Røldal. Der Weg ins Skigebiet führt vorbei an Fjorden, steil aufragenden Bergen, schroffen Schluchten, Gletschern und Wasserfällen – kurz: allen landschaftlichen Attraktionen, die Norwegen zu einem atemberaubend schönen Land machen. Doch der 135 Kilometer lange Weg über die E 134 von der Hafenstadt Haugesund ins Skizentrum von Røldal windet sich über schmale Straßen und schwindelerregende Serpentinen, sodass man als Autofahrer gut beraten ist, sich von der schönen Landschaft nicht allzu sehr ablenken zu lassen.
Dafür ist das Skifahren umso entspannender. Kein Baum und Strauch behindert die Abfahrt in Røldal – jenem Skigebiet am Hardangerfjord, das angeblich das schneesicherste Europas ist und von Dezember bis Mai mit Schneehöhen von bis zu fünf Metern aufwartet. Die breiten Hänge bieten Skifahrern und Snowboardern viel Platz. Von Massentourismus kann hier noch keine Rede sein, von Gedränge schon gar nicht – in den norwegischen Bergen geht es sehr viel beschaulicher zu als in den Alpen.
Auch, weil das Skigebiet relativ übersichtlich ist. Ein Sessellift befördert die Skifahrer von der 800 Meter hoch gelegenen Talstation auf den in 1284 Metern Höhe gelegenen Gipfel – unterstützt von drei Schlepp- und zwei T-Liften. Verglichen mit den riesigen alpinen Skigebieten ist Røldal eher ein Winterzwerg, doch Anfänger und Fortgeschrittene kommen hier gleichermaßen auf ihre Kosten. Denn die zwölf Pisten bieten unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Ein besonderes Erlebnis ist es, abseits der gewalzten Pisten durch den Tiefschnee in den Ort hinabzuwedeln. Die Abfahrt wird sehr viel länger, und sie ist auch von fahrtechnisch unbedarften Flachlandbewohnern zu bewältigen.
Ob Tiefschnee oder Piste...
...die Aussicht, die sich den Skifahrern bietet, ist grandios. Noch sehr viel landschaftsbezogener ist die örtliche Langlauf- arena Korlevoll. Ein Loipennetz von 90 Kilometern Länge ist gespurt, die Strecken führen kreuz und quer durch die Hügellandschaft mit moderaten Steigungen und langen Abfahrten.
Wenn es allzu stürmisch ist oder zu sehr schneit, bietet sich auch die Möglichkeit zu einem Alternativprogramm abseits der weißen Pracht. Sehr empfehlenswert ist vor allem die Stabkirche in Røldal, die bereits im 13. Jahrhundert erbaut wurde und den Ort im Mittelalter zu einem Wallfahrtsort wie Lourdes machte. Kranke, Gebrechliche und Verzweifelte pilgern nach wie vor zu der Holzkirche, um göttliche Hilfe zu erbitten. Wundertätige Kraft soll von dem Kruzifix ausgehen, das ein Fischer einst an einem Fjord gefunden haben will. „Unser Jesus mit der goldenen Krone schwitzt“, sagt Pelle Gangeskar vom örtlichen Fremdenverkehrsbüro dazu. „Ein solches Wunder kann auch andere nach sich ziehen – man muss nur fest daran glauben.“
Wie oft sich der Glaube schon bewährt hat, bezeugen die vielen Dankesgaben, die geheilte Pilger der Kirche vermacht haben: Ketten und Kreuze in Gold und Silber, aber eben auch eine Vielzahl an Bein- oder Armprothesen, die die Gläubigen nach ihrer wunderbaren Heilung zurückließen. Und jedes Jahr wenn in Norwegen, Anfang Juli Mittsommernacht gefeiert wird, wird die Stabkirche immer noch zum Anlaufpunkt einer großen Wallfahrt.
Das ganze Jahr über indessen zieht es Touristen ins „Tal der Wasserfälle“, wo naturgegebene Wunder der Schöpfung locken. Auf einer Strecke von zehn Kilometern stürzt ein Wasserfall neben dem andern ins Tal. Mit einer Fallhöhe von 165 Metern ist der Latefossen der wildeste und schönste. Das Tal führt auf die Industriestadt Odda zu, die landschaftlich traumhaft von Bergen und Fjorden umschlossen ist, mit ihren rostigen Industrieanlagen und hässlichen Zweckbauten aber touristisch nicht besonders anziehend ist. Die grandiose Naturkulisse indessen ist von der Industrialisierung unberührt geblieben. Und wenn sich in Røldal auch im Mai noch der Schnee türmt, hat sich das benachbarte „Tal der Wasserfälle“ längst in eine liebliche Frühlingslandschaft verwandelt.
Heinrich Thies
HAZ.de Anmeldung
