Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Kalabrien: Ein Paradies mit Ecken und Kanten

Süditalien Kalabrien: Ein Paradies mit Ecken und Kanten

Die italienische Region Kalabrien ist landschaftlich wie kulturell ein echtes Schatzkistchen. Und trotzdem wird der südliche Zipfel Italiens nur von wenigen Urlaubern besucht. Ein Ausflug in einen Landstrich voller Schönheit, Armut, Freundlichkeit und Gewalt.

Tropea 38.676994 15.897223
Google Map of 38.676994,15.897223
Tropea Mehr Infos
Nächster Artikel
Älteste Schülerin der Volkshochschule ist 95 Jahre alt

Bisher touristisch noch wenig erschlossen: Kalabrien, die südlichste Spitze des Stiefels. Wer einmal das türkisblaue Meer und den Sonnenuntergang an der Costa degli Dei erlebt hat, möchte gar nicht wieder weg.

Quelle: dpa (Symbolfoto)

Tropea. Pietro Fortunato hat die Ärmel seines ölverschmierten Hemds hochgekrempelt, seinen rechten Fuß hat er auf der niedrigen Reling des Bootes abgestellt. Am Bug ragt ein etwa 20 Meter langer, schmaler Ausleger aufs Meer hinaus, hier steht der Mann mit der Harpune. Langsam zieht Fortunato an seiner Zigarette. Die Augen durch ein verschmutztes Cap und eine schwarze Oakley-Brille vor der Sonne geschützt, hält er Ausschau nach einem Fang. Pietro Fortunato ist Schwertfischjäger in der Meeresenge von Messina.

Es ist die Meeresenge, die Sizilien vom italienischen Festland, genauer: von der Region Kalabrien, trennt. Kalabrien, das ist die südlichste Spitze des Stiefels, und die ist touristisch noch wenig erschlossen. Dabei, oder vielleicht gerade deshalb, ist das Urlaubsparadies hier leicht zu finden: Wer einmal das türkisblaue Meer, den Blick auf die Stromboli-Vulkaninsel und den Sonnenuntergang an der Costa degli Dei, der „Küste der Götter“, erlebt hat, möchte gar nicht wieder weg.

Bezaubernde Orte wie Tropea oder Pizzo liegen an der Costa degli Dei, mit verwunschenen Gassen und heimeligen Plätzen. Verfallene Palasthäuser zeugen vom früheren Reichtum Süditaliens. Einen besonderen Charme haben die von alten Fassaden gesäumten Plätze. Eine romantische und unbezahlbare Kulisse für die Gäste der Restaurants, die unversehens auf gedankliche Zeitreise geschickt werden. Auf Zeitreise zu griechischen Helden, denen die Costa degli Dei ihren Namen verdankt, ins Römische Reich, zu den Byzantinern, zu den Normannen und Staufern, zu den Spaniern. Zeugnisse dieser Kulturen sind hier zu finden.

Das Capo Vaticano lädt zum Schnorcheln ein

Eines der schönsten Küstengebiete Italiens ist die Landschaft um das Capo Vaticano. So wundervoll ist dieses Kap, dass das Idyll längst zum Spekulationsobjekt geworden ist: „Ein Investor möchte hier 40.000 Quadratmeter Steilfelsen kaufen“, erzählt Vittorio Miceli, der seit den siebziger Jahren für den Erhalt der Natur kämpft. Mit Erfolg, noch. Zum Capo Vaticano lohnt auch ein Abstecher mit dem Boot, zum Schnorcheln vor einer der von Felsen gesäumten Buchten.

Sehenswert ist Pizzo, wo die Gassen und die Plätze abends voller Menschen sind. Restaurants, Cafés, Schuhgeschäfte, Pizzerien und Friseurgeschäfte säumen die Piazza della Repubblica. Zwei ältere Damen unterhalten sich, Kinder kreischen, Roller sausen vorbei, der halbe Ort scheint hier abends versammelt. Wer es ruhiger mag, besucht die am Strand gelegene Grottenkirche „Chiesetta di Piedigrotta“. Ein Schauspiel, wenn die Abendsonne die in Tuffstein geschlagenen Heiligen zum Leuchten bringt.

Die Spitze des Stiefels ist sicherlich an der Costa degli Dei am schönsten, aber auch das Landesinnere begeistert: Bis auf 700 Meter geht es steil hinauf. Oben wächst roter Mohn, Bauern ernten Getreide und Tomaten. Agustino Staropoli ist hier Bauer, er produziert Pecorino- und Ricottakäse. 250 Schafe hat er an diesem Morgen gemolken. Seine Frau Pina rührt die im großen Topf erhitzte Milch. Agustino melkt per Hand. Das ist nicht rückständig, sondern eine bewusste Entscheidung: „Dann sehe ich, ob die Schafe etwas am Euter haben, ob sie krank sind. Eine Maschine sieht das nicht.“

Wirtschaftliche Armut und die Mafia prägen die Bewohner

Gern zeigen die Staropolis Besuchern ihre Käseproduktion, und sie sind da keine Ausnahme: Die Menschen in Kalabrien freuen sich über Touristen, sie brauchen sie auch. Wichtigste Arbeitgeber sind der Überseehafen und ein Thunfischproduzent - zusammen nicht einmal 500 Arbeitsplätze. Wirtschaftliche Armut, das ist in Süditalien ein großes Thema und, natürlich, die Mafia. Viele sind in Anti-Mafia-Bewegungen engagiert, für die Menschen ist die hier beheimatete ’Ndrangheta, die als mächtigste kriminelle Organisation Europas gilt, Realität. Schon wenn man einen Arzttermin braucht, hilft es, einen „Freund“ zu haben. Wie es hier Unternehmern ergeht, die versuchen Geschäfte zu tätigen, kann sich da jeder ausmalen.

Fragt man die Einheimischen nach der für sie allgegenwärtigen Gefahr, hat es zunächst den Anschein, als wollten sie am liebsten gar nichts sagen zur Mafia. Doch dann sprudelt es nur so heraus: „Alle drei bis vier Monate passiert etwas, geht eine Bombe in einer Pizzeria hoch, wird ein Barkeeper am helllichten Tag erschossen“, sagt eine Frau und fügt mit Resignation in der Stimme an: „Und keiner weiß warum.“ Und fast immer wird es auch nie jemand erfahren. Touristen sind nicht das Ziel der ’Ndrangheta-Attacken. Die Mafia würde damit nur ungewollte Aufmerksamkeit auf ihre Organisation lenken. Und darum wissen ihre Mitglieder.

Die Jugend in Kalabrien ist voller Optimismus

Auch Klimawandel und Finanzkrise beschäftigen die Menschen in Kalabrien, mit einer Mischung aus Verärgerung und Gelassenheit: Die Wassertemperatur ist in den vergangenen Jahren um etwa ein Grad gestiegen, die Fischer müssen sich auf veränderte Fangbedingungen einstellen. Und seit der Weltwirtschaftskrise geben die Urlauber weniger Geld aus, die Läden und Restaurants sind nicht mehr so gut gefüllt. Auf der anderen Seite würden Ausländer Immobilien und Grundstücke kaufen, die sie vorher nur auf Fotos im Internet gesehen haben, berichtet eine Einheimische. „Wir wissen nicht, auf welche Art sie an das Geld kommen. Wir wollen es auch nicht wissen“, sagt sie. Die Jugend in Kalabrien ist voller Optimismus, einzig die Möglichkeiten fehlen. Wer die Geschichten über die ’Ndrangheta hört, dem fällt es schwer, diesen Optimismus zu teilen. Kann der Tourismus helfen, diese Strukturen aufzubrechen und den Jugendlichen eine Perspektive zu geben? Und die ’Ndrangheta? Die hat schon zwei Weltkriege überlebt und ist, glaubt man Experten, heute mächtiger denn je.

Kalabrien, das ist ein Landstrich der Gegensätze: Gastfreundschaft und Mafia, kultureller und landschaftlicher Reichtum, aber wirtschaftliche Armut. Die Region möchte sich dem Tourismus öffnen, mit aller Schönheit, die sie zu bieten hat, und mit aller Warmherzigkeit, die die Menschen aufbringen können. Wie der wortkarge Schwertfischjäger Pietro Fortunato, der in seiner Minibordküche Espresso für alle kocht. Touristen dürfen bei ihm mitfahren und ihn bei seiner Arbeit beobachten. Es ist der beste Espresso, den man sich vorstellen kann. Vielleicht liegt das aber auch am blauen Himmel, der sich im Meer spiegelt, an der felsigen Küste und der stetig rauchenden Vulkaninsel Stromboli am Horizont. An der Küste der Götter erfreut sich der Mensch an einfachen Dingen.

Anreise: Verbindungen nach Lamezia Terme gibt es täglich mit Alitalia. Auch Ryanair und Germanwings fliegen zweimal pro Woche das Ziel an.

Beste Reisezeit : Kalabrien eignet sich das ganze Jahr über als Reiseziel. Für einen Badeurlaub ist der Zeitraum Mai bis Oktober zu empfehlen.

ENIT Italienische Zentrale für Tourismus, www.enit-italia.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Reisen
Von Redakteur Gunnar Gerold

Leseraktion: Zimmer mit Aussicht

Teilen Sie den schönsten Ausblick aus ihrem Urlaubsdomizil mit anderen Lesern: Die besten Einsendungen veröffentlichen wir in dieser Bildergalerie.