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Ein Bett, ein Fluss und ganz viele Städte

Flusskreuzfahrt Ein Bett, ein Fluss und ganz viele Städte

Kreuzfahrten vor der eigenen Haustür kommen in Mode – eine interessante Tour führt von Magdeburg nach Prag

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Alles im Fluss.

Quelle: Vikinger Flusskreuzfahrten

Machen wir’s den Schnecken nach, und nehmen wir unser Zuhause mit. Es muss ja nicht gleich auf dem Rücken getragen sein. Ein Schiff genügt auch, ein Flusskreuzfahrtschiff, das eine Woche auf der Elbe genüsslich von Magdeburg nach Prag schippert. Richtig, Prag liegt an der Moldau, doch die fließt beim beschaulichen Städtchen und Schloss Melnik in die Elbe. Und von hier aus ist es eine bequeme halbe Busstunde bis ins Goldene Prag, dessen Karlsbrücke mittlerweile, was ihren Touristenstrom betrifft, mit dem Markusplatz in Venedig konkurriert.

Doch zurück zur ersten Station unserer Flusskreuzfahrt und unseres schwimmenden Hotels. Es heißt „Clara“, offiziell „Clara Schumann“ oder „Viking Schumann“, und erwartet in Magdeburg direkt unter der Altstadt seine Gäste. Diesmal sind es 95; maximal 112 Passagiere kann unsere „Clara“ beherbergen. Das ist relativ wenig im Vergleich zu den anderen Flusskreuzfahrtschiffen, mit denen der Reeder und Reiseveranstalter Viking Flusskreuzfahrten auf dem Jangtse, dem Nil oder der Wolga unterwegs ist. Die „Viking Emerald“ beispielsweise, die zwischen Schanghai und Peking eingesetzt ist, kann 264 Passagiere aufnehmen. Zu viel für manchen „Clara“-Gast.

Entsprechend familiär geht es zu

Das hat einen großen Vorteil: Schon am zweiten Morgen weiß Kellner Stanislav, dass ich grünen Tee mit Zitrone zum Frühstück mag. Mit Kaffee und Tee kann sich ohnehin jeder Reisende rund um die Uhr an einem Automaten im Aufenthaltsraum, sprich: der Lounge, bedienen. Man soll sich eben wie zu Hause fühlen. Nur dass daheim die Mitbewohner nicht so häufig und freundlich fragen, ob sie noch einen Wunsch erfüllen können.

Während unserer Woche durch die „Wunderwelten“ an der Elbe spielt sogar das Wetter vorzüglich mit. Am zweiten Tag, beim Ausflug durch die hinreißende Schloss- und Parkanlage Wörlitz bei Dessau, bleibt noch Muße für eine ausgedehnte Gondelfahrt – vorbei an romantischen Grotten und botanischen Besonderheiten. Zeitweilig schwimmt ein Trauerschwan neben der Gondel auf den Wörlitzer Kanälen mit. Wenn schon ein Idyll, dann aber richtig.

Ob bei den Ausflügen in die Lutherstadt Wittenberg, nach Meißen, Dresden oder in die Sächsische Schweiz, vor Ort erwarten die Gäste immer allerlei Informationen über die Stopps. Beispielsweise die Geschichte über die mehr als 500 Jahre alte Grabplatte aus verwittertem Sandstein an der Fassade der Marktkirche in Wittenberg. Auf ihr ist eine Frau mit einem sonderbaren Mundschutz zu erkennen: Das war das Zeichen, dass sie einen Vormund hatte, demzufolge Witwe war.

Viele haben das Ausflugspaket gebucht, um die historischen Städte mit Bus und kundiger Reiseleiterin kennenzulernen. Wer allerdings zu Fuß losgeht, ist auch bestens bedient und entdeckt womöglich unbekannte Kleinode: beispielsweise das frühmittelalterliche Litomerice, Leitmeritz, dessen Innenstadt unter Denkmalschutz steht und wo „Clara“ während des ganztägigen Prag-Ausflugs ankert – ein charmantes Provinzstädtchen mit etwa 25 000 Einwohnern und einer ehemaligen Bischofsresidenz samt Stephansdom und einem von gemütlichen Straßencafés umgebenen Marktplatz.

Flusskreuzfahrten sind ein Fall für Wiederholungstäter – älteren Jahrgangs. Das wird gleich in den ersten Stunden auf dem Schiff deutlich. Da kennt das Paar aus Basel das aus Worms, und der Mann lässt ein fröhliches „Ach, Sie leben auch noch!“ hören. Seit mindestens 15 Jahren gehört auch der 78-Jährige aus Minden mit seiner Frau zum festen Kundenstamm von Viking. „Ich kenne alle Flüsse“, verrät er und fragt rhetorisch: „Wie kann ich bequemer reisen und so viel sehen?“

Eben deshalb boomt das touristische Genre der Flusskreuzfahrten. Von 216 000 Passagieren im Jahr 2001 schwappte die Zahl bis 2010 auf 430 000 Buchungen. Diese Zahl errechnete der Deutsche Reiseverband, und Helena Rill, Marketing-Managerin von Viking, spricht von „der“ Trendreiseform. Im Wohnmobil lassen sich Kleiderschrank und Bett zwar auch mitnehmen, aber bei einer Kreuzfahrt werden sie selbst mitgenommen. Und das in Zeiten, in denen die reisewillige Bevölkerung immer älter wird, aber damit körperlich nicht unbedingt beweglicher. Deshalb ist auch ein eigener Gepäckservice im Angebot: Der Koffer wird an der Wohnungstür abgeholt, und der Reisende findet ihn in der Schiffskabine wieder.

Das Durchschnittsalter der Gäste soll bei 63 liegen, vermutlich deshalb, weil mitreisende Begleiter deutlich jünger sind: Die 46-jährige Tochter, die ihre 86-jährige Mutter liebevoll begleitet, drückt das Durchschnittsalter eben deutlich nach unten.

Der klare Fokus auf unternehmungslustige Senioren, die eine zurückhaltende Betreuung schätzen, hat den großen Vorteil, dass Reibungsverluste wegfallen. Weder sind tobende Kinder noch Diskoklänge zu hören. Stattdessen legt Programmdirektor Martin zum Ausflug nach Wittenberg Kopien von Luthers 95 Thesen zum Mitnehmen bereit, und in Dresden, wo unsere „Clara“ über Nacht ankert, hat Martin drei junge Musiker der Semper-Oper für ein abendliches Konzert in der Lounge engagiert.

Eine Flusskreuzfahrt bedeutet 24-Stunden-Service. Für den sorgen 32 Besatzungsmitglieder auf der „Clara“. Die meisten kommen aus Tschechien und der Slowakei, so wie der für das spürbar gute Arbeitsklima verantwortliche Kapitän Vaclav Ber: „Wenn ich das Schiff gewechselt habe, habe ich meine Mannschaft immer mitgenommen.“ Wie es auch für jeden guten Theaterintendanten Usus ist. Für Ber und seine Landsleute ist die Route Magdeburg–Prag beliebt, da die eigene Familie einfacher zu erreichen ist. Sehr viel weiter hat es da Benedetta, zuständig für die Hausmädchen und die Zimmer. Sie stammt aus Lissabon.

Gut 430 Kilometer legten wir auf unserer 20 Jahre jungen „Clara“ in der Woche zurück, inklusive sechs Schleusen auf tschechischer Seite. Das Ganze im beruhigenden Tempo von etwa acht bis zehn Kilometern in der Stunde. So sieht ein Crashkursus in Entschleunigung aus.

Beim Ausschiffen steht Isabell am Kai und hat für jeden Passagier zum Abschied ein Lächeln parat. 19 Jahre ist sie alt, kurze, strubbelige, rote Haare, kommt aus Idar-Oberstein, steckt noch mitten in der Ausbildung zur Matrosin; sie ist die einzige Frau in der vierköpfigen Matrosenmannschaft. Viele Passagiere werden ihr vermutlich bald wieder begegnen – auf Jangtse, Nil oder Wolga.

Alexandra Glanz

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