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Jordanien

Im Reich der Weihrauchhändler


Jordanien lockt mit uralten Schätzen – doch bleiben viele Besucher dem Land in der politischen Unruheregion fern.
Märchenhafte Kulisse: Jordaniens Felsenstadt Petra lässt sich nur zu Fuß entdecken.

Märchenhafte Kulisse: Jordaniens Felsenstadt Petra lässt sich nur zu Fuß entdecken.

© Stosch

Amman. Zumindest auf der schnurgeraden Wüstenpiste ist ordentlich was los: Voll beladene Lastwagen rollen Richtung Irak. Die Grenze ist nur rund 200 Kilometer entfernt, und die noch im Irak verbliebenen US-Militärs brauchen Nachschub. Da bietet sich der Landweg über die jordanische Hauptstadt Amman als Versorgungsroute an.

Beinahe leer ist dagegen der weite Parkplatz vor dem Wüstenschloss Qasr Amra, eine knappe Fahrstunde östlich von Amman. Verloren steht ein Bus auf dem Asphalt am Rande der Fernstraße. Ein gähnender Touristenpolizist sitzt vor dem Besuchercenter, das über die Einzigartigkeit dieses Schlosses informiert.

Das Schloss, das eher ein Schlösschen ist, sieht schon von außen ungewöhnlich aus: Von einem tonnenartigen Dach wird es überwölbt – an Neuschwanstein ist gar nicht zu denken. Innen hat der diensthabende Wächter seinen Posten an diesem Nachmittag bereits geräumt. So fotografieren die wenigen Besucher nach Herzenslust mit und ohne Blitz die erstaunlichen Fresken im winzigen Audienzsaal inklusive der Thronnische. Halb nackte, üppige Frauen sind an den Wänden des Schlösschens verewigt – und das im bilderfeindlichen Islam.

Vermutlich galten solche Vorschriften zu Beginn des 8. Jahrhunderts, also in der frühislamischen Epoche, noch nicht – schon gar nicht in diesem verschwiegenen Jagd-, Bade- und wohl auch Lustschlösschen. Qasr Amra – von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt – verfügte sogar über ein Dampfbad. Das Wasser kam aus dem angeschlossenen Brunnenhäuschen. Gemütlich muss der Aufenthalt gewesen sein, wenn draußen die kühle Wüstennacht hereinbrach.

Dass der Besucher dieses Kleinod beinahe für sich allein hat, ist den politischen Umbrüchen im Nahen Osten geschuldet. Die syrische Hauptstadt Damaskus liegt nur zweieinhalb Autostunden nördlich von Amman. Jordanien erscheint gegen den Unterdrückerstaat zwar wie ein Hort der Stabilität, aber auch hier fordern die Bewohner zunehmend ihre Rechte ein. König Abdullah II. ist an wirtschaftlichen Reformen interessiert, nicht unbedingt an politischen.

In der staubigen Zwei-Millionen-Metropole Amman spürt der Besucher von den Bedrängnissen der Jordanier wenig. Er fühlt sich auch keineswegs gefährdet. Trotzdem verzichtet mancher Reiseleiter momentan darauf, Touristen durch die quirligen Marktstraßen rund um die Hussein-Moschee spazieren zu lassen. Inmitten von Menschenmassen könne man nie wissen, heißt es. Und die Polizei lässt schon mal die eine oder andere Route für Touristen sperren, wenn Proteste angekündigt sind. Manchmal sind irgendwo aber auch nur zwei Beduinenstämme in Clinch geraten – drei Viertel von Jordanien ist von Wüste bedeckt, da wird das Futter für die Tiere schnell knapp.

So registrieren Besucher vor allem, dass sie sich ziemlich allein auf weiter Flur in dem an Kulturschätzen so reichen Land bewegen – egal ob in der wieder ausgegrabenen Römerstadt Jerash im Norden oder in der bizarren Sandwüste Wadi Rum im Süden, wo schon Lawrence von Arabien sein Quartier aufgeschlagen hatte. Sogar auf dem Zitadellenhügel von Amman mit seinen jahrtausendealten Tempel- und Palastruinen bleibt die Zahl der Besucher überschaubar. An diesem Ort hoch über der Stadt befindet sich die Keimzelle des heutigen Amman, das erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts explosionsartig zur Metropole heranwuchs. Von hier hat man einen guten Blick auch auf die Siedlungen der im Laufe der Jahrzehnte nach Jordanien geflüchteten Palästinenser, die mehr als die Hälfte von Jordaniens Bevölkerung ausmachen.

Für Jordanien ist das Fernbleiben der Touristen eine Katastrophe. Etwa ein Fünftel der Einnahmen, so wird geschätzt, kam zuletzt von den Besuchern. Da aber viele Rundreisen bislang syrische und jordanische Ziele gleichzeitig ansteuerten, muss Jordaniens Fremdenverkehr nun mitbüßen für die Geschehnisse im Nachbarland.

Auch in den modernen Hotelpalästen am Toten Meer stehen viele Zimmer leer. Nur ein paar versprengte Badegäste lassen sich im salzhaltigen Wasser treiben. Man liegt gemütlich auf dem Rücken und hält Ausschau nach den Türmen der Heiligen Stadt Jerusalem am anderen Ufer. Doch auch auf dieser Seite wandelt man auf Schritt und Tritt auf biblischem Terrain – oder hört Erzählungen von historisch bedeutsamem Personal: König Herodes etwa schwamm wegen seines Rheumas gern im heilkräftigen Salzwasser.

Wer sich auf gut ausgebauten Straßen aufmacht zur Felsenstadt Petra rund 250 Kilometer weiter südlich, passiert den Berg Nebo, von dessen Kuppe aus Gott Moses das Heilige Land gezeigt haben soll. Atemberaubend ist die Kulisse jedenfalls: Unten im Dunst erstreckt sich das Jordantal. An dem sich dahinschlängelnden Fluss verläuft die Grenze zwischen Israel und Jordanien.

Petra ist Höhepunkt einer jeden Jordanien-Reise. Hinter einer schmalen Schlucht versteckt sich das Weltwunder aus Sandstein. Aus dem rötlichen Fels ließen die Nabatäer ihre Königsstadt herausschlagen. Wenige Jahrhunderte vor Christus schwang sich das Nomadenvolk zum Herrscher des Weihrauchhandels zwischen Damaskus und dem Sinai auf. Allein Rom orderte damals pro Jahr 15.000 Kamelladungen des wohlriechenden Harzes.

Ehrfürchtig wandert der Besucher zwischen Grabkammern und Tempeln. Kein Wunder, dass sich auch der Hollywood-Archäologe Indiana Jones in dieser märchenhaften Kulisse heimisch fühlte: Vor dem hoch aufragenden „Schatzhaus des Pharaos“ schwang Harrison Ford im Kino seine Peitsche. So reich waren die Nabatäer, dass sie sich großzügige Gärten und eine Badelandschaft leisteten. Wassermanagement war überlebenswichtig, und davon verstanden die Nabatäer viel: Überall sind Überreste von Zisternen und Leitungen zu finden.

Autos sind aus Petra verbannt. Nur zu Fuß lässt sich das Reich der Nabatäer entdecken – oder auf dem Rücken von Pferden und Kamelen. Der Besucher muss bei seinen Wanderungen aufpassen: Esel überholen ihn noch auf den steilsten Bergpfaden. Die Zahl der bereitgehaltenen Reittiere lässt erahnen, welche Menschenmassen hier in vergangenen Jahren unterwegs waren. In den derzeitigen Umbruchzeiten sind die touristischen Pilgerströme jedoch zusammengeschmolzen. Auf Dauer dürfte das aber kaum so bleiben.

www.visitjordan.com

Stefan Stosch

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