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Zu Gast bei den Churchills

Großbritannien Zu Gast bei den Churchills

Der britische Denkmalschutzfonds National Trust besitzt Schlösser, Herrenhäuser, Gärten und Dörfer – sie alle sind für Besucher geöffnet. Ein Reisebericht.

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Die Flagge des National Trust am Schloss Lindisfarne Castle, Northumberland.

Quelle: Arnhel de Serra

Wer im Hause ranghoher Politiker tätig ist, putzt sich heraus – selbst wenn ein solcher Politiker bereits vor 50 Jahren verstorben ist. Paola Lammer empfängt Gäste von Chartwell, dem einstigen Zuhause des früheren britischen Premierministers Winston Churchill, im dezenten Zweiteiler. Tag für Tag wollen Hunderte Besucher sehen, wie der Staatsmann nahe Westerham in der Grafschaft Kent gelebt hat, wo er malte, nachdachte oder sogar mal eine Mauer hochzog. Lammer und ihre Kollegen stehen mit Rat und Tat zur Seite – und dies nur aus Idealismus. Sie alle arbeiten hier ohne Bezahlung. Die Rentnerin und ihre meist ebenfalls dem regulären Arbeitsleben entwachsenen Kollegen sind freiwillige Helfer des britischen Denkmalschutzfonds National Trusts – sogenannte Volunteers.

Dörfer, Gärten, Landschaften, Wahrzeichen - inzwischen befinden sich rund 200 historische Gebäude und Gärten im Besitz der Organisation.

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Rund 400 Freiwillige unterstützten die Arbeit dieses prominenten Anwesens, sagt Marketingmitarbeiter Henry Jarvis. Landesweit arbeiten zusammengenommen 61 000 für die Organisation – zuzüglich zu den nur rund 5000 fest angestellten Mitarbeitern. Geld bekommen die Volunteers für ihre Arbeit nicht, lediglich Tee während der Arbeit, und zweimal im Jahr wird für sie ein großes Fest veranstaltet. Trotzdem melden sich über die Internetseite des Trusts immer neue Freiwillige. Warum tun sie das bloß?

„Es ist schön, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben“, sagt Gästeführerin Lammer. Es ist ein Satz, der in vielen National-Trust-Anwesen immer wieder zu hören ist. Denn eines vereint die Volunteers: Sie sind von den Grundsätzen dieser gemeinnützigen Organisation überzeugt. Und auch in anderen Ländern ist dies so: Der Trust war Vorbild für zahlreiche Denkmalschutzvereinigungen rund um den Globus.

Lammers Kollegin Felicity Harris reizt noch etwas anderes: „Man lernt hier fast jeden Tag etwas Neues“, erläutert die pensionierte Lehrerin. Bereits seit 30 Jahren ist sie Mitglied, Lifetime Member, wie jene besondere Form heißt, die man sich mit einer üppigen Einmalzahlung erkaufen kann und die tatsächlich bis ans Lebensende gilt.

Octavia Hill gründete den Trust gemeinsam mit einigen Bekannten 1895 in der Hochphase des britischen Empires. Ziel war es von Beginn an, Gebäude und Landschaften von historischem Wert oder besonderer Schönheit zu bewahren. Die Arbeit basiert auf dem Grundsatz, dass nur Eigentum dieses Ziel erfüllen kann. Deswegen gehören dem National Trust alle von ihm verwalteten Anwesen und können laut Statut niemals wieder verkauft oder gar abgerissen werden. „Forever, for everyone“, „für immer, für jeden“ – so lautet der Grundsatz.

Inzwischen befinden sich rund 200 historische Gebäude und Gärten im Besitz der Organisation, außerdem 19 Schlösser, 67 industrielle Bauten, 61 Pubs und sogar 59 ganze Dörfer. Das sind zusammengenommen 1,5 Prozent der Fläche Großbritanniens, darunter ein Viertel des Lake Districts sowie 10 Prozent der britischen Küstenlinie.

Das Prinzip des Denkmalschutzfonds setzte sich schnell durch – auch weil er Eigentümern schützenswerter Gebäude bis heute ein attraktives Bündnis anbietet: Oftmals sind diese aus finanziellen Gründen dazu gezwungen, ihre teils hektargroßen Anwesen zu verkaufen. Der National Trust räumt solchen Eigentümern nach der Übernahme ein Wohnrecht auf Lebenszeit ein, öffnet die Anwesen aber bis auf einen privaten Teil für die Öffentlichkeit und finanziert so den Unterhalt durch Eintrittserlöse sowie Mitgliedsbeiträge. Mit knapp vier Millionen Mitgliedern ist er eine der größten Vereinigungen Großbritanniens.

Christine Cole hat sich in die Gärten des Trusts verliebt, vor allem in einen: Dyrham Park, ein Anwesen in der Nähe von Bath. Die pensionierte Lehrerin arbeitet hier als freiwillige Helferin, bringt Besuchern vor allem Pflanzen näher. „Das hält mein Gedächtnis am Laufen“, sagt Cole. Deswegen sei sie auch zweimal in der Woche hier, während die meisten anderen Volunteers nur einmal kämen. Auch ihr Mann helfe mit. „Einer der Gründe, warum wir dies tun, ist, dass dies ein wundervoller Ort ist“, schwärmt sie von dem Barockanwesen, das in einem 1,1 Quadratkilometer großen Park voller Hirsche thront. „Nach einer Weile hier wird es zu so etwas wie ,deinem‘ Anwesen“, sagt Cole und lacht.

Nicht sehr weit entfernt ist ein ganzes Dorf in den Besitz des National Trusts gelangt: Lacock. 1944 wurde es der Organisation vermacht, die damit in den Besitz eines ganz besonderen Ortes kam. Zwar wusste damals noch niemand, dass hier im Kreuzgang der früheren Abtei einmal Szenen der „Harry Potter“-Filme gedreht würden. Doch schon damals war bekannt, dass in Lacock die Wurzeln der modernen Fotografie lagen. William Fox Talbot belichtete in der längst zum Wohnhaus umgebauten Abtei 1835 das erste heute bekannte Negativ, Grundlage des Positiv-Negativ-Verfahrens, das bis zum Siegeszug der Digitalfotografie weltweit Standard der Fotografie wurde.

Rund 400 Bewohner leben heute in Lacock quasi unter dem Dach des National Trusts. Zu den meisten Jahreszeiten kommt Tag für Tag ein Vielfaches an Besuchern. Auch hier helfen 250 Freiwillige daran mit, dass der Besuch im Dorf zu einem besonderen Erlebnis wird – denn wer hier arbeitet, hat sich meist eingehend mit der Geschichte und den Besonderheiten befasst. „Die meisten Volunteers wissen so viel mehr über Lacock als wir“, sagt Kristine Heuser, die seit 2013 fest für den Denkmalschutzfonds in Lacock arbeitet. Um das idyllische Dorf kümmert sich die Organisation penibel – alle drei Jahre etwa werden die zahlreichen kleinen Häuser des Ortes neu gestrichen. Denn auch hier gilt: Lacock soll so, wie es ist, noch für Generationen erhalten bleiben. Für immer, für jeden – ganz im Sinne der Grundsätze des National Trusts.

Von Michael Pohl

National Trust

Eine Mitgliedschaft Trust kostet derzeit 60 Pfund (84 Euro) pro Jahr. Sie ermöglicht den kostenlosen Eintritt in alle Anwesen der Organisation, außerdem kostenloses Parken davor. Mitglied werden kann grundsätzlich jeder – auch Touristen aus anderen Ländern. Der britische Fremdenverkehrsverband Visit Britain bietet in seinem Onlineshop außerdem die Möglichkeit von Touristenpässen für freien Eintritt zu den National-Trust-Anwesen – so kosten eine Woche 25 Pfund (35 Euro) oder zwei Wochen 30 Pfund (42 Euro). Ein ähnliches Angebot gibt es auch für die Attraktionen von English Heritage, einer staatlichen Denkmalschutzorganisation mit anderen Sehenswürdigkeiten.

Weitere Informationen

National Trust, Heelis, Kemble Drive, Swindon, SN2 2NA

Telefon (00 44) 0 84 48 00 18 95

www.nationaltrust.org.uk www.visitbritainshop.com

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