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Im Varanasi führt der Weg direkt ins Nirwana

Indien Im Varanasi führt der Weg direkt ins Nirwana

Für Hindus ist die heilige Stadt am Ganges der Ausweg aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt.

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Heiliges Varanasi: Die Stadt ist nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern zugleich die geistige Hauptstadt traditioneller hinduistischer Kultur.

Quelle: dpa

Varanasi. Es herrscht Chaos. Durch die schmalen Gassen zwängen sich Bettler, Einkäufer und Pilgergruppen in bunten Gewändern in Richtung Flussufer. In den kleinen Geschäften werden Tücher, Schmuck und Elektrokleingeräte angeboten, es riecht nach Gewürzen, nach Verbranntem und nach Abgasen. Pilger mit langen Bärten und orangefarbenen Gewändern predigen auf dem Gehsteig wild gestikulierend auf die Passanten herab. Auf der staubigen Straße zwischen den Ladenzeilen umkurven unzählige Rikschas, Mopeds und Kleinbusse wild hupend die Kühe, die sich bräsig durch die Massen schieben, als gehöre die Straße ihnen.

Die Altstadt von Varanasi ist ein Ereignis

Die Stadt ist dreckig, laut, fremd. Nicht nur der Verkehr folgt einer Logik, die man als Besucher nur schwerlich durchschaut – und manchmal auch einschüchtert. Und doch ist die heilige Stadt am Ganges ein faszinierender Ort. In Varanasi lebt das mystische, alte Indien, das in den großen Städten vielerorts nur noch als Touristenschau zu sehen ist. In der Wirtschaftsmetropole Mumbai sorgen die Finanzbranche und Bollywood-Industrie längst für eine ganz eigene, vom Geld getriebene Plastikkultur. Und in der Hauptstadt Neu-Delhi sind viele enge Gassen lange durch große, saubere Boulevards und breite Straßen ersetzt worden. Eine Art „Abschlepp-Dienst“ hält entgegen der Tradition frei laufende Kühe von den Straßen fern – seien sie auch noch so heilig.

So etwas wäre in Varanasi nicht möglich

Die Drei-Millionen-Metropole ist die älteste noch bewohnte Stadt Indiens und die geistige Hauptstadt der hinduistischen Kultur. Die Stadt selbst gehört zu dem heiligsten, was es in Indien gibt – eine Art Jerusalem des Subkontinents. Seit dem 6. Jahrhundert vor Christus steht sie im Mittelpunkt der hinduistischen Glaubenswelt. Der indische Gott Schiwa, seit den sechziger Jahren Lieblingsgott der Hippies, soll sie gegründet haben. Auch für Buddhisten ist Varanasi wichtig. Buddha hielt dort die erste Rede, nachdem er die Erleuchtung gefunden hatte. Viele buddhistische Besucher und ein alter Tempel am Rande der Stadt erinnern daran.

Zentrum des hinduistischen Glaubens ist das Flussufer. Kilometerweit bilden mehr als 100 steinernde Treppen, sogenannte Ghats, einen fließenden Übergang zwischen Stadt und dem Ganges. Jeden Morgen zu Sonnenaufgang drängen sich Tausende Hindus an den Treppen, um ein Bad im heiligen Fluss zu nehmen. Aus den Häusern erklingen hier und dort mantraartige vedische Gesänge. Sie kommen aus den Brahmanenschulen, in denen der 6000 Jahre alte Gesang den jungen Priesterschülern noch vor der weltlichen Schule gelehrt wird.

Vor den Türen am Fluss verkaufen Händler Plastikflaschen, damit die Pilger sich noch einen Liter des heiligen Flusswassers mit nach Hause nehmen können. Das Wasser erlöst von den Sünden – auch wenn das mit Schwermetallen belastete Flusswasser das erlangte Karma mit gesundheitlichen Schäden wettzumachen droht.

Solche Gedanken sind jedoch allzu weltlich für diese mystische Stadt. „Der Ganges heißt bei uns Mutter, er ist heilig und steht im Zentrum unseres Glaubens“, sagt Fremdenführerin Bina, die in Varanasi aufgewachsen ist.

Die Scheiterhaufen brennen Tag und Nacht

Viele Schwerkranke und Alte machen sich jeden Tag aus dem ganzen Land auf nach Varanasi – um dort zu sterben. Der Grund ist auch für Nicht-Hindus nachvollziehbar. Varanasi ist für die Hindus gewissermaßen eine Abkürzung ins Nirwana. Diejenigen, die in der heiligen Stadt sterben und deren Überreste in den Ganges gestreut werden, gelangen direkt ins Nirwana und ersparen sich den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Die Scheiterhaufen direkt in der Stadt am Fluss brennen Tag und Nacht.

Auch abseits des Flusses hat Varanasi einiges an Tradition bewahrt. Hinter einer der Türen am Rande der Altstadt sitzt Mortilal Ragendre im morgendlichen Zwielicht. Er hat eine dicke Brille auf der Nase. Seine Augen hat der 56-Jährige sehr beansprucht, sie sind sein Arbeitsmittel. Er ist Weber. Und zwar einer der letzten seiner Art. Er stellt jene Sarees genannten, prachtvollen Stoffe her, für die Indien in aller Welt berühmt ist. Und zwar in Handarbeit und aus dem Gedächtnis.

Seit er sechs Jahre alt ist, webt er das jahrhundertealte Muster seiner Familie, Zentimeter für Zentimeter, auf vier Meter lange Stoffbahnen. Es sind kostbare Stücke, die für Hochzeiten und als Wandteppich gekauft werden. Bis zu 50 verschiedenfarbige Seidenfäden webt er mit einem Webstuhl ineinander. „Ich würde gern einmal ein anderes Muster machen“, sagt der Mann. „Aber wir Weber können jeweils nur ein Muster, es hat Jahre gedauert, die Abfolge der Fäden zu lernen.“

Ragendres Beruf gehört zu einem aussterbenden Handwerk. Die meisten der Tücher werden heutzutage maschinell oder in Kooperativen mit Lochkarten gewebt. Nur noch eine Handvoll Familien in Varanasi weben per Hand, Faden für Faden. Aus dem Kopf. „Das gibt es nur noch in Varanasi“, sagt sein Bruder Haridas Bagwandas, der Ragendre beim Weben hilft. Das trifft auf vieles zu, was man in dieser Stadt sehen kann.

Dirk Schmaler

Weiter Informationen
www.india-tourism.de

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