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London

Die Welt zu Gast bei den „Eastenders“


Für die Olympischen Spiele 2012 baut sich London aus dem früheren Industriebezirk Stratford einen funkelnagelneuen Stadtteil.
Neues Leben zwischen Themse und Lea: Aus „Stinky Stratford“ wird der Olympia-Park für die Sommerspiele 2012.

Neues Leben zwischen Themse und Lea: Aus „Stinky Stratford“ wird der Olympia-Park für die Sommerspiele 2012.

© Pohl

London. Mitunter ist Fernsehen der Realität um einige Jahre voraus – und sei es auch nur in Form von simplen Verwaltungsbezeichnungen. Seit 1985 sitzen Millionen von Briten fast täglich vor den Bildschirmen, um die Geschehnisse der „Eastenders“ zu verfolgen, einer Art britischer „Lindenstraße“. Mehr als 4000 Folgen sind bisher entstanden, und noch immer fegt die BBC mit dieser vergleichsweise preiswerten Produktion die Straßen leer. Die Alltagstragödien im Londoner Bezirk Walford – Postleitzahl E 20 – gehören für viele zum Tagesablauf wie der Stau auf der Londoner Ringautobahn.

Doch weder den Bezirk Walford noch die Postleitzahl E20 hat es an der Themse in der Realität je gegeben. Bis heute: Derzeit entsteht im Osten der britischen Hauptstadt mit dem Gelände für die Olympischen Spiele 2012 ein komplett neuer Stadtteil – und der trägt in Erinnerung an die „Eastenders“, die laut Drehbuch in dieser Ecke der Stadt leben, die Ziffer E 20. Ein bisschen ist die Welt also somit vom 27. Juli bis 12. August in einer Seifenoper zu Gast.

Befreiungsschlag für den ungeliebten Osten der Stadt

Die Olympischen Spiele werden in London als so etwas wie ein Befreiungsschlag für den ungeliebten Osten der Stadt angesehen. Kaum jemand wäre bislang auf die Idee gekommen, in diesen Teil zu fahren, um etwa ausgiebig einkaufen zu gehen, ein edles Restaurant zu besuchen (so es das denn vorher gegeben hätte) oder einen Spaziergang zu unternehmen. „Stinky Stratford“, wie der Stadtteil wegen seiner Vergangenheit als Sitz zahlreicher Raffinerien, Textil-, Chemie- und Spirituosenfabriken oft genannt wird, tauchte in keinem Reiseführer auf.

Bis in die sechziger Jahre hinein verpesteten hier die Abgase von Schornsteinen die Luft. Dann verkam die Gegend, weil die Fabriken nach und nach aus dem teuren Londoner Umland abzogen. In den frühen achtziger Jahren schließlich gingen auch die letzten Jobs in den nahe gelegenen Docklands verloren – Stratford mutierte zu einer der ärmsten Gegenden im ganzen Vereinigten Königreich. Inzwischen hat direkt neben der Baustelle zum Olympia-Park eines der größten Einkaufszentren Europas eröffnet, das Westfield Stratford City.

Starkoch Jamie Oliver betreibt hier eines seiner italienischen Restaurants, gegenüber lädt das Bumink zu saisonalen britischen Gerichten in schickem Ambiente ein. Und in den Ladengängen reihen sich hippe Modemarken wie Hollister, Gant und All Saints aneinander. Wer hier einkauft, so scheint es, will nicht nur eine neue Jeans, sondern vor allem gesehen werden.

Gerfried Ambrosch mag da mehr die stillen Ecken. Der gebürtige Österreicher führt Besucher in Radtouren durch die alten Docklands bis zum Olympia-Gelände, immer entlang des Lea-Flusses und der unterschiedlichen Kanäle. Einst seien hier Schiffe von Pferden zu beiden Seiten des Ufers entlanggezogen worden, sagt er und zeigt auf die schmalen Wege links und rechts der Ufer. Lange Zeit hatte das Kanal- und Flussnetz hier leiden müssen.

Torbogen im Prescott-Kanal

Die wenig umweltfreundlichen Fabriken der Gegend leiteten Abwasser hinein. Manch einer entledigte sich auch seines Autos und anderer Dinge – so entdeckte bereits vor Jahren ein Historiker im Prescott-Kanal nahe des Lea-Flusses große Teile eines Torbogens, der einst den Bahnhof Euston Station in London zierte. Seit 2007 habe die Stadt die verseuchten Gewässer gesäubert, erläutert Ambrosch. Kein Industrielärm, kein Gestank – heute bietet sich die Gegend für Radfahrer als perfekte Tour abseits jeglichen Autoverkehrs an.

Mit seinem Arbeitgeber London Bicycles hat der Wahl-Londoner für das Jahr der Olympischen Spiele eine spezielle Tour ausgearbeitet. Sie verbindet historische Ecken im Osten der Stadt mit dem neu gestalteten Stratford. Während etwa die Gegend um das alte Limehouse Dock und die frühere Gezeitenmühle Three Mills längst liebevoll restauriert worden sind, setzt London beim Olympia-Park ausschließlich auf Neubauten.

Mehr als neun Milliarden Euro investieren die Organisatoren in das Olympische Dorf und die Wettkampfstätten. Herzstück ist das Olympia-Stadion, das zur Eröffnungs- und Abschlussfeier sowie zu den Leichtathletikwettkämpfen jeweils bis zu 80 000 Besuchern Platz bieten soll. Mehrere Arenen rundherum sind bereits fertiggestellt. Ein Denkmal setzt sich der indische Milliardär Lakshimi Mittal: Er hat den 115 Meter hohen roten, in sich verwobenen Stahlturm finanziert, der das Wahrzeichen der Spiele werden soll. Bürgermeister Boris Johnson sieht darin schon jetzt eine Art „Londoner Eiffelturm“. Andere sind sich da nicht so sicher – zu sehr erinnert das Bauwerk vor allem die Medien an eine zusammengepresste Achterbahn ohne nennenswerten Sinn.

Selbst die Kritiker des 20-Millionen-Euro-Kontrukts werden sich jedoch daran gewöhnen müssen – denn wie dieses soll fast jedes Bauwerk im Olympia-Park auch nach den Spielen erhalten bleiben. Nachhaltigkeit ist einer der Kernpunkte im Konzept der Großveranstaltung, wobei der Faktor Nachnutzung relativ praktisch gelöst ist: Mehrere große Veranstaltungsstätten wurden gar nicht erst neu gebaut, sondern aus dem bestehenden Portfolio der Stadt gewählt.

So werden im Kongresszentrum Excel unter anderem die Wettkämpfe im Fechten und Judo ausgetragen, Tennis findet in Wimbledon statt, die wichtigen Fußballspiele in der Wembley-Arena. Was neu gebaut wurde, soll zum großen Teil stehen bleiben und den Einwohnern zugute kommen. Nur wenige Gebäude wie die Basketballarena sind als Provisorien geplant – doch selbst sie sollen zum Teil anschließend in anderen Teilen des Landes wieder aufgebaut werden.

Ein Erfolg des „neuen“ Stratford ist für die Stadt unumgänglich

Neben dem Olympia-Park entstehen Hotels, Gebäude, Geschäfte für eine ganze Kleinstadt. Auch die Infrastruktur für „E 20“ wurde perfektioniert: Die Docklands-Bahn DLR fährt nun bis zum Stadion, ebenso eine Linie des noch relativ jungen Hochbahnnetzes Overground. Auch ein Fernbahnhof wurde gebaut, Stratford International. Eigentlich sollte hier zu den Spielen der Tunnelzug Eurostar aus Frankreich und Belgien halten. Doch das Eisenbahnunternehmen lehnte dies mit Blick auf die dann längere Fahrtzeit ab. So bleibt das Wort „International“ im Bahnhofsnamen bislang ein Wunschtraum.

Nun setzen die Verantwortlichen auf den ICE der Deutschen Bahn, der ab 2015 durch den Kanaltunnel fahren könnte. Dann aber sind die Olympischen Spiele an der Themse längst Vergangenheit. Tourführer Gerfried Ambrosch betrachtet die Infrastruktur mit Gelassenheit – er setzt sich lieber aufs Rad. Auf seiner Tour durch den Londoner Osten zeigt er, dass dieses Verkehrsmittel selbst in der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt London mit ihren engen Straßen, höllischen Abgasen und den werktäglichen Dauerstaus eine optimale Alternative ist. Wer sich auf die Wege abseits der Hauptstraßen konzentriert, kommt nicht selten ans Ziel, ohne irgendeinem Stau begegnet zu sein. Und olympisch ist Rad fahren auch noch.

Michael Pohl

Weitere Informationen

Anreise: Mit Germanwings unter anderem ab Hannover, Berlin, Rostock und Dresden nach London-Stansted. Ab Hamburg mit British Airways nach London-Heathrow. Mit der Fähre via Dünkirchen (DFDS) oder Calais (P&O/Seafrance) nach Dover.
www.germanwings.com

Touren: London Bicycle bietet mehrmals wöchentlich Tagesradtouren zum Olympia-Gelände an, ab 29,95 Pfund.
www.londonbicycle.com

Unterkunft:
Think Apartments Tower Bridge, moderne, vollausgestattete Apartments für Touristen in einem schick sanierten Industriekomplex nahe der Themse, 169 Tower Bridge Road.
www.think-apartments.com
Crowne Plaza Docklands, Businesshotel mit Blick auf das Royal Victoria Dock nahe dem Kongresszentrum Excel.
www.cpdocklands.co.uk
Traveldoge London Stratford, Budgethotel nahe dem Olympia-Gelände, eröffnet im Frühjahr.
www.travelodge.co.uk

Weitere Informationen: www.visitlondon.com/de

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