Alle starren auf die Schuhe. Nun drückt der Totenkopf-Turnschuhträger, der sich als Eric vorstellt, jedem noch dicke Lederhandschuhe in die Hand. „Den stärksten Arm zum Bremsen nutzen“, erklärt er, „Beine überkreuzen und nicht schaukeln!“ Dann ein Schubs, und schon rauscht man an einem dünnen Drahtseil hängend über die Baumkronen des Regenwaldes von Costa Rica.
Canopy heißt das Abenteuer, bei dem Wagemutige wie Tarzan durch den Urwald schwingen. Adrenalinrausch, verbunden mit Naturerlebnis – so werben Dutzende Veranstalter für den Nervenkitzel. Allein zehn Strecken hat die Buena Vista Lodge an den Flanken des Vulkans Rincon de la Vieja angelegt. Wer sich traut, wird auf der rasanten Fahrt am Seil mit atemberaubenden Ausblicken bis hin zum türkisblauen Pazifik belohnt. Das Naturerlebnis hält sich dabei allerdings in Grenzen. Statt der Brüllaffen hört man das Gekreische der Touristen, die normalerweise im Blätterdach versteckten Tiere sind wegen des Lärms längst auf und davon.
Canopy ist ein umstrittenes Vergnügen. Zwei Kanadier, Darren Hreniuk und Rick Graham, brachten die Idee Anfang der neunziger Jahre nach Costa Rica. Ihre Geschäftsphilosophie: ein exotisches Urlaubserlebnis bieten und gleichzeitig das Umweltbewusstsein der Gäste schärfen. Inzwischen gibt es an die hundert dieser Anlagen in dem kleinen Land von der Größe Niedersachsens. Umweltschützern ist dies längst zu viel. Sie befürchten, dass das Gejohle der Touristen Affen, Vögel oder den scheuen Jaguar aus ihrem Lebensraum verscheucht.
Für Esmeralda Espinoza H., Managerin der Buena Vista Lodge, ist die Verbindung von Kommerz und ökologischem Anspruch indes kein Gegensatz. Neben dem Canopy-Parcours bietet die Lodge eine 400 Meter lange Wasserrutschbahn durch den Dschungel. Diejenigen aber, die es ruhiger mögen, kommen auch auf ihre Kosten. Sie können auf Stegen zwischen den Baumwipfeln wandeln und ganz entspannt dösende Faultiere, grellbunte Quetzal-Vögel oder quirlige Kapuzineräffchen beobachten. Pferde tragen die Urlauber zu den tief im Wald versteckten heißen Quellen, und wen es interessiert, dem erklärt der eigens angestellte junge Biologe Moscow Moscoso Vidal mit großem Eifer seine selbst gebaute Biogasanlage und andere ökologische Finessen.
Buena Vista ist nur einer der zahlreichen Anbieter in Costa Rica, die auf sanften Tourismus setzen. Ein unvergessenes Naturerlebnis bieten auch die Bootstouren im Nationalpark Palo Verde nahe dem Örtchen Berbedero. Im gleichnamigen Fluss wimmelt es von Krokodilen. Affen, Reiher, Eisvögel, Löffler und Leguane bevölkern Büsche und Bäume an den Ufern. „Passt auf, die Brüllaffen sind neugierig, aber auch gemein“, ruft unser Führer Ronny Jimenez Mora. „Die werfen manchmal mit ihrem eigenen ,poo‘!“ Ronny ist nicht nur ein Meister im Aufspüren der scheuen Flussbewohner, er kennt auch zu jedem Tier eine Geschichte – darunter auch recht schaurige. Etwa die von dem 14-jährigen Sohn eines der Bootsführer, der unbedingt auf die andere Seite des Flusses schwimmen wollte und von einem der bis zu fünf Meter langen Krokodile angefallen und getötet wurde.
Die Ticos, wie sich die Costa Ricaner nennen, haben sich dem nachhaltigen Tourismus verschrieben. Wer all-inclusive will, hat keine große Auswahl. Riesenhotels gibt es nur wenige, bevorzugt entlang der Pazifikküste. Und auch die Gäste dieser Resorts kombinieren Badeurlaub meist mit einer Rundreise durch die zahlreichen Nationalparks. Nur der Park in der Nähe des Turrialba ist derzeit geschlossen – der Vulkan ist wieder aktiv.
Gerade noch rechtzeitig hat das an Kulturdenkmälern arme Costa Rica den Wert seiner Naturschätze erkannt. Paradiesische Strände, romantische Wasserfälle, grummelnde Vulkane und dampfende Nebelwälder – das alles vereint die „Schweiz Mittelamerikas“ auf kleinstem Raum. Fünf Prozent aller Tier- und Pflanzenarten der Erde sind hier zu finden. Schon in den sechziger Jahren hat der Staat zahlreiche Nationalparks geschaffen, inzwischen ist etwa ein Drittel der Landesfläche geschützt.
Gleichzeitig aber schritt in diesen Jahren die Abholzung rapide voran. Forst- und Lebensmittelkonzerne sowie landlose Kleinbauern rodeten große Flächen – sie zerstörten in dieser Zeit gut 100.000 Hektar Urwald im Jahr. „Die Bauern träumten von großen Rinderherden und dicken Autos“, erzählt Ronny. Doch kaum ein Neusiedler sei wirklich reich geworden.
Es waren wohl die Ökopioniere aus Kanada und den USA, die eine Alternative vorlebten. Mit einfachen Unterkünften im Regenwald, in denen die Gäste Natur hautnah erleben können, zeigten sie, dass sanfter Tourismus durchaus entwicklungsfähig ist. Das Modell fand Nachahmer, heute finden sich im ganzen Land Ökolodges – von einfachen Hütten bis zu luxuriösen Dschungelresorts ist alles zu finden. Die Hotels wetteifern geradezu um ihre Umweltfreundlichkeit. Sie setzen schonende Waschmittel ein, reinigen Abwässer, trennen den Müll. Manche bauen eigene Kläranlagen oder nutzen Solarzellen zur Stromerzeugung. Eine halbstaatliche Organisation bewertet die Resultate und verteilt bis zu fünf Ökoblätter als Auszeichnung.
Auch die Regierung selbst hat sich in Sachen Umweltschutz ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Bis 2021 will Costa Rica CO2-neutral sein. Strom aus Erdwärme, Wind- und Sonnenenergie soll dazu ebenso beitragen wie der geplante Wiederaufbau einer Bahnlinie in die verkehrsgeplagte Landeshauptstadt San José. „Es geht uns nicht nur um Naturschutz“, sagt Rafael Quesada Alvorado von der Tourismusbehörde ICT. „Wichtig ist, dass Arbeitsplätze für Einheimische geschaffen werden und auch die Kommunen vom Tourismus profitieren.“
Margit Kautenburger
Weitere Informationen:
www.visitcostarica.com
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