Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Lieber bergab

Urlaub in Tirol Lieber bergab

Das Tiroler Pitztal ist beliebt bei Bergwanderern und Kletterer. Gletscher und mehr als 3000 Meter hohe Gipfel begeisternie Besucher. Doch die Natur in dieser Hochgebirgslandschaft 
ist wild und schroff – da muss man beim Wandern flexibel sein.

Voriger Artikel
Jazz und Jambalaya: Eine Reise nach New Orleans
Nächster Artikel
Reisetipps: Schollenbraten und Kunst auf Wanderschaft

Beeindruckende Berglandschaft: Wer auf dem Pitztaler Gletscherstieg unterwegs ist, kann sich eindrucksvoller Ausblicke sicher sein.

Quelle: Haase

Leichter Wind hat früh am Morgen die letzten Wolkenfetzen aus dem hinteren Teil des Pitztales getrieben. Die Sonne wird bald strahlen, aber nicht gleißen, was eine wunderbare Fernsicht verspricht. Die können wir gut gebrauchen, denn wir wollen vom Ort Mandarfen aus auf die Wildspitze, den höchsten unter den 700 Gipfeln der Ötztaler Alpen. Das Panorama wird gigantisch sein.

Das Wetter bestimmt – nörgeln ist zwecklos

„Wir gehen heute nicht hoch. Hat keinen Zweck“, sagt Bergführer Alfons Dworak. Wir gucken entgeistert und wollen es nicht glauben. Alfi, wie ihn alle nennen, hat aber gerade den Wetterbericht gelesen – nicht einen der Allerweltswetterberichte der Online-Anbieter, die wegen unvorhergesehener Entwicklungen alle halbe Stunde geändert werden müssen, sondern den amtlichen, an dem sich auch die Bergwacht orientiert. „Spätestens am frühen Nachmittag wird es dort oben schwere Gewitter geben. Wir müssten zur Braunschweiger Hütte hetzen und säßen dann oben in der Suppe, ohne etwas zu sehen und ohne etwas unternehmen zu können. Ich weiß Besseres“, sagt der 42-Jährige. Nun ja, man muss mit so etwas rechnen, wenn man im Pitztal unterwegs ist, einem der wildesten seiner Art in den Ostalpen. Es wird hier schnell steil und hochalpin. In den Beschreibungen des Europäischen Fernwanderweges von Oberstdorf nach Meran wird empfohlen, hier abzukürzen und den Bus durch das Pitztal zu nehmen. „Warum eigentlich?“, haben sich die Bergführer gefragt und eine Wanderroute ausgearbeitet, die sich in den Fernwanderweg einpasst und deren Höhepunkt die Wildspitze mit ihrem Gipfelkreuz auf exakt 3774 Metern ist. Genau darum sind wir hier. Natürlich ärgern wir uns nun, dass das so nicht klappt. Andererseits ist der Bergführer gerade für Flachlandtiroler wie uns die allein maßgebliche Instanz. Nörgeln zwecklos. Alfi hatte ja auch was Besseres versprochen.

Der E 5

Der Europäische Fernwanderweg E 5, dessen Alpenetappe von Oberstdorf nach Meran führt, stellt vom Schwierigkeitsgrad her keine besonderen Anforderungen an den Wanderer – außer im Pitztal. Weil das so ist, fahren viele die Etappe zwischen Imst im Inntal und Mandarfen mit dem Bus, um dann an der Braunschweiger Hütte weiterzuziehen. Als Alternative hat sich die Bergführer-Vereinigung eine geführte Tour durch hochalpines Gelände im Naturpark Kaunergrat ausgedacht. Sie misst 49 Streckenkilometer und 3100 Höhenmeter. Zu beachten: Weil Wandern gerade wieder modern ist und alle über die Alpen ziehen wollen, ist der E 5 ziemlich überlaufen. Wer Interesse an der Tour hat, sollte sich vorher telefonisch oder im Internet informieren.

Auf zum höchstgelegenen Café Österreichs

Wir starten mit einem Superlativ. Die Bergbahn bringt uns zum mit 3440 Metern höchstgelegenen Café Österreichs auf dem Hinteren Brunnenkogel. Die Sonne hält, was sie im Tal versprochen hat. Sie strahlt und gewährt Sicht bis zur Ortlergruppe und ins Zugspitzgebiet. Und Alfi kann uns prima zeigen, wo wir über Mittelbergjoch und Bruchkogel zur Wildspitze gestiegen wären. Wir seufzen noch einmal und wenden uns dann: bergab. Alfis Alternative ist der Pitztaler Gletschersteig. „Der ist technisch sogar anspruchsvoller“, sagt er.

Steinerne Kumpel

Wir wissen bald, was er meint. Auf dem steilen Grat vom Brunnenkogel helfen zwar Stahlseile im Fels, aber Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind trotzdem erforderlich. „Sucht euch Kumpel“, sagt Alfi. Wir gucken irritiert. „Das sind Steine und Felsvorsprünge, die sich bergwärts neigen und Halt geben“, klärt er uns auf. Am Ende des Steigs schnaufen wir auf einer kleinen Ebene durch. Frühjahrsenzian blüht hier, obwohl es schon Hochsommer ist. Über uns liegen die Bergriesen, unter uns ergießt sich der Taschachferner als Teil des Pitztaler Gletschers zu Tal. Während wir in der schroffen Hochgebirgslandschaft staunend umherblicken, grollt es. Auf der anderen Seite des Taschachferners donnert eine Steinlawine herab. „Wenn der Frost aus dem Felsen geht, wird das Gestein brüchig“, sagt Alfi. Für den Abstieg zum Gletscher nimmt er uns ans Seil.

Wir stehen bald auf blankem Eis, und das ist gut so. „Blankes Eis ist trocken und rutschfest. Wir brauchen keine Steigeisen“, sagt Alfi. Achten müssen wir auf Schneefelder, weil sich unter denen Gletscherspalten befinden können. Sie reichen bis in 30 Meter Tiefe. Spaßeshalber seilen wir uns in eine ab, hängen zwischen zwei Wänden aus blau schimmerndem Eis. Ganz unten, wo sie nur noch eine schmale Kluft lassen, rauscht Schmelzwasser. Wir können uns vorstellen, wie es ist, wenn man dort unbeabsichtigt und ohne Aussicht auf Hilfe hineingerät.

Foto: Stahlseile, Steine und Felsvorsprünge geben den Wanderern Halt

Stahlseile, Steine und Felsvorsprünge geben den Wanderern Halt.

Quelle: Haase

Uns fällt auf, wie dreckig der Gletscher an vielen Stellen ist. Staub, Schutt, Geröll, manchmal Müll, teilweise aus längst vergangenen Zeiten, den er wieder freigibt. „Der Gletscher leidet unter dem Klimawandel“, sagt Alfi. An Linien im Fels der Seitenwände kann man sehen, wie dick der Taschachferner einst war.

Der Eisriese schmilzt

Und auf einer Karte in der Berghütte an der Gletscherzunge sind die einstigen Ausmaße verzeichnet. In nur zehn Jahren seit 2005 hat der Gletscher mehr als 100 Meter Länge verloren. Als wir die Wassermassen sehen, die sich an der Zunge in einen See ergießen, ahnen wir, dass das ewige Eis vielleicht doch nicht ewig sein wird.

Dann ist der Nachmittag gekommen und mit ihm das, was der Wetterbericht prophezeit hat. Binnen Minuten zieht eine schwarze Wolkenwand heran, verhängt die Pitztaler Gipfel. Der Regen rauscht nur so herunter. Wir sind jetzt endgültig froh darüber, heute nicht auf der Wildspitze zu sein. Wir bestellen uns in der Hütte Kaffee und Kaiserschmarrn und sinnieren darüber, dass es im Leben manchmal auch dann interessant und spannend sein kann, wenn es mal bergab geht.

Von Bernd Haase

Hin und Weg

Das Pitztal
Das zwischen dem Kauner- und dem 
Ötztal gelegene Pitztal ist ein etwa 
40 Kilometer langes Sacktal. Nur eine einzige Straße führt aus dem Inntal hinauf bis ins Örtchen Mandarfen, das bereits auf 1700 Metern Höhe liegt. 38 Berge bringen es hier auf mehr als 3000 Meter, weshalb die Tourismusmanager die Gegend als Dach Tirols bezeichnen. Vor den Gipfeln im Bereich der Wildspitze erstreckt sich der riesige Pitztaler Gletscher, der gut durch Bergbahnen erschlossen ist. Im gesamten Tal leben 7400 Menschen, und viel mehr werden es nicht werden. Wegen der Lawinengefahr herrscht fast überall Bauverbot. Es gibt im Pitztal 380 Kilometer Wanderwege, 35 Berghütten, 178 Kletterrouten und 95 Kilometer Mountainbikestrecken.

Anreise
Mit der Bahn über München und Innsbruck bis Imst. Von dort geht es mit dem sehr regelmäßig fahrenden Bus weiter ins Pitztal. Flexibler vor Ort ist man mit dem eigenen Auto. Man fährt auf der Inntalautobahn über Innsbruck bis Imst, wo sich die Abfahrt ins Pitztal befindet.

Beste Reisezeit
Die Wandersaison ist wetterbedingt eher kurz und dauert von Anfang Juni bis Ende September.

Weitere Informationen
Tourismusverband
Unterdorf 18
6473 Wenns
Telefon: (0043) 5 41 48 69 99
E-Mail: info@pitztal.com
www.pitztal.com
www.bergfuehrervereinigung–pitztal.com

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Rund um die Welt
Leseraktion: Zimmer mit Aussicht

Teilen Sie den schönsten Ausblick aus ihrem Urlaubsdomizil mit anderen Lesern: Die besten Einsendungen veröffentlichen wir in dieser Bildergalerie.