Lusaka. Lohnt sich das? Todesmutig auf dieses geflügelte Motorrad zu klettern, sich in den Himmel, übers Wasser und über diesen furchterregenden Abgrund tragen zu lassen – lohnt sich das Wagnis, wenn die Kamera nicht mit darf? Wenn es am Ende zu Hause nicht mal ein einziges Bild zum Beweis der eigenen Unerschrockenheit vorzuzeigen gibt?
Nicht einmal das kleine Kameratelefon darf mit an Bord seines Ultraleichtfliegers. Zu gefährlich. Die Enttäuschung ist groß. Bis zu dem Moment, in dem das Krokodil auftaucht.
Der kleine Flieger hat kaum die erste Schleife über den Sambesi und die Victoriafälle gezogen, da ist die eisige Kälte in der Höhe nicht mehr zu spüren, das Knattern des Motors nicht mehr zu hören. Der Anblick des großartigsten Wasserspiels der Welt, der unter Regenbögen in die Tiefe stürzenden Wassermassen, blendet alles andere aus. Und dann das Krokodil: Ein bisschen weiter flussaufwärts, weg von den Fällen, dort, wo der Sambesi still wie ein See zwischen zwei Inselchen steht, liegt es. Einfach so. Nur wenige Schattierungen dunkler als das jadegrüne Wasser zeichnen sich seine Umrisse ab.
Wild und unmittelbar
Es braucht keine Kamera, um den Zauber dieses Bildes unvergesslich zu machen. Es passiert sowieso manchmal in Sambia, dass einer, der gerade noch wie wild geknipst hat, innehält und nur noch guckt. Weil dieses Land mitten in Afrika von atemberaubender Schönheit sein kann. Vielleicht aber auch, weil es ein bisschen wie das Krokodil im Sambesi ist: wild und unmittelbar – aber noch nicht ganz an der Oberfläche aufgetaucht.
„Wir sind Afrikas bestgehütetes Geheimnis“, sagen sie im Tourismusministerium gern, und es ist was dran, im Guten wie im Schlechten. Gerade mal 5000 Gäste aus Deutschland sind im vergangenen Jahr nach Sambia gekommen, so viel wie jeden Tag über Mittag in Palma de Mallorca landen. Knapp 100.000 waren es insgesamt, aus den USA, Großbritannien, Australien, aus anderen afrikanischen Ländern. Sie verlaufen sich, sozusagen, in dem touristisch weitgehend unerschlossenen Land von der Größe Belgiens. Aber sie verlaufen sich auf hohem Niveau.
Massentourismus ist ein Fremdwort hier, sogar rund um die Victoriafälle, das Unesco-Weltnaturerbe, das Sambia mit dem benachbarten Simbabwe teilt. Auf den Spazierwegen am „Rauch, der donnert“, wie die Einheimischen die Wasserfälle nennen, drängen sich keine Busladungen von Reisenden.
Schöne und wunderschöne Hotels säumen das Ufer des Sambesi im geschichtsträchtigen Livingstone. Gepflegter Pool, Massagezelt, Gourmet- büfett, alles selbstverständlich. Genauso selbstverständlich aber ist die Giraffe, die zusammen mit ein paar Zebras zur Cocktailstunde graziös an der Hotelterrasse grast. Oder die Meerkatze, die mal eben durch die offene Balkontür ins Zimmer gehüpft kommt und alles klaut, was nicht niet- und nagelfest ist.
„Das wahre Afrika“ lautete deshalb auch für lange Zeit der Werbeslogan der Tourismuswirtschaft. Bis man festzustellen glaubte, dass „das wahre Afrika“ jenseits des Kontinents keineswegs mit ungestörter Natur, sondern vor allem mit allen negativen Wirklichkeiten gleichgesetzt wird – Armut, Aids und Misswirtschaft.
Im 48. Jahr seiner Unabhängigkeit von der britischen Krone leidet das einstige Nordrhodesien wie die meisten Länder der Region unter allen drei Geißeln. Aber es arbeitet sich aus der vermeintlichen Hoffnungslosigkeit heraus. Vor allem politisch. Gerade erst haben die Sambier in freien und fairen Wahlen den Oppositionskandidaten zum neuen Präsidenten gewählt. Der Machtwechsel ist ohne Blutvergießen abgelaufen, nicht eben selbstverständlich in der Nachbarschaft von Kongo oder Simbabwe. Da darf’s dann auch ruhig ein neuer Werbespruch sein.
„Let’s explore“ heißt der, lasst uns entdecken. Das klingt banal, trifft aber durchaus den Kern. Auch fernab der Stadt des Entdeckers David Livingstone gibt es in Sambia viel zu erforschen. Allein 14 Wildparks, der größte davon, der Kafue-Nationalpark im Westen des Landes, gilt als eines der arten- und abwechslungsreichsten Schutzreservate des Kontinents.
Die „Big Five“ (Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Büffel) sind hier in großer Zahl zu Hause. Wer sie finden will, braucht trotzdem Hilfe. Das Gebiet ist so groß, die Straßen so unwegsam, dass manche Camps nur mit Buschflieger und Helikopter zu erreichen sind.
Doch Einsatz und Kosten für die Entdeckung der Einsamkeit lohnen sich. Höchstens zwölf Gäste auf einmal beherbergt das Shumba-Camp in Zelten, die ausgestattet sind wie Fünf-Sterne-Zimmer. Und die strengen ökologischen Standards, denen sich die Betreiber der Camps verpflichten, gleichen das schlechte Gewissen ob der energieintensiven Anreise ein bisschen aus.
Idos Kaunde, bestens ausgebildete Wildhüter, weiß, wo die Löwen am liebsten in der Sonne liegen, wo sich die Leoparden, das scheue Nashorn, die wilden Hunde verstecken.
Die Fährte der Löwen
Unaufgeregt nimmt der Wildhüter in der Abenddämmerung die Fährte der Löwen auf. Ganz nah fährt er den offenen Geländewagen, nur mit Rotlicht beleuchtet, in der Dunkelheit an ein beeindruckendes Exemplar heran. Der Löwe brüllt genau so, mit zurückgeworfenem Haupt, wie es sich der europäische Safaritourist in seinen kitschigsten Afrika-Träumen vorstellt. Ein zweiter antwortet.
Bedrohen sie einander? „Sie unterhalten sich nur“, sagt Idos. Bedrohen sie uns? Idos schaut noch mal genau hin. Alles gut, der Löwe ist zufrieden mit dem Abstand, den wir halten.
Zurück im Camp denkt keiner mehr daran, sich über die strikten Sicherheitsregeln der Gastgeber hinwegzusetzen: Brav warten alle, bis ein Guide mit Lampe sie am Schlafzelt abholt und über hölzerne Stege zum nach allen Seiten offenen „Haupthaus“ an den Abendbrottisch bringt. Und auch zurück geht’s wieder im Gänsemarsch.
Bis zum Tagesanbruch denkt keiner daran, auch nur einen Fuß vor die Zelttür zu setzen. Die „Unterhaltung“ der Raubkatzen und das Lärmen der Flusspferde erinnern daran, dass man hier tatsächlich ohne Zaun und ohne feste Mauern mitten in der Wildnis liegt.
Das noch frische Bild vom weit aufgerissenen Löwenmaul erledigt den Rest. Dafür braucht kein Mensch einen Fotoapparat. Das Bild bleibt von ganz allein im Kopf.
Anreise
South African Airways fliegt von Frankfurt oder München nach Johannesburg und weiter nach Lusaka, Livingstone oder Ndola; KLM von Amsterdam über Nairobi nach Lusaka.
Einreise
Ein Touristenvisum muss vor Einreise bei der Botschaft von Sambia beantragt werden.
Rundreisen
Rundreisen werden von vielen Veranstaltern angeboten – etwa zehn Tage „ClassicZambia“ Camps ab 3498 Euro.
Übernachtung
zum Beispiel in der Shumba Lodge ab 870 Dollar.
Weitere Informationen
www.zambiatourism.com
HAZ.de Anmeldung
