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Aufwärts mit der „Titanic“

Belfast Aufwärts mit der „Titanic“

Im Mai 1911 lief der Ozeanriese in Nordirland vom Stapel – ein Blick zurück auf die goldene Zeit des Schiffbaus.

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Dort, wo einst die „Titanic“ entstand, wächst zurzeit das Titanic Quarter – ein neues Stadtviertel für sieben Milliarden Pfund.

Quelle: istockphoto/James O‘Neill

Wenn T-Shirts sarkastisch sein können, dann sind sie es in diesem Souvenirshop: „She was alright when she left Belfast“ (sie war intakt, als sie Belfast verließ) heißt es auf einem dieser Bekleidungsstücke, darüber ein verspielter „Titanic“-Schriftzug und eine Schiffssilhouette in Schräglage. Erhältlich in M, L und XL.

Die Belfaster haben einen ganz eigenen Hang zur Nostalgie entwickelt: Fast 100 Jahre sprach man nicht groß darüber, dass die Stadt mit der „Titanic“ das wohl bekannteste Schiff neben der „Arche Noah“ gebaut hatte. Wer mochte schon gern mit einem Kreuzfahrtriesen in Verbindung gebracht werden, der bereits die Jungfernfahrt nicht überstand?

Heute ist man stolz auf die Ingenieurkunst vergangener Tage, vor allem, wenn man ansonsten eher wegen Bombenanschlägen und schwer bewaffneter Soldaten bekannt geworden ist.

Die „Titanic“ kann helfen, die dunklen Jahrzehnte der „Troubles“, wie die Zeit der paramilitärischen Übergriffe in der britischen Unruheprovinz genannt wird, in den Hintergrund zu drängen. Denn die gehören seit dem Karfreitagsfriedensabkommen von 1998 ohnehin mehr oder weniger der Vergangenheit an. Stattdessen soll deutlich werden, was Belfast einmal war: eine blühende Industriestadt.

Deshalb gedenkt man hier in erster Linie der Fertigstellung des Schiffes. Am 31. Mai 1911 lief der Ozeanriese in Belfast vom Stapel, nachdem er zuvor am noch heute erhaltenen Trockendock emporgezogen worden war.

Genau hier wird die Erinnerung derzeit quasi zementiert: Auf Queens Island, einem Teil des alten Hafenviertels im Lagan-Fluss, gönnt sich Belfast ein komplett neues Stadtviertel: Dort, wo einst die „Titanic“ entstand, wächst das Titanic Quarter. Es spielt gezielt mit seiner Lage am Fluss, besteht aus Gebäuden, die entlang der Wasserfront angeordnet sind wie kleine Ozeandampfer, protzt mit einem schmucken Jachthafen, bietet eine gemütliche Promenade, in der in diesen Wochen Cafés, Geschäfte und ein Hotel einziehen – und zudem ein paar Hundert Wohnungen entstehen.

Als „Neugeburt des Hafenviertels“ feiert die Planungsgesellschaft das Sieben-Milliarden-Pfund-Projekt (knapp acht Milliarden Euro). Gut 20.000 Arbeitsplätze sollen in den nächsten 15 Jahren auf den 75 Hektar des Stadtteils entstehen, so die Hoffnungen. Gesteuert wird das Projekt ausgerechnet von dem Ort, in dem auch die „Titanic“ entstand – dem früheren Hauptquartier von Harland and Wolff, einem in die Jahre gekommenen roten Sandsteinbau aus der Zeit der vorvergangenen Jahrhundertwende.

Der Neubeginn ist zweifelsfrei notwendig

Schon seit vielen Jahren läuft in Belfast kein Schiff mehr vom Stapel. Bei Harland and Wolff werden heute allenfalls Reparaturarbeiten an Frachtkähnen und Offshorewindrädern erledigt. Dennoch erfüllt die alte Werft die Bewohner bis heute mit Stolz: „Das hier ist für uns, was der Eiffel-turm für Paris ist“, sagt Marc Robinson und zeigt auf die beiden gut 100 Meter hohen gelben Portalkräne von Harland and Wolff.

Robinson nimmt Besucher täglich mit einem Boot auf eine Reise in die Zeit der „Titanic“. Gut zwei Stunden tuckert er mit ihnen zwischen dem neuen Titanic Quarter und den zum Teil noch heute genutzten neueren Becken entlang.

Auch im Zentrum Belfasts ist die Geschichte der „Titanic“ präsent. Neben dem neobarocken Rathaus am Donegall Square erinnert ein Denkmal an die Schicksale der mit dem Schiff untergegangenen Passagiere. Genau hier beginnt während der Feierlichkeiten zu 100 Jahren Stapellauf an jedem Wochenende ein Rundgang auf den Spuren von Thomas Andrews, dem Konstrukteur der „Titanic“.

Vor dem Rathaus selbst zeigt in diesen Wochen eine Freiluftausstellung beeindruckende Bilder von Robert Welch. Der Hausfotograf von Harland and Wolff hat eine imposante Sammlung an Aufnahmen vom Bau der „Titanic“ hinterlassen, die erahnen lassen, in welchem Wohlstand sich Belfast zu dieser Zeit befunden hat: Viktorianische Gebäude säumen die Straßen, eine Straßenbahnlinie fährt bis direkt in die Docks.

Vom nächsten Jahr an wird eine dauerhafte Ausstellung an die Geschichte der „Titanic“ erinnern. In der Nähe des Trockendocks entsteht derzeit ein ganzes Museum in ungewöhnlichem Design: Von jeder Ecke des Gebäudes aus sieht man drei bugähnliche Winkel herausragen. Sie sollen den Start der drei Schiffe der damaligen Olympic-Klasse symbolisieren: „Titanic“, „Olympic“ und „Britannic“.

Keiner dieser Ozeanriesen existiert heute noch: Die „Olympic“ wurde 1934 abgewrackt, die „Britannic“ lief bereits im November 1916 in der Ägäis auf eine Seemine und sank.

Das Schicksal der „Titanic“ ist bekannt. Deren Berühmtheit wurde den beiden Schwesterschiffen nie zuteil – nicht mal ein T-Shirt im Souvenirshop erinnert heute noch an sie.

Michael Pohl

Anreise
Belfast ist von Deutschland aus nicht direkt zu erreichen. Mit Aer Lingus geht es unter anderem ab Hamburg und Berlin nach Dublin, von dort per Linienbus nach Belfast (rund 2,5 Stunden Fahrtzeit). FlyBe und bmi fliegen ab mehreren deutschen Flughäfen mit Umsteigen in die nordirische Hauptstadt. Ab Amsterdam existiert die nächstgelegene Direktverbindung mit easyJet.

Sicherheit
Belfast gilt inzwischen als eine der sichersten Städte der Welt – die Jahre der Unruhen sind vorbei. Dennoch sollte man sich – wie in jeder Stadt – vor allem nach Einbruch der Dunkelheit nicht unbedingt in soziale Brennpunkte begeben.

Übernachten
Das Hotel Europa galt zu Zeiten der „Troubles“ als meistzerbombtes Hotel der Welt. Heute ist es freilich ungefährlich – und ein nettes, geräumiges Viersternehotel in zentraler Lage direkt am Busbahnhof in der Great Victoria Street.

Die britische Budgetkette Premier Inn hat gerade ein neues Dreisternehotel im Titanic Quarter eröffnet, Queens Road.
Schick, aber am Wochenende laut ist das „Benedicts“, ein urgemütliches Dreisternehotel mit einem riesigen Pub und Restaurant, Bradbury Place.

Touren
Thomas Andrews Belfast Tour beginnt immer sonntags um 11 Uhr am Titanic-Denkmal neben dem Rathaus. Anmeldungen im Tourist Information Center, Donegall Place. Billy Scott bietet individuelle Stadtführungen mit seinem schwarzen Taxi an, Tel. (00 44) 77 98 60 24 01. Die Titanic Boat Tour beginnt täglich um 15.30 Uhr am Fischdenkmal.

Weitere Informationen
Irland Information, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt.
www.entdeckeirland.de

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