Lübben. Die Kälte kommt von unten. Sie kriecht in die Stiefel, ist zuerst an den Füßen zu spüren und erfasst dann den gesamten Körper. Nach drei Stunden auf dem Glower See ändert sich der Blick auf die Landschaft des Spreewaldes. Was zunächst so überaus idyllisch wirkte, erscheint nun starr, fast feindlich: das kalte Wasser, das die Finger beim Einholen der Netze steif werden lässt, die kahlen Bäume am Ufer und das Schilf, auf dem sich der Reif trotz des klaren Sonnenscheins hält.
An die Kälte, die dem Gast so zu schaffen macht, verschwendet Roland Spreer offenbar keinen Gedanken. Er ist viel zu beschäftigt. Mit geübten Griffen zieht er das triefende Netz aus dem Wasser, das er am Vortag gestellt hatte. „Das mache ich fast jeden Tag, schlechtes Wetter kenne ich nicht“, sagt Spreer, dem seine 62 Jahre nicht anzusehen sind. Geschickt bewegt er sich über all die Stunden auf dem kleinen Kahn, befreit die Zander, Rapfen, Hechte und Barsche vorsichtig aus dem Geflecht und wirft sie im hohen Bogen in einen großen Wasserbehälter, der in der Mitte des Bootes fest montiert ist. Nur die Blei-Fische kommen in eine große - trockene - Plastiktonne. Sie werden noch am selben Tag Hausschweinen zum Fraß vorgeworfen.
Gegen die Kälte schützt sich Spreer mit einem Pullover und einer gepolsterten gelben Regenjacke, die knapp geschnitten ist und von einem alten NVA-Gürtel eng am Körper gehalten wird. Spreer ist auf den ersten Blick als Seemann erkennbar: Mit seinem graubraunen Vollbart, seinem wettergegerbten Gesicht und der dunkelblauen Seemannsmütze würde er auch in einem volkstümlichen Shantychor eine gute Figur machen, wobei er eher sportlich als gemütlich wirkt.
Für Spreer ist das allerdings keine Show, die er Spreewald-Touristen zuliebe aufführt. Dieser Mann ist mit Leib und Seele dem Wasser verbunden, ganz gleich, ob er auf offener See ist oder auf einem Binnengewässer wie dem Glower See. Auf Rügen in dem Küstendorf Dranske mit Blick auf die Ostsee aufgewachsen, entstammt er einer alten Seemannsfamilie. In den sechziger Jahren absolvierte er eine Fischerlehre auf Rügen und heuerte dann bei der DDR-Handelsmarine an. Es ist daher kein Wunder, dass er die halbe Welt gesehen hat. Umso erstaunlicher dürfte es sein, dass er ebenso gern auf diesem See ganz im Süden Brandenburgs unterwegs ist.
Noch heute fährt er hin und wieder auf Nord- und Ostsee im Auftrag einer dänischen Firma als Steuermann. Im Alltag ist er aber zumeist als Binnenfischer unterwegs. Ein Beruf, der immer seltener wird in Deutschland, obwohl die Nachfrage nach Süßwasserfischen beständig steigt.
Der Gast, den er auf seinem sieben Meter langen selbstgebauten Kahn mitgenommen hat, bringt ihm offenbar Glück: An diesem Tag lohnt sich der Fang. Ein knappes Dutzend Zander geht ins Netz, zahlreiche Rapfen, Barsche und einige wenige Hechte. Die vielen Blei-Fische, die er ständig aus dem Netz pult, sind dagegen eher unerwünscht. Auffällig ist ihre bleiblaue Färbung auf dem Rücken, der die Fische ihren Namen verdanken. Heutzutage werden sie nur noch verfüttert. „Eigentlich schade“, sagt Spreer, aber diesen Fisch wollten sich die Kunden nicht mehr servieren lassen.
Brandenburg hat mehr als 3000 Seen
Eigentlich könnten die Binnenfischer in Brandenburg stark vertreten sein. Das Bundesland hat mehr als 3000 Seen, die größer als ein Hektar sind. Mehr als 200 Seen sind sogar größer als 50 Hektar. Es überrascht daher nicht, dass jeder dritte See- und Flussfischereibetrieb Deutschlands in Brandenburg angesiedelt ist.
Gleichwohl sinkt die Zahl der Binnenfischer kontinuierlich – unsichere Berufsperspektiven und die schwere körperliche Arbeit schrecken die jungen Leute offenbar ab. Die Konkurrenz lauert an vielen Stellen. Da sind die Billiganbieter aus aller Welt, die die Marktpreise drücken. Und da sind die Kormorane in unmittelbarer Nähe, die viele Fische wegschnappen. Den meisten Haupterwerbsfischern bleibt daher nichts anderes übrig, als nebenbei noch anderen Jobs nachzugehen.
Trotz all dieser Schwierigkeiten gibt Roland Spreer nicht klein bei. „Ohne Wasser geht es nicht“, sagt er knapp. Der Fischer blickt kurz den Möwen nach, die seinen Kahn umkreisen, und setzt dann seine Arbeit fort. Über mehrere Hundert Meter zieht sich das Netz quer durch den See. Ab Mittag, wenn der gesamte Fang geborgen ist, wird es wieder ins Wasser gestellt.
Mit Berufskollegen, die die Netze längere Zeit im Wasser lassen, ohne sie zu leeren, geht Spreer hart ins Gericht: „Die haben keine Ehre. Die lassen die Fische elendig verenden.“
Dem Mann, den es vor mehr als 30 Jahren seiner Ehefrau zuliebe ins Hinterland verschlagen hat, geht es nicht allein um Arbeitsethos und Tradition. Was er von anderen Fischern verlangt, ist zunächst einmal handwerkliches Können. Das gelte für die Binnenfischerei ebenso wie für die Fahrt auf hoher See. „Die Menschen verlassen sich nur noch auf den Computer. Aber auf See kann das schiefgehen.“ Die Ausbildung, so seine Meinung, sei heutzutage nicht mehr tiefgehend genug.
Sein 31-jähriger Sohn Holger ist Fischkutter-Kapitän auf der Nordsee. Als er sich kurzzeitig mal mit dem Gedanken trug, einen Job an Land anzunehmen, hatte ihn der Vater energisch ermahnt: „Bleib bei dem, was Du richtig kannst.“ Von klein auf habe er seinem Sohn alles beigebracht, was man auf dem Wasser wissen sollte. Mit einem gewissen Stolz in der Stimme sagt der Vater: „Auf See macht ihm heute keiner so schnell etwas vor.“ Die althergebrachten Berufe mögen heute weniger werden in Deutschland. Aber ganz verloren geben sie sich nicht.
Stefan Koch
Weitere Informationen
www.spreewald.de
HAZ.de Anmeldung
