dann aber die Wahl auf das Bergdörfchen Sur En, zehn Autominuten von Guarda entfernt. Regisseur Xavier Koller konnte hier wie auf einem künstlichen Filmgelände nach Belieben Häuser, Ställe und Scheunen bauen, Wege sperren und für Ruhe sorgen. Denn nur ein einziges Haus ist in dem Weiler dauerhaft bewohnt. Hier lebt Albina Bazzell mit Mann und Hund – seit neun Jahren. „Schon seltsam, in einem leeren Dorf zu wohnen“, sagt die 62-Jährige.  

Mitten in unberührter Natur

Hinweise für Touristen gibt es hier ebenso wenig wie an den Heidi-Drehorten. Dafür bietet sich den Besuchern eine fast unberührt anmutende Bergwelt als Ausgangspunkt für Wanderungen mit prächtigen Aussichten. Zum Beispiel zur Alp Murtera Dadoura, wo Schellen-Ursli im Film den Sommer über mit seinen Eltern Schafe und Ziegen hütet. Paul Priuli, der 78-jährige Besitzer der Alp, ist gerade dabei, die Vorbauten, die für den Film als Kulissen errichtet wurden, zu Brennholz zu verarbeiten. Mittlerweile dient das aus Feldsteinen errichtete Haus mit den vielen Betten Priuli wieder als Jagdhütte. Der Kopfschmuck von Hirschen, Gemsen und Steinböcken schmückt die Wände.

Jonas Hartmann, der zwölfjährige Darsteller von Schellen-Ursli, hat die 2150 Meter hoch gelegene Alp zu seinem Lieblingsdrehort erklärt. Jonas ist – wie die übrigen Kinderdarsteller – in der Bergwelt Graubündens aufgewachsen. Ursprünglich hatte er sich für die Rolle des Geißen-Peter in „Heidi“ beworben. Doch jetzt ist sein Kindergesicht zum Gesicht Urslis geworden.

Foto: Drehort hoch über dem Meeresspiegel: Auch dieser Bergsee wurde zum Schauplatz des Films über Schellen-Ursli

Drehort hoch über dem Meeresspiegel: Auch dieser Bergsee wurde zum Schauplatz des Films über Schellen-Ursli.

Quelle: Thies

Wandern auf dem Schellen-Ursli-Weg

Wer von der Alp zurück nach Guarda wandert, kann sich die alte Geschichte des Bauernjungen noch einmal in freier Natur auf den 20 Tafeln des Schellen-Ursli-Weges vor Augen führen. Doch Guarda hat sehr viel mehr zu bieten als die Reminiszenzen an eine Bilderbuchfigur. Der Ort mit seinen pastellfarbenen Häusern aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg hat etwas von einem Museumsdorf. Wie in Bergün ist das ganze dörfliche Leben auf die zahlreichen Brunnen ausgerichtet, die nicht nur Trinkwasser spendeten, sondern auch als Viehtränken und zum Wäschewaschen dienten. Die Häuser nehmen sich in der oft unwirtlichen Bergwelt wie kleine Festungen aus. Ob Stall oder Vorratslager – alles ist hinter den schützenden Mauern integriert.

Bewohnt aber ist längst nicht mehr jedes Haus. Das frühere Leben lässt sich nur noch erahnen. Brücken in die Vergangenheit baut das kleine Schellen-Ursli-Museum, das zum Hotel Meisser gehört, aber jedem kostenlos offen steht. Doch Schellen-Ursli lebt auch außerhalb des Museums fort. Erfreulicherweise gibt es in Guarda wieder so viele Kinder, dass der traditionelle Chalandamarz-Umzug am  1. März problemlos zustande kommt. Mit alten Liedern und Schellengeläut.

Von Heinrich Thies

Hin und Weg

Anreise
Swiss Air bietet Direktflüge von vielen deutschen Flughäfen nach Zürich an. Wer es nicht so eilig hat, wird bei der Deutschen Bahn fündig. In der Schweiz empfiehlt sich die Weiterfahrt mit Bahn und Bus – das Postauto bringt Reisende in fast jedes Bergdorf. Bergün und Guarda liegen an der Strecke der Rhätischen Bahn und haben eigene Bahnhöfe. Wer einen Swiss Pass für 3, 4, 8 oder 15 Tage kauft, darf damit außer Zügen und Bussen auch Linienschiffe auf den Seen nutzen.

Beste Reisezeit
In der Schweiz herrscht gemäßigtes Klima. Reisen sind daher das ganze Jahr lang möglich. In Graubünden, dem südöstlichsten Kanton des Landes, wird es in den Sommermonaten mehr als 30 Grad Celsius warm. Nachts kühlt es sich dank der Höhenlage auf 15 bis 20 Grad ab.

Unterkunft
Eine Nacht in einem Doppelzimmer des Drei-Sterne-Traditionshotels Weisses Kreuz in Bergün kostet von Mitte Juni bis Mitte September pro Person rund 70 Euro inklusive Frühstücksbuffet.

Weitere Informationen
Tipps und Auskünfte zum Heidi-Filmort Bergün gibt es bei Bergün-Filisur-Tourismus, Telefon (0041) 8 14 07 11 52. Über das Schellen-Ursli-Dorf Guarda informiert die Gäste-Info Guarda unter der Telefonnummer (0041) 8 18 61 88 27.
www.berguen-filisur.ch
www.scuol.ch/guarda
www.engadin.com
www.graubuenden.ch
www.myswitzerland.com/de

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