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Insel Runde Norwegen natürlich

Die Bewohner der kleinen Insel Runde vor der Küste Norwegens legen viel Wert auf Naturschutz - und heiße Marmeladenwaffeln.

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Inselidyll in der Nordsee: Felsige, bewachsene Hänge und bunte Holzhäuschen verleihen Runde Charme.

Quelle: iStockphoto

Papageientaucher hat Knut Asle Goksøyr momentan nicht im Angebot. Am Tag zuvor hatte er noch einen gesichtet, aber der ist inzwischen wohl auf und davon. Damit ist der weit in den Atlantik vorgeschobenen norwegischen Insel Runde eine gefiederte Attraktion abhandengekommen – aber es gibt ja noch so viele andere.

„Wir haben hier rund 250 Vogelarten“, sagt Knut. Aus seiner Stimme ist leichte Verärgerung herauszuhören: Wieso so viele Inselgäste geradezu fixiert auf die Vögel mit den markanten roten Schnäbeln sind, versteht er nicht. Und die grandiose Natur gibt es auf Runde sowieso das ganze Jahr gratis. Die will Knut zeigen, und deshalb stiefelt er jetzt los, immer bergauf auf dem schmalen Pfad, seine Gäste im Schlepptau.

Offiziell ist der 59-Jährige der Campingplatzbetreiber in Norwegens 6,4 Quadratkilometer großem Vogelparadies, tatsächlich aber so etwas wie die gute Inselseele. Seit Generationen lebt seine Familie auf dem Eiland im norwegischen Meer, seine Vorfahren waren Seelotsen, die herannahende Schiffe durch das gefährliche Gewässer dirigierten.

Lotsen braucht es heute nicht mehr. Um so hingebungsvoller widmet sich Knut den Touristen, denen er zur Begrüßung auch schon mal Waffeln mit Marmelade – Lieblingsleckerei der Norweger – kredenzt. Bei der Gelegenheit klärt er sie über das richtige Verhalten in seinem Inselreich auf, das seit 1957 unter Naturschutz steht.

Bei jedem Schritt den grünen Hügel hinauf dringt der Geruch von Salz und Meer in die Nase. Hier und da grasen Schafe. Dazwischen hocken Skuas, riesige Raubmöwen, die auch mal auf Gäste niedersausen, wie Knut sagt. Er schreitet tüchtig voran. Aber es gibt ja einen guten Grund, Pausen einzulegen – den grandiosen Ausblick. Unten krallt sich eine Reihe bunter Holzhäuschen in den felsigen Grund. Über den Atlantik ziehen bizarre Wolkengebilde, die Sonne zeichnet glitzernde Kreise ins Wasser.

In der Ferne ist die nächstgrößere Stadt Ålesund zu entdecken, von der wir vor gut zwei Stunden mit dem Bus gestartet sind. Ålesunds Stadtzentrum bildet ein geschlossenes Jugendstil-Ensemble. Die Giebel und Türmchen, für die die Stadt in ganz Norwegen gerühmt wird, ist einem Feuer zu verdanken: 1904 brannte das aus Holz gebaute Ålesund ab und musste wieder aufgebaut werden.

Wollten Knuts Großeltern von Runde nach Ålesund reisen, stand ihnen eine beschwerliche Überfahrt mit dem Segelboot bevor. Dann begann der Siegeszug des Dieselmotors. 1967 kam die Autofähre – und 1982 die Brücke von der Nachbarinsel Remøy, die das Leben der Inselbewohner entscheidend veränderte. Es gibt viele ähnliche Brücken und Tunnel in den Fjord-Regionen Norwegens. Mächtig stolz sind die Norweger auf diese Bauwerke.

„Die Brücke war nötig“, sagt Knut, „aber sie kam zu spät.“ Der Exodus war nicht mehr aufzuhalten. 95 Menschen leben heute noch auf Runde, einst war es ein Mehrfaches davon. Fischer sind gar nicht mehr darunter, nur ein paar Seeleute.

Nach einer halben Stunde ist Knut am Ziel unseres Spaziergangs: an der Westseite der Insel, wo die Felsen senkrecht ins Wasser stürzen. Der Wind wirft einen hier in 300 Meter Höhe beinahe um, am Horizont droht eine dunkle Wand.

Aber wer lässt sich bei diesem Anblick vom Wetter stören: In den Felsen unterhalb drehen kreischende Basstölpel ihre Runden oder rasten auf steinernen Simsen. Ein Seeadler gleitet elegant übers Meer. Sogar jetzt, am Ende der Brutzeit, versteht man, wieso Runde als Norwegens wichtigste Vogelinsel südlich des Polarkreises gilt. Bis zu 700 000 gefiederte Gäste sind hier im Frühsommer versammelt, 300 000 davon Papageientaucher.

In den Jahren, in denen es die Natur gut mit ihnen meint, haben die gefiederten Gäste Nahrung im Überfluss: „Meterdick treibt der Fischrogen draußen in der See“, sagt Knut. Doch nicht immer ist das Brutgeschäft erfolgreich: Brennt die Sonne zu heiß, lassen Dreizehenmöwen, Trottellummen und Eissturmvögel den Nachwuchs im Stich.

Und dann ist die dunkle Wolkenwand da. Dicke Regentropfen prasseln auf die Besucher herunter. Höchste Zeit, den Rückweg anzutreten, dieses Mal am Nordufer entlang, denn eine Geschichte will Knut noch loswerden: 1972 wurde Runde zur Schatzinsel. „Es ging hier zu wie beim Goldrausch am Klondike“, sagt Knut. Taucher fanden in der Bucht Zigtausende von Gold- und Silbermünzen. Sie stammten von dem 1725 gesunkenen holländischen Ostindien-Segler „Akerendam“.

Ein paar Münzen hütet Knut auf seinem Campingplatz. Vorhin bei der Begrüßung hat er das Gold vorgezeigt. Wichtiger noch aber waren ihm die Waffeln: „Die müssen so heiß wie möglich gegessen werden, wenn sie schmecken sollen.“

Von Stefan Stosch

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