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Arizona

Im selbst gewählten Nostalgie-Exil


Arizona feiert seinen 100. Geburtstag als US-Bundesstaat – dem Cowboystädtchen Prescott sieht man sein Alter glücklicherweise an.
Willkommen in Prescott: In der Cowboystadt wissen die Bewohner das Selbstvertrauen und die Zuversicht alter Tage zu konservieren.

Willkommen in Prescott: In der Cowboystadt wissen die Bewohner das Selbstvertrauen und die Zuversicht alter Tage zu konservieren.

© visit-prescott.com

Prescott. Ms. Dillahunty ist eine sehr höfliche ältere Dame, deshalb lächelt sie ihre Verwunderung über die sonderbare Frage milde beiseite. Wie es denn komme, wollte man wissen, dass Ms. Dillahunty ausgerechnet dieses Städtchen namens Prescott ihr „Home“ nennt, wo sie doch eben noch erzählt hat, wie sie weit oben im kalten Maine aufgewachsen ist und später dann Jahrzehnte in Kalifornien verbracht hat. Prescott, die Cowboystadt im Herzen Arizonas, ist die Heimat eines jeden Amerikaners, sagt Ms. Dillahunty und lächelt.

Man muss in diesen Tagen lange suchen, will man einen Flecken finden in den USA, der noch den Geist von vor 100 Jahren atmet, als dieses große Land sich anschickte, dem anbrechenden Jahrhundert seinen Sternen-und-Streifen-Stempel aufzudrücken. Aus Prescott aber scheint er nie gewichen zu sein. Hier wissen sie, das Selbstvertrauen und die Zuversicht jener Tage zu konservieren. Washington und seine Sorgen sind weit hinterm Horizont. Da draußen, jenseits der kargen Berge, mag die Zeit in Datenströmen verrinnen, in der Westernstadt Prescott steht sie still wie eine matt glänzende Taschenuhr, der jemand das Federwerk entnommen hat.

Kaum einer reitet mehr durch die Stadt

Gut, heute macht keiner mehr sein Pferd an einem Pflock fest, wenn er in der Whiskey Row, der Hauptstraße des Städtchens, etwas zu erledigen hat. Aber die stolze Art, in der die Männer mit Stetson-Hut und Cowboystiefeln aus ihren Pick-ups steigen, ist ebenfalls filmreif. Und ja, nicht eben wenige tragen die Waffe am Gürtel. In Arizona ist das erlaubt. Ebenso wie das Telefonieren während des Autofahrens und das Erschießen eines Diebes, der sich gerade daranmacht, das eigene Pferd zu klauen. Aber wie gesagt, kaum einer reitet mehr durch Prescott.

Natürlich ist die Zeit in dem 40.000-Einwohner-Ort nicht einfach so von selbst stehen geblieben. Menschen wie Maxine Dillahunty investieren eine ganze Menge Kraft und Geld in den idyllischen Stillstand. Mit Erfolg. Im kommenden Jahr feiert Arizona seinen 100. Geburtstag als US-Bundesstaat. Und im Falle Prescotts lässt sich sagen: Man sieht der einstigen Hauptstadt Arizonas ihr Alter glücklicherweise an. Die flachen, erdfarbenen Ladenzeilen und die Villen im viktorianischen Stil sind im Originalzustand erhalten oder wurden rekonstruiert.

So wie das Elks Opera House, das nach langer Bauphase im vergangenen Jahr wiedereröffnet worden ist – genau so, wie es im Jahr 1905 zum ersten Mal seine Pforte öffnete. Mit den rot samtenen Sitzreihen, den gold-grünen Balkonen und dem üppigen Stuck an der Decke. „Die Sound- und Lichtanlage ist heute natürlich um Längen besser als damals“, sagt Ms. Dillahunty, die in historischem Gewand, mit Hut und Turnüre, durchs Haus führt. Sie ist Vorsitzende vom Freundeskreis des Elks Opera House, das zwar die Oper im Namen führt, nicht aber im Programm. „Wir haben es hier nicht so mit Oper und klassischem Theater“, sagt Ms. Dillahunty. „Aber wann immer ein Elvis-Presley-Abend auf dem Programm steht, ist das Haus rappelvoll.“

Sie und ihr Mann sind vor einigen Jahren nach Prescott gezogen, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. „An einem Ort“, sagt Ms. Dillahunty, „der dem Amerika aus meinen Kindheitserinnerungen gleicht.“ Ein selbst gewähltes Nostalgie-Exil. Mag sein, dass der Alltag damals überschaubarer gewesen ist, nicht so verdrahtet und vernetzt wie heute. Es ging allerdings auch recht ruppig zu, wie ein Besuch im „The Palace“ lehrt, dem ältesten Saloon Arizonas. Dessen Flügeltür stießen schon in den 1870ern Revolverhelden wie Doc Holliday und Wyatt Earp auf, in den 1970ern gab Filmlegende Steve McQueen im rustikalen Wirtshaus den wehmütigen Rodeoreiter Junior Bonner. Ein historischer Ort sei das, sagt der Mann an der Bar und erzählt sogleich die Geschichte vom Brand.

Massive Theke, starke Kerle

Es war am 14. Juli 1900, als die ganze Whiskey Row Feuer fing – auch der Saloon, in dem die Männer von den Silberminen rings um Prescott gerade zu Abend tranken. Sie wussten, was zu tun war. Die Männer verteilten sich um die Theke, stemmten sie aus dem Boden und trugen sie samt Gläsern hinaus. Auf der anderen Straßenseite stellten sie sie ab und tranken im Widerschein des Feuers weiter, bis der Morgen graute. Die Theke blieb erhalten und steht nun wieder im Palace. Sie ist sehr lang und sehr massiv. Die Kerle müssen sehr stark gewesen sein.

Wer im tiefen Schein der Abendsonne das Palace verlässt und auf die Whiskey Row hinaustritt, verfällt leicht dem Gedanken, die langen Schatten der Herannahenden rechts und links seien die Vorboten eines Cowboyduells. Aber kein Cowboy kommt des Weges, sondern Chris auf seinem elektrischen Rollstuhl. Chris hat in Chicago und im Norden Kaliforniens als Computerfachmann gearbeitet. Irgendwann befand er, dass er genug verdient hat, und nun kurvt er zufrieden durch die Straßen von Prescott.

„Was willst du im Leben?“, fragt Chris und liefert zum Glück die Antwort gleich mit. „Everybody wants best“ - jeder will das Beste, deswegen hat sich Chris gleich mal ein paar Tausend Internetdomains gesichert, in denen die Wörter „wants“ und „best“ drin vorkommen. Wenn ihn jemand nett fragt, verschenkt er davon vielleicht eine. Und weil er das Beste wolle, sagt er, sei er nach Prescott gezogen. „Das ist hier ein bisschen so wie Disneyland“, flüstert Chris, so, als verrate er ein Geheimnis. „Nur in echt.“

Marina Kormbaki

Weitere Informationen
www.arizonaguide.com

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